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Offenbach : Stadtmuseum mit zu vielen Blindstellen

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Es soll das zur Zeit "modernste Museum" in der Region sein, ein "Referenzmodell". Der seinerzeitige Kulturdezernent Stephan Wildhirt (SPD) scheute den Superlativ nicht, als er Ende Januar das "Haus der Stadtgeschichte" eröffnete, zu dem das neu gestaltete Stadtmuseum gehört.

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          Es soll das zur Zeit "modernste Museum" in der Region sein, ein "Referenzmodell". Der seinerzeitige Kulturdezernent Stephan Wildhirt (SPD) scheute den Superlativ nicht, als er Ende Januar das "Haus der Stadtgeschichte" eröffnete, zu dem das neu gestaltete Stadtmuseum gehört. Doch was erfährt der Besucher, wenn er das von dem Kunsthistoriker Jürgen Eichenauer konzipierte und geleitete Museum besichtigt?

          Für den Wechsel des Stadtmuseums von der Villa im Dreieich-Park in die ehemalige, 1733 gegründete Schnupftabakfabrik der "Gebrüder Bernard", Offenbachs ersten Industriebetrieb, wurde das Gebäude an der Herrnstraße nach Plänen der Regensburger "Architektenwerkstatt" umgebaut. Die Hausarchitekten der "Gebrüder Bernard A.G." sind bei dem 1,2 Millionen Euro teuren Umbau behutsam vorgegangen, haben wichtige Merkmale des 1896 errichteten Klinkerbaus erhalten: die Raumgliederung, die Stahlstützen und Träger, die hohen Fenster. Was an moderner Technik nötig ist, etwa die Lüftung, hängt in metallischem Glanz von der Decke. Die "Industriehalle", Stätte künftiger Wechselausstellungen und Veranstaltungen, erinnert mit ihren vier Meter hohen Wänden klarer als die übrigen Räume an die frühere Fabrik. In dieser Halle spürt man: Der "Bernard-Bau" selbst ist ein Museumsstück.

          Das Stadtmuseum erstreckt sich über zwei Stockwerke. Im unteren Ausstellungsraum werden die Vor- und Frühgeschichte und das frühe Mittelalter dargestellt, ergänzt durch zwei Stadtmodelle aus der Zeit um 1800 und 1850 sowie ein Modell des Isenburger Schlosses. Der Nebenraum ist Offenbachs Industriegeschichte gewidmet. Im Zentrum steht dort der Nachbau der von Alois Senefelder entwickelten Stangenpresse. Die von ihm erfundene Lithographie und deren kommerzielle Verwertung durch die "Notenfabrique Andre" zu Beginn des 19. Jahrhunderts sind Thema der Präsentation: An der Wand hängen 70 Drucksteine; in einer Vitrine sind bei Andre gedruckte Partituren von Mozart-Opern zu sehen. Exponate aus der Lederwarenherstellung, dem Eisenkunstguß und der Schnupftabakfabrik ergänzen die knappe Darstellung der Industriegeschichte.

          Im oberen Stockwerk markieren hellgraue Podeste ein "Themenplateau" als Mittelpunkt des Raumes. Bisher im Museum wenig beachtete Themen werden unterschiedlich genau anhand von Objekten, Bildern und Schriftstücken dargestellt: "Lili und Goethe", "Sophie von LaRoche", "Goethe in Offenbach", "Hugenotten", "Jüdisches Leben", "Münzstätte", "Sportstadt" und das "Offenbacher Wappen". An den Wänden reihen sich die neu eingerichtete Bildergalerie mit Gemälden unter anderem von Georg Heinrich Hergenröder und Georg Oswald May, das Modell der Offenbacher Synagoge von 1916, das Puppenhaus der Familie d'Orville und die Vitrinen mit Fayencen aus hiesiger Herstellung.

          Doch trotz der Themenvielfalt - die Perspektive ist auf die Frühzeit und das 18. Jahrhundert verengt. Während die frühen Epochen in der unteren Etage den größten Platz beanspruchen, wird die Neuzeit nur gestreift. Zwar sind zahlreiche archäologische Funde zu sehen - von einem 10000 Jahre alten Einbaum bis zum Skelett eines vor 1400 Jahren gestorbenen elfjährigen Mädchens, doch fehlt eine Dokumentation des Wirkens der Isenburger Grafen, die Offenbach im 16. Jahrhundert zur Residenzstadt wählten und bis 1815 die wirtschaftliche und politische Entwicklung prägten.

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