https://www.faz.net/-gzg-weuv

Offenbach : „Das Bild von der Industriestadt korrigiert“

Offenbacher Schönheit: Häuserzeile aus dem 19. Jahrhundert in der Krafftstraße Bild: F.A.Z. - Wohlfahrt

Offenbach gilt als schmucklos. Die jetzt vorliegende „Denkmaltopographie“ zeigt ein anderes Bild: das einer Stadt mit rund 1600 geschützten Bauwerken.

          Nun ist es amtlich: Offenbach besitzt, seine Vororte inbegriffen, 403 einzelne Kulturdenkmäler, dazu 29 „Gesamtanlagen“, zum Beispiel Straßen- oder Grünzüge, zusammen zirka 1600 denkmalgeschützte Bauwerke. Das älteste Bauwerk ist das 1559 errichtete Isenburger Schloss, jüngstes das 1971 eröffnete Rathaus.

          Anton Jakob Weinberger

          Freier Autor für die Rhein-Main-Zeitung in Offenbach.

          Bei der Vorstellung der vom Landesamt für Denkmalpflege herausgegebenen „Denkmaltopographie Stadt Offenbach“ äußerte sich Oberbürgermeister Horst Schneider (SPD) zufrieden: „Das Bild von Offenbach als Arbeiter- und Industriestadt wird durch die Denkmaltopographie umfassend und deutlich korrigiert.“ Verfasst wurde die Denkmaltopographie, die Schneider zusammen mit dem Präsidenten des Landesamts, Gerd Weiß, und dem Staatssekretär im hessischen Wissenschaftsministerium, Ralph Alexander Lorz, vorstellte, von der Kunsthistorikerin Sonja Bonin. Sie inventarisierte in den vergangenen sieben Jahren die Kulturdenkmäler.

          Offenbachs wichtigstes Bauwerk - das Isenburger Schloss

          Als Offenbachs wichtigstes Bauwerk gilt den Denkmalpflegern das Isenburger Schloss, im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigt und Anfang der fünfziger Jahre wieder aufgebaut. Das Landesamt zählt die ehemalige Isenburg-Birsteiner Residenz wegen ihrer künstlerischen Gestaltung „zu den bedeutendsten Schlossbauten der Renaissance in Deutschland“. Zu den bedeutsamen herrschaftlichen Bauten gehört ferner das wieder aufgebaute Rumpenheimer Schloss, dessen Ursprung im späten 17. Jahrhundert liegt. Das Schloss war Sommersitz der hessischen Landgrafen und steht samt dem als englischer Landschaftsgarten angelegten Park, Kirche und Mausoleum unter Denkmalschutz.

          Mit der Ausweisung von 20 Gesamtanlagen in der Kernstadt spiegelt das Landesamt die Stadterweiterungen wider, deren erste auf den Isenburger Grafen Johann Philipp am Ende des 18. Jahrhunderts zurückgeht und zu der neben der Herrnstraße auch die spätere Große Marktstraße, damals „Judengasse“, gehörten. In der Herrnstraße sind aus jener Zeit als Einzelbauten das barocke Pfarrhaus der Französisch-Reformierten Gemeinde aus dem frühen 18. Jahrhundert und die Kirche der hugenottischen Glaubensflüchtlinge unter Schutz gestellt. Bedeutsam ist auch das um 1900 neubarock gestaltete Büsing-Palais.

          Zu den Kleinoden zählt der 1798 unweit errichtete, nunmehr restaurierte Metzlersche Badetempel. Die um 1900 entstandene Krafftstraße zeichnet sich durch „teilweise sehr aufwendig gestaltete Fassaden“ aus. In den für Offenbach als Arbeiterstadt typischen Straßenzügen – etwa die 1865 angelegte Austraße und Hermann-Steinhäuser-Straße – wurden Mietshäuser in Nähe der Produktionsstätten errichtet, zum Beispiel der „Lederfabrik Mayer & Sohn“.

