https://www.faz.net/-gzg-oi1n

Offenbach : Auch Jack Nicholson Kunde bei Antiquitätenhändlerin Kitzinger

  • Aktualisiert am

Die Kundenliste nennt bekannte Namen. Der Wiener Burgschauspieler Josef Meinrad kaufte bei der Offenbacher Antiquitätenhändlerin Annemarie Kitzinger geschnitzte Bauernstühle und arbeitete sie daheim selbst in seiner Werkstatt auf.

          3 Min.

          Die Kundenliste nennt bekannte Namen. Der Wiener Burgschauspieler Josef Meinrad kaufte bei der Offenbacher Antiquitätenhändlerin Annemarie Kitzinger geschnitzte Bauernstühle und arbeitete sie daheim selbst in seiner Werkstatt auf. Hollywoodstar Jack Nicholson erwarb einen fränkischen Bauernschrank, vermittelt durch eine amerikanische Partnerfirma. Frau Kitzinger kleidete das Volksmusik-Duo "Marianne & Michael" in historische Trachten, verschaffte Fernsehmoderator Karl-Heinz Stier eine schwarz-grüne Weste mit Hirschhornknöpfen und seiner Partnerin Michaele Scherenberg eine Tracht von der Moldau.

          Zu den Stammkunden gehört Bühnenbildnerin Anna Viebrock. Für die Inszenierung der Oper "Woyzeck" in Stuttgart besorgte die Antiquitätenhändlerin 14 Haustüren von Bauernhöfen und eine Scherenschleifmaschine. Auch Museen beziehen von ihr Ausstellungsstücke, zum Beispiel das Deutsche Museum und der Hessenpark. Zu einer Deutschland-Ausstellung im amerikanischen Dallas lieferte sie Bauernschränke, Truhen, Keramiken und Leinentischtücher. Jan Viebrock, Bruder der Bühnenbildnerin, ist ebenfalls Kunde. Der Justitiar beim Landesamt für Denkmalpflege in Wiesbaden sagt: "Frau Kitzingers Antiquitätenhandel ist eine Top-Adresse für Denkmalpfleger. Wer etwas Authentisches sucht, kommt hierher. Eine meiner Kolleginnen kauft hier seit 30 Jahren ein."

          An diesem Morgen ist Jan Viebrock selbst auf der Suche. Er sammelt Bauernbestecke aus dem frühen 20. Jahrhundert. Auf einer Holztruhe, die aus Sachsen stammt, findet Viebrock ein Besteck mit schwarzen Griffen. Er nimmt das Messer in die Hand und streift mit dem Daumen quer über die Klinge: "Solche Messer sind höllenscharf und haben eine breite Spitze. Mit nichts anderem können sie so gut Speck essen." Doch der Sammler ist mit dem Besteck nicht restlos zufrieden. Der Griff behagt ihm nicht. Er schaut sich weiter um in dem Ladenlokal. Nach einer Weile findet er Messer und Gabel mit Griffen aus Elfenbein. "Die sind gut", sagt Viebrock, "die Schneide ist sogar aus einem Spezialstahl."

          Kitzingers Geschäftsräume liegen ein bißchen versteckt im rückwärtigen Teil des Blumengeschäfts an der Mühlheimer Straße, das von ihrem Sohn Christian in fünfter Generation geführt wird. Der Besucher des Antiquitätenhandels fühlt sich wie in einer großen Scheune. Jeder Winkel ist prall gefüllt. An einem Balken hängen weiße Hauben und Schleifen, gefertigt in Biedenkopf. Die Christusfigur darunter wurde im Bayerischen geschnitzt. Im Holzregal daneben türmt sich Leinenbettwäsche. Aus Hessen stammt die Truhe, auf der ein mit Schnitzereien verzierter Hochzeitsstuhl aus dem Jahr 1822 steht. Im 19. Jahrhundert gedruckt wurden die in Leder gebundenen Bücher mit christlicher Erbauungsliteratur in französischer Sprache, die auf der Truhe aneinanderlehnen.

          "Ich bin eine Sammlernatur", gesteht Kitzinger beim Streifzug durch ihr Geschäft. Seit vier Jahrzehnten betreibt sie den Antiquitätenhandel. Volkskunst aus dem 18. und 19.Jahrhundert ist ihr Schwerpunkt. Als Autodidaktin hat die Einundsiebzigjährige, die aus der alten Offenbacher Bäcker- und Konditorenfamilie Heberer stammt, Kenntnisse über historische Stile, Handwerkstechniken und Materialien erworben. Für sie gehört die Volkskunst der Bauern von einst nicht einem vergangenen Zeitalter an: "Wenn ich vor einem alten Bauernschrank stehe, bewundere ich nicht nur seine Schönheit, sondern ich sehe auch seinen Gebrauchswert. Ich will, daß ihn jemand in sein Wohnzimmer stellt. Das ist für mich lebende Geschichte."

