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Onlinelehre : Norwegisch lernen mit Blick auf den Fjord

  • -Aktualisiert am

Zeigt Flagge: Jana Ufermann ist bekennender Norwegen-Fan. Bild: privat

Jana Ufermann ist Dozentin für Norwegisch an der Technischen Universität Darmstadt. Ihre Studenten unterrichtet sie auch nach Corona digital - von einer Lofoten-Insel aus.

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          Das Licht ist erst vor wenigen Tagen zurückgekehrt. Nach wochenlanger Dunkelheit erhellen die ersten Sonnenstrahlen wieder den Himmel über Jana Ufermanns Haus in Stamsund, einem kleinen Ort am südlichen, ausgefransten Rand der Lofoten-Inselgruppe. Es ist Mørketid, wie die Norweger sagen – Polarnacht. „Seit dem 5. Januar geht es mit dem Licht wieder aufwärts“, berichtet Ufermann. Bald wird die 38 Jahre alte Deutsche von ihrem Fenster aus wieder das nahe Nordmeer sehen können, die Moorlandschaft und Berge am Horizont. Ein Ausblick, für den allein sich der Umzug von Frankfurt nach Nordnorwegen gelohnt hat.

          Mehr als 2800 Kilometer liegen zwischen dem Campus der TU Darmstadt und dem Schreibtisch auf den Lofoten, an dem Ufermann nunmehr seit 2021 den Laptop aufklappt, um ihre Sprachstudenten per Zoom zu unterrichten. Seit dem Sommersemester 2019 ist sie Mitarbeiterin des Sprachenzentrums der TU Darmstadt – als einzige Norwegischlehrerin der Universität. Aktuell gibt sie zwei Fortgeschrittenenkurse für jeweils rund 20 Studenten, die die Sprache lernen, meist weil sie ein Auslandssemester in Norwegen verbringen wollen. Für den nächsten Anfängerkurs ist die Warteliste schon lang.

          Einfacher Wechsel zur digitalen Lehre

          Bis Mitte Februar 2020 saß Ufermann ihren Studenten noch persönlich gegenüber, lehrte Grammatik, norwegische Eigenheiten oder übte mit ihnen Konversation. Dann kam das Coronavirus, und die Lehre wurde ins Netz verlegt. „Die TU hat da sehr schnell eine gute Onlinelösung gefunden“, sagt die Dozentin. Der Wechsel zum digitalen Unterricht war für sie nicht schwierig. Einen Teil ihrer Sprachschüler hatte die gebürtige Thüringerin schon zuvor per Skype unterrichtet. Ufermann arbeitet bereits viele Jahre für die Volkshochschule, für Spracheninstitute oder gibt Privatstunden.

          Dennoch ist ein interaktiver Universitätsunterricht eine didaktische Herausforderung. Statt im Kursraum von Schüler zu Schüler zu gehen, muss sich Ufermann digitale Wege überlegen. So ergänzt sie etwa den Unterricht mit separaten „Break-out-Räumen“ für Gruppenarbeiten, versucht die Studenten mit Sprachspielen, Fotos, Hörübungen oder Gesprächen untereinander zu motivieren und ihre Aufmerksamkeit zu fesseln. Ist jemand unaufmerksam, spricht sie ihn direkt an. Den Leistungsstand der Teilnehmer kennt Ufermann genau. Das ist wichtig für die Vorbereitung auf Prüfungen, die ebenfalls digital stattfinden.

          Die Schüler erleben mit, wie das Licht schwindet

          Wer in Ufermanns Onlineunterrichtsraum kommt, wird mit einer Norwegen-Flagge und dem Bild einer Fjordlandschaft im Hintergrund begrüßt. In ihren Kursen legt sie den Fokus auf mündliche Konversation. Das Leben auf den Lofoten ist vor allem in den Fortgeschrittenenkursen der TU-Studenten Bestandteil des Unterrichtes. Live können ihre Schüler miterleben, wie während der Mørketid das Licht mit jeder Woche schwindet. Aus persönlichen Schilderungen erfahren sie authentisch, wie sich der Alltag im Norden gestaltet, was die norwegische Gesellschaft prägt, wie Verwaltung oder Gesundheitswesen funktionieren, ob es gerade schneit oder wie der letzte Angelausflug war. „Ich möchte den Studenten ein Gefühl dafür geben, wie es ist, in Norwegen zu leben“, sagt Ufermann. Schließlich müssen sie sich im Auslandssemester bald selbst im Land zurechtfinden.

          Die Liebe zu Skandinavien entdeckte Jana Ufermann während Familienurlauben in Dänemark. An der Frankfurter Universität begann sie ein Studium in Nordischer Literatur, absolvierte schon früh ein Auslandssemester. „Ich wollte unbedingt Norwegisch in Norwegen lernen.“ Hoch motiviert lernte sie ihr Lehrbuch auswendig, um die Sprachprüfung zu bestehen. „Doch ob man die Sprache gut spricht, lernt man eigentlich erst im Land selbst.“ Zumal es in Norwegen Hunderte Dialekte gibt. Mit dem Wechsel an die Uni Bergen kam die junge Studentin das erste Mal nach Norwegen. Die Stadt am Meer, die Menschen, die Natur, „sogar den Regen habe ich geliebt“, sagt sie und lacht. Bergen ist die Stadt mit dem meisten Niederschlag in Norwegen.

          „Plötzlich hatte ich einen Job und eine Wohnung in Tromsø“

          Ufermann blieb im Norden und machte dort 2006 ihren Abschluss. Eigentlich hatte sie sich vorgestellt, später im Verlagswesen zu arbeiten. „Norwegen hat einen spannenden, großen Buchmarkt.“ Doch es kam anders. Als sie einer Freundin in Tromsø beim Umzug nach Oslo helfen wollte, lernte sie auf der Abschiedsparty deren früheren Arbeitgeber kennen, der ihr die vakante Stelle anbot. „Plötzlich hatte ich einen Job und eine Wohnung in Tromsø.“ Im Winter zeigte sie fortan Touristen die Schönheit der Polarlichter und im Sommer die spektakuläre Natur nördlich des Polarkreises, bevor sie 2008 zurück ins Rhein-Main-Gebiet zog, um als Sprachlehrerin zu arbeiten.

          Der spätere Umzug auf die Lofoten war kein bewusster Abschied von der Stadt oder Zivilisationsflucht. „Ich habe gerne in Frankfurt gewohnt, auch wenn ich eigentlich kein Großstadtmensch bin.“ Sie mag die Weite, das Zusammenspiel von Himmel, Meer und Bergen, ohne jedoch Naturromantikerin zu sein. Ihre Erfahrungen im hohen Norden haben sie Respekt vor den Naturgewalten gelehrt. Auf die Inselgruppe südlich des Polarkreises hat sie eher der Zufall verschlagen oder vielmehr die Suche nach einer Arbeitsstelle, die ihr Lebensgefährte – ein leidenschaftlicher Angler – als Controller in der Fischindustrie fand. „Wir haben einfach unser Auto gepackt und sind losgefahren“, erinnert sie sich.

          Das war kurz vor Ausbruch der Pandemie. Corona, sagt Jana Ufermann, hatte viele Nachteile, für sie aber war es eine Chance. „Man hat erlebt, dass Onlineunterricht eine gute Alternative sein kann.“ Ihre Studenten jedenfalls halten ihr digital die Treue. Sie wollen den Kurs fortsetzen, und einige schalten sich auch nach dem Auslandssemester in Norwegen wieder ihrem Unterricht zu.

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