https://www.faz.net/-gzg-a0wd6

Oral-History-Blog „Vitaritus“ : Kuchenrezepte und Kriegserinnerungen

Generationen verbinden: Unter dem Titel „Jung und Alt – Oma und Opa erzählt doch mal“ können sich junge und ältere Menschen austauschen (Symbolbild). Bild: obs

Studenten der Technischen Hochschule Mittelhessen lassen Großeltern in einem Blog aus ihrem Leben erzählen. Das Projekt kommt gut an.

          3 Min.

          Es begann mit einem Link, den Jan Freidank, Professor an der Technischen Hochschule Mittelhessen, an die Teilnehmer seines Kurses „Digitales Marketing“ verteilte. Der Link verwies auf eine Seite namens „Vitaritus“. Ein Neologismus, zu dem es im April diesen Jahres nur acht Google-Einträge gab. Genau deshalb hatte Freidank sich ihn für seinen Kurs ausgesucht. Die Teilnehmer wurden in fünf Gruppen geteilt, mit der Aufgabe, jeweils einen Blog zu erstellen. Dass alle fünf Blogs unter dem selben Namen – eben „Vitaritus“ – laufen sollten, machte sie vergleichbar. Wer betreibt das bessere Marketing? Wer wird von Google höher gelistet?

          Sucht man heute nach „Vitaritus“, findet Google deutlich mehr. Einen Reise- und einen Fotoblog, zwei, die sich mit dem Thema Essen beschäftigten. Weit vorne gelistet wird der Blog „Jung und Alt – Oma und Opa erzählt doch mal“. Der Kurs hatte vier Studentinnen und einen Studenten eher zufällig zusammengebracht. Bei der Themenfindung stellten die fünf fest, wie wichtig ihnen allen ihre Großeltern waren. Und wie schade sie es fanden, dass diese viel zu wenig gehört würden. In der Öffentlichkeit, aber auch im Privaten. Sie beschlossen, genau das zum Thema ihres Blogs zu machen.

          „Wie oft sind wir auf einer Familienfeier mit unseren Großeltern, aber wir fragen eigentlich nie: Wie war das damals bei euch? Wie habt ihr früher gefeiert?“, sagt Bianca Kreil, Mitgründerin des Blogs. Mit „Jung und Alt“ wollen die fünf genau diese beiden Altersgruppen zusammenbringen. Einerseits jüngeren Leuten das Wissen älterer Generationen vermitteln, andererseits den Großeltern zeigen: Euer Wissen ist gefragt.

          Blog als Möglichkeit, um mit anderen in Kontakt zu treten

          Ihre Oma wisse so viel über Kräuter, erzählt Kreil – eine Internetseite, die da mithalten könne, müsse man erst finden. Unter den Kategorien Leben, Lachen und Lernen teilen die Großeltern die verschiedensten Dinge mit ihren Lesern: von Erdbeerkuchenrezepten bis zu der Geschichte einer Kindheit im Krieg. Für die Interviews nehmen sich die Blogger viel Zeit. Sie filmen, machen Fotos. Immer mit ausreichendem Abstand, versteht sich. Gerade in Corona-Zeiten, da Ältere oft vom geselligen Leben abgeschnitten sind, ist der Blog eine Möglichkeit, mit anderen in Kontakt zu treten.

          „Natürlich mussten wir am Anfang ein paar Sachen erklären“, sagt Kreil. Zum Beispiel, was ein Blog ist und wer so etwas liest. Inzwischen tun das mehr Menschen als gedacht. Denn eigentlich, erzählt die Studentin, habe sich der Blog explizit an junge Leute gerichtet. Nun aber seien die Leser bunt gemischt. Menschen aus der Generation ihrer Eltern hätten ebenfalls Freude an den Geschichten, und auch die Großeltern tauschten sich inzwischen untereinander aus. Oma Erni, die immer wieder in den Geschichten vorkommt, weil sie mit ihrer Enkelin Anne, die den Blog mitgegründet hat, unter einem Dach lebt, ist laut Kreil schon auf der Straße angesprochen worden.

          Eigener Instagram-Kanal mit rund 400 Followern

          Die Gruppe bespielt nicht nur den Blog, sondern auch die sozialen Medien. Der Instagram-Kanal „Jung und Alt“, dessen Profilbild das Logo des Blogs – einen Lebensbaum – zeigt, hat inzwischen rund 400 Follower. Über die Plattform sind die Blogger schon kontaktiert worden und so auf weitere Geschichten gestoßen. Sie freuen sich darüber. Denn natürlich sei es anfangs hauptsächlich um ihre eigenen Großeltern oder Menschen aus deren Bekanntenkreis gegangen. Das liege aber schlicht daran, dass das für den Anfang einfacher sei. Generell sei man aber an allen älteren Menschen interessiert, sagt Kreil. Sie müssten nicht einmal Enkel haben, es gehe um die Geschichten einer Generation. Ebenso sei der Blog nicht nur für junge Leute mit Großeltern gedacht, sondern auch für diejenigen, die keine hätten, mit denen sie sprechen könnten.

          Wie lange das Projekt noch weiterläuft, weiß Kreil nicht. Als Lehrveranstaltung wird es mit Ende des Sommersemesters abgeschlossen sein, ob sich die Studenten dann davon trennen werden, wissen sie noch nicht. „Es ist uns schon allen sehr ans Herz gewachsen“, sagt Kreil. „Es könnte also gut sein, dass wir weitermachen, wenn auch vielleicht nicht mit der gleichen Intensität wie jetzt, denn natürlich nimmt es schon viel Zeit in Anspruch.“ Drei Blogeinträge in der Woche gibt es momentan, in Zukunft könnte es vielleicht nur noch einer sein. Regelmäßige Leser des Blogs werden sich vermutlich freuen, wenn der Nachschub an Geschichten aus dem Leben von Oma und Opa nicht abreißt.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Ein Mund-Nasen-Schutz liegt auf dem Asphalt einer Einkaufsstraße.

          Corona-Pandemie : Neue Corona-Kennwerte braucht das Land

          Steigende Neuinfektionen versetzen Deutschland in Corona-Panik. Doch auch andere Parameter als allein die Zahl der Infizierten sind jetzt entscheidend für die Einschätzung der Corona-Pandemie in diesem Winter.
          Soldaten des Kommandos Spezialkräfte (KSK) stürmen in Calw während einer Übung in eine Tür (Archivbild).

          Wehrbeauftragte Eva Högl : „Es wäre falsch, das KSK aufzulösen“

          Das Kommando Spezialkräfte wird grundlegend reformiert, um rechtsextreme Umtriebe künftig unmöglich zu machen. Die Wehrbeauftragte war bei der „Höllenwoche“ des Verbands dabei. Ein Gespräch über ihre Eindrücke.
          SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach

          SPD-Gesundheitsexperte warnt : Lockdown möglicherweise schon in wenigen Wochen

          Die jetzigen Einschränkungen reichten nicht aus, um einen deutlichen Anstieg der Todeszahlen zu verhindern, sagt Karl Lauterbach laut einem Bericht. Er fordert mehr Homeoffice und eine Aufteilung von Schulklassen. Auch der Außenhandelsverband warnt vor einem neuen Lockdown.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.