          Manche Kostbarkeit hat sie früher in der Provinz bei Autofahrten entdeckt, die sie mit ihrem mittlerweile verstorbenen Ehemann Richard unternahm. Viele Bauernschränke standen in Ställen; dort wären sie verrottet. "Wir haben den Leuten nichts abgejagt, sondern ihnen gesagt, was sie eigentlich besitzen, und einen fairen Preis gezahlt." Zu ihren liebsten Fundstücken zählt ein Bauernschrank aus Thüringen in Originalbemalung. Der aus Tanne hergestellte, mit bunten Häusern und Blumen geschmückte Schrank kostet 2500 Euro: das derzeit teuerste Objekt. Doch die Händlerin bietet Bauernschränke auch schon zum Preis von 900 Euro an.

          Zeitweilig beschäftigte Kitzinger bis zu 15 Mitarbeiter: Schreiner, Schneiderinnen und Näherinnen. Von Truhen und Schränken mußten Übermalungen entfernt, Schnitzereien freigelegt, Trachten ausgebessert werden. War ein Trachtenkleid zerschlissen, wurde die noch brauchbare Stickerei abgetrennt und an eine neue Bluse genäht. Nach alten Schnittmustern fertigte man Trachten in historischen Stilen. So entstand mit der Zeit die Kollektion "Kitzinger Moden".

          Obgleich mittlerweile nicht mehr so viele Trachten hergestellt werden wie früher, ist die Auswahl an Kleidern, Blusen, Röcken und Westen groß. Sie hängen überall in dem Antiquitätengeschäft: auf der Kleiderstange, an Schränken und Wänden, auf Stützen aus Holz.

          Auch Annemarie Kitzinger spürt die Wirtschaftsflaute. Zwar kommen wie eh und je die Stammkunden, sogar aus dem Elsaß. Aber sie kaufen weniger als früher, achten mehr auf den Preis. Seit einiger Zeit denkt die Antiquitätenhändlerin ans Aufhören. Doch wenn sie Briefe bekommt wie neulich, als ein Herr sie bat, ja nicht zuzumachen, sie sei doch "eine Institution", weicht die Verzagtheit. "So etwas macht mir Mut und gibt mir Kraft." Anton Jakob Weinberger

          Weitere Themen

          Geiselnahme der Freundin aus Eifersucht

          Drei Jahre Haft : Geiselnahme der Freundin aus Eifersucht

          Ein 26 Jahre alter Mann, der seine ehemalige Lebensgefährtin 2018 entführt und misshandelt hatte, ist zu drei Jahren Haft verurteilt worden. Dass er sie nach den gewalttätigen Übergriffen ins Krankenhaus gebracht hatte, trug zur Minderung des Strafmaßes bei.

          Börsenglocke zum Geburtstag Video-Seite öffnen

          F.A.Z. wird 70 : Börsenglocke zum Geburtstag

          Nein, die F.A.Z. geht nicht an die Börse. Dass Werner D'Inka, seine Mit-Herausgeber und die Geschäftsführer die Eröffnungsglocke auf dem Frankfurter Parkett läuten durften, war ein Geschenk der Deutschen Börse zum 70. Geburtstag.

          Topmeldungen

          Muss weiter um den Starttermin als Kommissionspräsidentin bangen: Ursula von der Leyen

          Kein grünes Licht für Ungar : Von der Leyen kann noch nicht aufatmen

          Der Start von Ursula von der Leyens neuer EU-Kommission bleibt in der Schwebe: Der Kommissarkandidat aus Ungarn muss wegen seiner Nähe zu Viktor Orbán in die Nachbefragung. Und weil Großbritannien vor den Wahlen im eigenen Land keinen Bewerber nominieren will, leitet Brüssel derweil ein Strafverfahren ein.
          Ort einer Tragödie: S-Bahnhof Frankenstadion in Nürnberg (Archivbild)

          Am S-Bahnsteig : Stoß mit tödlichem Ende

          Zwei Jugendliche sind in Nürnberg angeklagt, zwei Schüler ins Gleisbett geschubst zu haben. Die beiden Jungen hatten keine Chance: Den Angriff konnten sie nicht sehen – die Täter standen hinter ihnen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.