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Offenbach : Museumsgründer: Unter falschem Namen die Nazizeit überlebt

  • Aktualisiert am
Namensgeber für Museum: Bildhauer Bernd Rosenheim
          3 Min.

          Als auch in seiner Geburtsstadt die Synagoge brennt, ist Bernd Rosenheim gerade sieben Jahre alt und besucht seit kurzem die jüdische Schule. Am Morgen des 10. November 1938 findet er die Schule verlassen vor. Alles sei verkohlt gewesen. In der Synagoge hätten SA-Leute mit der Thora Fußball gespielt, und ein Mann habe zu ihm gesagt: Geh' heim, Bub, heute ist keine Schule. Freudestrahlend sei er nach Hause gerannt, erinnert sich Rosenheim. Erst später begreift er, welche Katastrophe sich angebahnt hatte.

          Fast die gesamte Familie wird von den Nazis ermordet. Lediglich seine Mutter, ein Onkel und er selbst überleben. Als ihre Wohnung bei den Bombenangriffen auf Offenbach zerstört wird, taucht die Mutter mit ihm im Odenwald unter falschem Namen unter. Die Vergangenheit Rosenheims, der im nächsten Frühjahr das erste private Offenbacher Museum für zeitgenössische Kunst in der ehemaligen Industriellenvilla im Dreieich-Park eröffnen will (F.A.Z. vom 28. Oktober), ist kaum bekannt. Das Schicksal seiner Familie hat er nie zum Thema gemacht.

          „Ich bin nicht gläubig“

          Wer den Vierundsiebzigjährigen fragt, ob er Jude sei, erhält zur Antwort ein entschiedenes Nein. Er sei nicht gläubig, sagt er. Rosenheim, der sich als Bildhauer und Maler sowie als Drehbuchautor von Fernsehfilmen über Indien und China sowie als Verfasser von Dokumentationen einen Namen gemacht hat, wollte schon als Kind Künstler werden. Er habe immer nur gezeichnet und sei deshalb auch ein schlechter Schüler gewesen. Auf dem Offenbacher Leibniz-Gymnasium porträtiert er seine Lehrer, „statt ihre Weisheiten zu notieren“. Noch vor dem Abitur erhält der talentierte Zeichner eine Ausnahmegenehmigung, um an der damaligen Werkkunstschule (heute Hochschule für Gestaltung) studieren zu können. Später wechselt er an die Werkakademie in Kassel sowie ans Städel in Frankfurt, wo er außerdem an der Goethe-Universität ein Studium der Kunstgeschichte, Geschichte, Philosophie und Archäologie beginnt.

          Schon früh unternimmt Rosenheim Reisen nach West- und Südeuropa, Asien, Sudan, Indien, Kambodscha, China, Korea, Japan oder Neuguinea. Über seine Expeditionen produziert er Beiträge für Radio und später für Fernsehen. Aber immer ist er auch künstlerisch tätig, stellt aus und beteiligt sich an öffentlichen Wettbewerben. Das Mahnmal für die Opfer des Krieges und der Gewaltherrschaft vor dem Offenbacher Rathaus stammt von ihm, ebenso die Skulptur vor der Geschwister-Scholl-Schule oder der „Phönix“ vor dem Hauptpostamt in Wiesbaden.

          Aber auch das Schreiben kann er nicht lassen. Gerade ist seine Gesamtdarstellung der chinesischen Kunst von 5000 vor Christus bis 1911 fertig geworden. Fast 20 Jahre lang hat Rosenheim daran gearbeitet. Jetzt hofft er auf einen Verlag, der das fast tausendseitige Werk über Architektur, Plastik und Malerei veröffentlicht.

          In Offenbach hält sich Rosenheim eher selten auf. 1989 hat er sich in Kenmare (Irland) eine Ruine zu einer Werkstatt ausgebaut. Dort findet er die Ruhe und Abgeschiedenheit, um sich auf die Arbeit konzentrieren zu können. In Deutschland ist er meistens in seinem Atelier in Michelstadt im Odenwald, aber in jüngster Zeit auch häufiger in seinem Offenbacher Atelier an der Kirchgasse anzutreffen.

          Museum nach ihm benannt

          Umbau und Renovierung des künftigen Museums machen seine Anwesenheit erforderlich. Daß das nach ihm benannte Museum in seiner Geburtsstadt realisiert wird, verdankt sich nach seinen Worten eher dem Zufall als einem „Lokalpatriotismus“. Die Stadt hatte nach einem Käufer für die Villa gesucht, in der drei Jahrzehnte lang das Stadtmuseum untergebracht war. Weil das 1873 errichtete Gebäude den Vorstellungen der Rosenheim-Stiftung entsprach, die Träger des Museums ist, waren sich beide Seiten rasch einig.

          Eigentümerin und Betreiberin des Hauses wird die 1993 gegründete Rosenheim-Stiftung sein, die mit einem Grundkapital von mehr als einer Million Euro ausgestattet ist. Die Stadt muß keinen Cent an Investitionen, für Personal und Unterhaltung zahlen. Für den kinderlosen Rosenheim erfüllt sich mit dem Museum ein Traum: Er kann nun seine Arbeiten sowie seine Sammlung der Öffentlichkeit zugänglich machen.

          Allerdings geht es ihm nicht nur um die Bewahrung des eigenen Werks über den Tod hinaus, sondern Rosenheim möchte auch andere fördern. In Planung sind Ausstellungen mit deutschen und internationalen Künstlern zu wechselnden Themen sowie Kooperationen mit anderen Museen. Auch der alle zwei Jahre verliehene Kunstpreis soll künftig hier ausgelobt werden. Themen für künftige Ausstellungen und Wettbewerbe hat Rosenheim in Hülle und Fülle.

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