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On-Demand-Shuttleservice : Fast bis vor die Haustür

  • -Aktualisiert am

Ein Algorithmus berechnet die ideale Tour, auf der die Fahrer der vollelektrischen Kleinbusse ihre Passagiere einsammeln. Bild: Helmut Fricke

Der On-Demand-Shuttleservice „Emil“ in Taunusstein funktioniert reibungslos. Momentan sind fünf Busse unterwegs, es sollen aber bald mehr werden. Weitere Städte planen ähnliche Angebote.

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          Achim Hartwig und sitzt ganz entspannt hinter dem Steuer des elektrisch betriebenen Nissan-Kleinbusses. „Wer einmal mitgefahren ist, der fährt immer wieder mit“, sagt er. Der Fahrer ist sozusagen Mitarbeiter der Verkehrswende im Rhein-Main-Gebiet und sorgt dafür, dass der Taunussteiner Beitrag zum deutschlandweit größten On-Demand-Angebot reibungslos funktioniert. Der gebürtige Brandenburger lenkt „Emil“ seit mehr als einem Monat durch die Straßen der Stadt. So lautet der Name des Shuttle-Service, den der Rhein-Main-Verkehrsverbund (RMV) zusammen mit der Rheingau-Taunus-Verkehrsgesellschaft im Juli dieses Jahres in Taunusstein in Betrieb genommen hat.

          Seit Donnerstag sind nun auch die bestellten vollelektrischen Mercedes-Kleinbusse auf den Straßen unterwegs und werden sukzessive die Nissan-Busse ablösen. Emil, das ist das Ziel, soll die „Mobilität von morgen“ sein, wie Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) bei der Inbetriebnahme per Videobotschaft mitgeteilt hatte.

          Das könnte durchaus funktionieren, denn das System macht einen ausgereiften Eindruck. Die dazu notwendige App des RMV ist innerhalb weniger Minuten auf dem Handy installiert. Mit wenigen Klicks wird Start- und Zielort eingegeben und schon erscheint die Meldung: „Sieben Minuten, bis Ihr Shuttle eintrifft.“ Das ist schnell, der Treffpunkt mit dem Shuttle liegt nur 50 Meter von der Haustür entfernt. In der Tat dauert es nur wenige Minuten und Hartwig steht mit dem Bus am Einkaufszentrum im Stadtteil Hahn.

          „Viel billiger als ein Taxi“

          Fahrer und Passagierkabine sind durch eine Folie abgetrennt, der Fahrer reicht ein Kartenlesegerät nach hinten, denn bezahlt wird per EC-Karte. 3,35 Euro kostet die Fahrt, das ist nicht viel. „Heute Morgen ist noch nicht so viel los. Gegen Abend fahre ich mehr Menschen, weil die Busverbindungen dann nicht so gut sind“, sagt Hartwig und fährt leise los. Seine Passagiere, so erzählt er, sind im Regelfall begeistert und er kennt auch den Grund: „Die Leute werden ja fast bis vor die Haustür gefahren und es ist viel billiger als ein Taxi.“

          Angekommen im Stadtteil Wehen verabschiedet sich Hartwig und fährt zum nächsten Fahrgast. Es ist wohl eine der letzten Fahrten mit dem Nissan, denn die etwas größeren und komfortablen Mercedes-Busse sind am Freitag ebenfalls schon unterwegs. Am Wehener Schloss dauert es nun etwas länger. In 29 Minuten ist der nächste „Emil“-Bus für die Rückfahrt da, teilt die App mit.

          Pünktlich auf die Minute und fast lautlos fährt Ahmed Faiz kurze Zeit später mit einem der neuen Busse heran, die Tür öffnet sich automatisch und im Inneren des Vans riecht alles noch neu. Platz wäre für sechs Fahrgäste, aufgrund der Corona-Pandemie ist die Zahl der Sitze derzeit auf vier beschränkt. Faiz fährt die gleiche Strecke wieder zurück, aber erst, nachdem auch er das Lesegerät zum Bezahlen durchgereicht hat. Alles funktioniert reibungslos. Die Fahrt ist bequem, schnell und effizient.

          In der App sind im gesamten Stadtgebiet rund 1000 virtuelle Haltestellen vorgesehen, die auf Wunsch angesteuert werden. Je nachdem, wie viele Fahrgäste Emil buchen, können während der Fahrt weitere Passagiere aufgeladen werden. Ein Algorithmus berechnet dann die ideale Fahrtstrecke, damit die Passagiere möglichst schnell ans Ziel gelangen.

          Weiter als 150 Meter vom Haus entfernt soll der Bus nicht halten und länger als 15 Minuten die Wartezeit nicht sein. Die fünf Busse sind montags bis donnerstags zwischen 5.30 Uhr und 22.30 Uhr unterwegs sein, freitags und samstags enden die Fahrtzeiten um 0.30 Uhr und am Sonntag ist Emil von 8.30 Uhr bis 22.30 Uhr auf der Piste. Der Name ist übrigens nach einer Befragung der Taunussteiner Bürger gewählt worden.

          Flotte von 150 Fahrzeugen geplant

          Die On-demand-Busse fahren derzeit nur in den zehn Taunussteiner Stadtteilen, wer also nach Bad Schwalbach oder Wiesbaden will, muss weiterhin den Bus oder ein Taxi nehmen. Dabei soll es nicht bleiben, denn RMV-Geschäftsführer Knut Ringat hatte während der Vorstellung des Prototyps mitgeteilt, dass insgesamt zehn hessische Kreise und Kommunen an das On-demand-System angeschlossen werden sollen.

          In Darmstadt heißt das System „HeinerLiner“, in Offenbach „Hopper“ und beide sind bereits in Betrieb. Im Oktober soll in Frankfurt „Knut“ in vier Stadtteilen folgen. Wenn bis Ende 2021 alle Partner ihr On-Demand-Angebot auf die Straße gebracht haben, soll laut RMV insgesamt eine Flotte von bis zu 150 Fahrzeugen unterwegs sein. Die Passagiere, so die Vision des Verkehrsverbundes, werden die unterschiedlichen Angebote, etwa in Limburg, Hanau und Wiesbaden, dann als ein Gesamtangebot wahrnehmen.

          Fahrer Faiz ist mittlerweile am Mühlfeldzentrum in Hahn eingetroffen und sucht einen Parkplatz. Den gibt es allerdings nicht und Faiz fährt nach Rücksprache 50 Meter weiter bis direkt vor die Haustür seines aktuellen Fahrgastes. Bequemer geht es kaum. Nach der freundlichen Verabschiedung braust auch Faiz weiter. In der RMV-App gibt es die Möglichkeit, die Fahrt zu bewerten. Die maximalen fünf Sterne sind Emil und seinen Fahrern sicher.

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