          Herausragendes Industriedenkmal

          Denkmalschutz erhalten hat auch der großzügige Anlagenring, der sich vom August-Bebel-Ring bis zum Starkenburgring erstreckt. Als bemerkenswerte Kirchenbauten werden die neugotische Kirche St. Pankratius (1896/97), die altkatholische Christuskirche (1901) und die Friedenskirche (1912) aufgeführt. Den „Bauten jüdischer Kultur“ ist ein eigener Abschnitt gewidmet. In ihm werden die denkmalgeschützte ehemalige Synagoge an der Goethestraße, von den Nationalsozialisten 1938 geschändet, ferner die 1956 errichtete Synagoge an der gegenüberliegenden Kaiserstraße, Hessens erste Synagoge nach dem Holocaust, und der jüdische Teil des Alten Friedhofs beschrieben.

          In einem eigenen Artikel erläutert die Kunsthistorikerin Christina Uslular-Thiele den durch die Vielfalt der künstlerischen Grabgestaltung bemerkenswerten Alten Friedhof. Das im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts entstandene „Westend“-Villenviertel, in dem der französischen Renaissance entlehnte Stilelemente ebenso zu finden sind wie neoklassizistische Bauten und am Darmstädter Jugendstil orientierte Villen, ist mit zahlreichen Einzelbauten vertreten.

          Offenbachs Industrieepoche wird durch den „Bernardbau“ an der Herrnstraße, Neubau der ehemaligen Schnupftabakfabrik Gebrüder Bernard von 1896, ferner durch den 1914 erstellten Verwaltungsbau der „Heyne-Fabrik“ und dem früheren Stammsitz der MAN Roland Druckmaschinen AG an der Christian-Pleß-Straße repräsentiert. Dieses Areal gilt dem Landesamt als herausragendes Industriedenkmal, da es vollständig erhalten ist und durch Bauten bestimmt wird, die für die fünfziger Jahre des 20. Jahrhunderts typisch sind.

          „Städtebauliche Dominante“

          Die Fabrikanlage gehört neben der von Adolf Bayer entworfenen Bundesmonopolverwaltung für Branntwein und den vier Bungalowhäusern von Egon Eiermann am Johann-Strauß-Weg zu den wenigen Bauten aus den fünfziger Jahren, die das Landesamt unter Denkmalschutz gestellt hat. Mit dem 1971 eröffneten Rathaus an der Berliner Straße hat das Landesamt jedoch ein Bauwerk unter Schutz gebracht, das nicht nur wegen seiner 70 Meter Höhe als „städtebauliche Dominante“ gilt, sondern auch durch seine Plastizität und konsequente Gestaltung in Sichtbeton auffällt.

          Weitere Themen

          Tradition in „Klaa Paris“

          FAZ Plus Artikel: Lokaltermin : Tradition in „Klaa Paris“

          Die „Speisekammer“ in Heddernheim ist ein alteingesessener Familienbetrieb und unter den Frankfurter Gasthäusern ein Dauerbrenner mit vielen treuen Stammgästen. Das hat natürlich seine Gründe.

          Verrohung und Niedertracht

          Staatstheater Mainz : Verrohung und Niedertracht

          Im einstigen Karstadt Sport eröffnet das Staatstheater Mainz mit einem Stück über Anna Politkowskaja seine „Filiale“. Die Regisseurin Kathrin Herm setzt darin ganz auf die Kraft der Worte und benötigt nur wenige Requisiten.

          So fühlt es sich an, ein Kind zu verlieren Video-Seite öffnen

          Kampf gegen die Trauer : So fühlt es sich an, ein Kind zu verlieren

          Der Tod des eigenen Kindes ist der schlimmste Schicksalsschlag, den Eltern erleiden können. Als ein Ehepaar ihren Sohn verliert, stellen sich Vater und Mutter jeder auf seine Weise dem Kampf gegen die erdrückende Trauer. Im Interview erinnern sie sich.

          Topmeldungen

          Donald Trump : „Ich mag Strafzölle“

          Berlin rechnet fest damit, dass Amerika Autoimporte als Gefahr für die nationale Sicherheit einstufen wird. Die Industrie kann die Entscheidung nicht nachvollziehen – und Trump spricht besorgniserregende Worte.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.