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Opel-Stadt Rüsselsheim : Flächenwandel wie am Fließband

Neues Zentrum: Aus dem Opel-Altwerk am Rüsselsheimer Bahnhof (vorne Mitte) soll ein vielfältiges Viertel entstehen mit einer Oldtimer-Schau im Zentrum Bild: Activ-Group

Wenn Opel weiter schrumpft, ist es für Rüsselsheim schmerzhaft. Andererseits bietet der Wandel auch Chancen für die Stadt.

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          Mit ihren Flächen gehen die Rüsselsheimer immer noch verschwenderisch und bisweilen auch ein bisschen planlos um. Das hat sich gerade erst beim Gewerbepark West gezeigt, wo der Möbelkonzern Ikea auf ehemaligem Opel-Gelände ein regionales Logistikzentrum errichten wollte. Die Stadtverordneten stimmten aus Angst, von dieser Entwicklung überrollt zu werden, allerdings gegen das Bauvorhaben und für eine kleinteilige Entwicklung des verkehrsgünstig gelegenen Areals. Weil absehbar ist, dass die seit 2017 zum französischen PSA-Konzern gehörende Opel Automobile GmbH früher oder später weitere Flächen auf- und abgeben wird, wollen die Stadt und der sie über Jahrzehnte hinweg prägende Autobauer fortan gemeinsam planen, wie die Zukunft im Rüsselsheimer Westen aussehen könnte.

          Markus Schug

          Korrespondent Rhein-Main-Süd.

          Bis Sommer sollen eine Standortanalyse und ein Rahmenkonzept vorliegen, was gut 60.000 Euro kosten dürfte. An der Erstellung eines solchen Grundsatzpapiers will sich zudem die Hessen Trade & Invest als Wirtschaftsförderungsgesellschaft des Landes beteiligen. Klar ist dagegen, dass das rund 65.000 Quadratmeter große und seit 20 Jahren brachliegende Opel-Altwerk direkt am Bahnhof von der zur Dünkel Holding gehörenden Activ-Group von 2023 an in ein neues Stadtquartier verwandelt werden soll: mit Wohnungen, Büros, Gastronomie, eventuell einem Hotel sowie einer das historische Gebäudeensemble prägenden Motorworld-Manufaktur mit Schauräumen, Werkstätten und Läden für Oldtimer- und Sportwagen-Liebhaber. Für das schätzungsweise mehr als 100 Millionen Euro kostende Großprojekt „Opel-Forum Rüsselsheim“ haben sich die Stadtverordneten Ende des vergangenen Jahres mit 40 zu drei Stimmen ausgesprochen.

          Oldtimer-Garage

          Auf der anderen Seite der Bahngleise gibt es im alten Opel-Bau F, der von Grund auf saniert und umstrukturiert wurde, sogar schon so etwas wie eine Blaupause für künftige Umwandlungsprozesse. In dem denkmalgeschützten Backsteingebäude sind unter anderem ein neues Gymnasium, ein Restaurant und passend zur Geschichte der einstigen Werkhalle zudem eine Oldtimer-Garage untergekommen. Für die ebenfalls an den Schienen gelegenen Grundstücke direkt im Anschluss an die geplante Motorworld sowie für die stark versiegelten Opel-Flächen zwischen Mainzer Straße und Mainufer, auf denen mittelfristig gleichfalls andere Nutzungen vorstellbar sind, sollen möglichst bald städtebauliche Wettbewerbe in Auftrag gegeben werden.

          Schließlich sei Rüsselsheim, nicht zuletzt wegen seiner Lage mitten im Rhein-Main-Gebiet, ein attraktiver Standort, sagte der parteilose Oberbürgermeister Udo Bausch am Donnerstag in einem Pressegespräch zur weiteren Entwicklung der „stark wachsenden Stadt“ mit derzeit fast 4000 Unternehmen. Für ansiedlungswillige Firmen werde man etwa im Opel-Altwerk, im Gewerbepark West und auf der Bauschheimer Eselswiese in den nächsten Jahren sicher immer noch einen passenden Platz finden. Außerdem gibt es Bausch zufolge vor allem in ehemaligen Opel-Gebäuden derzeit rund 30.000 Quadratmeter freie Büroflächen, an deren Vermarktung sich die Kommune künftiger stärker als bisher beteiligen wolle.

          Mit rund 500 Neubürgern jährlich und momentan mehr als 66.000 Einwohnern sei Rüsselsheim zudem ein begehrter Wohnort, sagt der Rathauschef. Das wiederum habe die Grundstückspreise innerhalb von zwei Jahren um bis zu 20 Prozent steigen lassen. Dieser Trend werde wohl anhalten und sich mit leichter Verzögerung auf die Mieten auswirken. Umso wichtiger ist es laut Bausch, dass die Gewobau als kommunaler Wohndienstleister auch in Zukunft für bezahlbaren Wohnraum sorge. Grundsätzlich sei die Stadt mit ihren Baugebieten wie Eselswiese, Quartier am Ostpark und Wohnen am Verna-Park gut aufgestellt. Alles zusammengerechnet, seien aktuell „37 Hektar in der Pipeline“.

          Kaufkraft in der Stadt halten

          Ob und wie die im Wettbewerb mit dem Online-Handel stehende Einkaufsstadt Rüsselsheim aufgewertet werden kann, soll ein 2020 in Auftrag gegebenes Zentrenkonzept zeigen. „Wir wollen einen Großteil der Kaufkraft von bisher 450 Millionen Euro in der Stadt halten“, kündigte Bausch jedenfalls schon einmal an. In Zukunft möchte man noch dazu für Tagesgäste und Kurzurlauber interessanter werden, die in der Festung, den Opelvillen sowie im Stadt- und Industriemuseum stets – außer im Lockdown – willkommen seien. Momentan bleibt Gästen jedoch nur ein Spaziergang durch Ost- und Verna-Park oder auf dem Mainvorland.

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