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Orangerie Seligenstadt : „Gewecks für das GlaßHauß gesucht“

  • -Aktualisiert am

Mit Draht verflochtene Farnmatten mildern die Sonneneintrahlung in der Orangerie in Seligenstadt Bild: Rainer Wohlfahrt

Die Orangerie im ehemaligen Kloster Seligenstadt ist wieder in Betrieb. Die Sanierung des Fachwerkgebäudes kostete 500.000 Euro.

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          Apfelsinen, Zitronen oder Ananas gibt es heute in jedem Supermarkt zu kaufen. Vor 250 Jahren aber waren sie fürs gemeine Volk unerschwinglich. Nur Könige, Fürsten und Reiche konnten sich diesen Luxus leisten. Daran erinnerte der Direktor der Verwaltung der Staatlichen Schlösser und Gärten Hessen, Karl Weber, am Samstag in Seligenstadt, als die Orangerie in der ehemaligen Benediktinerabtei nach anderthalbjähriger Renovierung wieder in Betrieb genommen wurde. 500.000 Euro hat die Restaurierung gekostet. Das ist deutlich mehr als ursprünglich veranschlagt. Seit Mitte der achtziger Jahre hat das Land insgesamt 25 Millionen Euro in die Sanierung des früheren Klosters investiert.

          Die meisten exotischen Früchte überstanden vor Hunderten von Jahren den Transport nicht, und auch Orangen- oder Zitronenbäume hatten kaum Chancen, nördlich der Alpen im Freien zu überwintern. So kam die Idee von Orangerien auf, in denen die Zitronen, Orangen, Pomeranzen, Limonen und Ananas das ganze Jahr über reiften.

          Auch der Abt der Seligenstädter Klosters, Bonifatius Merget, wollte nicht auf diese Extravaganz verzichten, obwohl er, wie Weber anmerkte, niemals von Luxus gesprochen hätte, sondern den Bau der Orangerie im Jahr 1757 mit der heilenden Wirkung der Pflanzen gerechtfertigt hätte. Vor 251 Jahren ließ er die Orangerie auf dem Gelände der Gärtnerei errichten, die mit Rauchkanälen unter dem Fußboden in der kalten Jahreszeit sogar beheizt werden konnte. Weber zufolge handelt es sich bei dem Seligenstädter Fachwerkgebäude um eine seltene Konstruktion des 18. Jahrhunderts, eine sogenannte Schwanenhals-Orangerie mit auskragendem Dach.

          Die renovierte Orangerie in Seligenstadt
          Die renovierte Orangerie in Seligenstadt : Bild: Rainer Wohlfahrt

          Holzkonstruktion im Dachboden mit Chemikalien verseucht

          Erwähnt ist der Bau der Orangerie 1857 in einer Niederschrift der hessen-homburgischen Hofgärtnerei, die damals sehr erfolgreich Limonenkerne kultivierte. Dorthin hatte sich ein Seligenstädter Klostergärtner gewandt und berichtet, dass „der Prälat ein GlaßHauß gebaut welcher etwas gewecks suchen lest“. Weiter heißt es in dem Dokument: „Dieser Mensch inclinierte eben auf Citronen bäum welche sonst nicht gesucht worden sind.“ Manfred Handke von der Schlösserverwaltung wies am Samstag darauf hin, dass die Blüten und Früchte damals den ewigen Frühling symbolisierten und deshalb in der Barockzeit höchstes Ansehen genossen. Im achten Jahrhundert seien Zitronen von Asien kommend nach Griechenland und somit nach Europa gelangt. Schon früh sei ihr medizinischer Wert erkannt worden. Handke meinte denn auch, der Bau der Orangerie, die an den Apothekergarten grenzt, sei als konsequente Fertigstellung einer Einheit zu verstehen.

          Astrid Schlegel von der Schlösserverwaltung erinnerte daran, dass die Glasfassade, das „Herzstück“ der Orangerie, 1803 mit der Säkularisation aufgegeben worden war. Das Gebäude wurde lange Zeit als Lagerraum genutzt und die Fensterfront erst nach dem Zweiten Weltkrieg wiederhergestellt. Laut Schlegel gestaltete sich die Renovierung von Anfang an schwierig. Die Holzkonstruktion im Dachboden war mit Chemikalien, die in Holzschutzmitteln verwendet wurden und heute verboten sind, verseucht und musste dekontaminiert werden. Ein weiteres Problem war die Statik des Fachwerkgebäudes. Die Orangerie stand auf sehr „wackeligen Füßen“, wie sie sagte. Nach ihren Angaben hatte das gesamte Gewicht des Daches auf der Südfassade geruht und die Fundamente nach außen gedrückt. Das Dach selbst drohte einzustürzen. Um die Last aufzufangen, wurden fünf Innenstützen eingezogen und die Fundamente, die sich verschoben hatten, stabilisiert.

          Umbau der Remise fest geplant

          Ein zweiter Schwerpunkt der Sanierung war die aus den fünfziger Jahren stammende morsche Fensterfront. Sie wurde erneuert. Entstanden ist eine Fassade aus 15 Fensterachsen. Als Besonderheit gilt der Umstand, dass die Fenster außen aufsitzen und mit Sturmhaken in der Fassade verankert sind. Dies hat den Vorteil, dass sie leicht herausgenommen werden können. Um zu verhindern, dass es im Innern zu feucht wird und sich ein Saunaklima entwickelt, kann jedes zweite Fenster gekippt werden. Außerdem sind die einzelnen Glasscheiben dachziegelartig angeordnet, so dass sie sich überlappen. Dadurch entsteht ein feiner Spalt, durch den Luft einströmen kann. Mit Draht verflochtene Farnmatten sind außen aufgebracht und werfen Schatten auf die Fensterfront. In der Decke befinden sich kleine Öffnungen, durch die die Luft ins Dach und über die Giebelwände nach außen entweichen kann.

          Um die Orangerie bei Kälte erwärmen zu können, wurde an der Südseite ein neuer Heizkanal aus Ziegeln angelegt. Weber zufolge vermittelt die ehemalige Benediktinerabtei nach mehr als zwanzigjähriger Sanierungszeit „bis auf Winzigkeiten“ heute wieder einen authentischen Gesamteindruck. Nach seinen Angaben soll zum Abschluss der Arbeiten im Winter mit dem Umbau der Remise begonnen und der Backofen erneuert werden. „Das werden wir machen, egal was in Wiesbaden passiert“, versprach der Direktor.

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