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Orange Wine : Die vierte Farbe im Glas

  • -Aktualisiert am

Besonderer Tropfen: „Orange Wine“ ist nicht immer orange und kann auch naturtrüb sein. Bild: Picture-Alliance

Weißwein, der wie Rotwein ausgebaut wird: Das mag nicht jeder. Die Zahl der Anhänger von „Orange Wine“ ist denn auch überschaubar.

          Eine Probe mit 70 Weinen ist auch für geübte Verkoster eine Herausforderung. Dass so viele Weine aus fünf Ländern auf einen Internetaufruf des Weinbloggers und Betriebsleiters des Hattenheimer Weinguts Ress, Dirk Würtz, eingeschickt würden, war nicht absehbar. Es ging nicht um irgendwelche Tropfen, sondern um sogenannte Orange Wines. Eine neue Spielart der Weinerzeugung, für die es keine passende Übersetzung gibt. Denn es geht um mehr als nur um eine vierte Farbe im Weinglas neben Weiß, Rot und Rosé. Und „orangefarbener Wein“ wäre schon insofern eine falsche Deutung, als die Farbe stark variiert und längst nicht alle Tropfen den Farbton aufweisen, der dieser neuen Kategorie den Namen gab.

          Oliver Bock

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis und für Wiesbaden.

          Rotwein, der wie Weißwein ausgebaut wird, ist beispielsweise als Blanc de Noir schon lange ein Begriff und unter Weinfreunden auch als Sommerwein stark gefragt. „Orange Wine“ ist gewissermaßen das Gegenteil. Ein Weißwein, der auf der Maische vergoren wird und daher wie Rotwein hergestellt wird. Die Beeren werden also nicht sofort nach der Ernte gepresst und der Saft nicht direkt von den Beerenhäuten getrennt, sondern komplett mit ihnen vergoren.

          „Orange Wine“ beschreibt eine Herstellungsart

          Dadurch erhält der Wein eine intensive, häufig dunkelgelbe oder orange Farbe. Und vor allem einen anderen Geschmack: Die Maischegärung verleiht ihm eine sensorische Ausprägung, die mehr an Rot- als an Weißwein erinnert. Diese Weine haben Phenole und Tannine, sie schmecken häufig eher streng, oxidativ und erinnern auf der Zunge bisweilen an Sherry.

          Insofern beschreibt „Orange Wine“ eine Herstellungsart. Nicht zu verwechseln mit den derzeit ebenfalls häufiger angebotenen und beschriebenen „Natural Wines“, die in der Regel biodynamisch, also ohne den Zusatz von künstlichen Hefen oder Enzymen hergestellt werden, die nicht selten auch unfiltriert und ungeschwefelt sind. Diese „Naturweine“ sind häufig zwar wie Orange Wine produziert, aber nicht immer. Umgekehrt stammen „Orange Wines“ auch nicht notwendigerweise aus den Kellern von Ökowinzern. „Sie sollten aber unbedingt Ökoweine sein“, meint Würtz, dessen Weingut schon länger ökologisch wirtschaftet, das aber erst jetzt mit dem formellen Zertifizierungsprozess begonnen hat.

          „In Skandinavien und Amerika gehören diese Weine zur Normalität“

          „Orange-Wine“-Erzeuger haben es nicht leicht. Viele vermarkten ihre Tropfen als Landwein, weil die amtlichen Prüfstellen den Erzeugnissen nicht selten die Prüfnummern für Qualitätswein verweigern. Denn „Orange Weine“ sind bisweilen naturtrüb. Sie schmecken häufig weder sorten- noch gebietstypisch. Das sind keine guten Voraussetzungen, um eine amtliche Prüfnummer zu bekommen und als Qualitätswein vermarktet werden zu dürfen. Damit wiederholt sich eine Erfahrung, wie sie die ersten Barrique-Winzer vor 30 Jahren machten, als ihre gehaltvollen Rotweine wegen ihres besonderen Aromas nach der langen Lagerung im Eichenholzfass (Barrique) von vielen Prüfern als „untypisch“ abgelehnt wurden.

          Während Barrique-Weine heute zum Standard auch der meisten deutschen Rotweinerzeuger gehören, stoßen „Orange Wines“ häufig auf Ablehnung. Die Zahl der Fans ist überschaubar. „Grundsätzlich ist der Markt dafür sehr klein“, sagt Würtz. Im Ausland sei die Offenheit gegenüber dieser Art der Weinerzeugung aber größer: „In Skandinavien und Amerika gehören diese Weine zur Normalität“, hat Würtz auf seinen Reisen beobachtet. Ein Massenphänomen seien sie zwar nicht, „irgendwie angekommen“ aber schon.

          Ein Geschmack, der nicht jedem gefällt

          Viele Restaurants hätten erkannt, dass sie tolle Speisenbegleiter seien. Das stimuliere die Nachfrage auf den Auslandsmärkten, während in Deutschland vieles „zu dogmatisch“ gesehen werde. Wer unvoreingenommen verkoste, finde nicht selten auch einen Zugang. Aber: „Diese Weine schmecken komplett anders und dadurch vielen eben gar nicht.“

          Das war auch das Fazit einer der bislang umfangreichsten „Orange-Wine“-Proben in Hattenheim mit Probeflaschen aus fünf Ländern. Immerhin waren sich Fans und „Hasser“ am Ende weitgehend einig im Hinblick auf die Sieger der Verkostung, auch wenn nur wenig angaben, solche Weine tatsächlich kaufen zu wollen. Das Pfälzer Weingut Benzinger hatte in der Endabrechnung die Nase vorn vor Braunewell aus Rheinhessen.

          Auch die Weinwelt wandelt sich fortwährend

          Würtz sieht keinen Anlass für aufgeregte Debatten über „Orange Wines“ in sozialen Netzwerken, in denen heftig gestritten werde: „Es ist eine Geschmackssache, und es ist nur Wein.“ Dass diese Art Wein nach einer kurzen Phase wieder verschwindet, glaubt Würtz jedoch nicht. Schließlich sei diese Art der Bereitung 5000 Jahre alt.

          Wer allerdings einen typischen Riesling mit seiner klaren Frucht von Pfirsich und Zitrus erwartet, der wird womöglich enttäuscht, denn die Methode des Winzers überdeckt das gewohnte Geschmacksbild. „Was aber ist für eine Rebsorte authentisch, und wer definiert das?“, fragt Würtz. Die Weinwelt sei ebenso im steten Wandel wie der Geschmack der Konsumenten. Der Jahrgang 2015 sei dafür ein gutes Beispiel: Analytisch vergleichbar mit dem phänomenalen Jahrgang 1971, aber „geschmacklich liegen Welten dazwischen“.

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