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Ökoweingut aus dem Rheingau : Ewige Leidenschaft für Riesling und Gastronomie

Das Hotel Ress: Aber nicht nur der Wein brachte Einnahmen, sondern auch die Übernachtungsgäste Bild: Weingut Ress

Das größte Ökoweingut in Hessen ist 150 Jahre alt. Seitdem ist es in der Hand der Ur-Rheingauer Familie Ress. Eine bemerkenswerte Familiengeschichte kreativer Weinunternehmer im Rheingau.

          3 Min.

          Wein war nie alles, ohne Wein wäre alles nichts. So lässt sich eine Ur-Rheingauer Familiengeschichte verkürzen, deren bekannte Wurzeln ins frühe 17. Jahrhundert zurückreichen. Eine Familie von Metzgern, nicht von Winzern, und zugleich eine Familie einfallsreicher Weinunternehmer, die früh jene kluge Strategie erfolgreicher Firmen beherzigt hatte, die als Diversifikation noch unbekannt war. Obwohl hinreichend belegt ist, dass ein gewisser Jacob Ress schon 1840 in Hattenheim ein zweistöckiges Haus mit Stallungen und Kelterhaus erwarb, um eine Metzgerei und eine Weinwirtschaft zu eröffnen, gilt erst das Jahr 1870 als Gründungsdatum des Familienunternehmens. Dieses Gründungsjahr ist heute Teil der eingetragenen Marke „Balthasar Ress“ und war erst vor wenigen Jahren über einen Vertrag zur Einquartierung von Soldaten im damaligen Gasthaus Ress während des Deutsch-Französischen Krieges belegt worden.

          Oliver Bock

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis und für Wiesbaden.

          Balthasar Ress trug – wie schon sein Vater, wie seine Geschwister und seine Nachfahren – das Unternehmergen in sich. Ress machte sich als Gastwirt und Hotelier selbständig, engagierte sich vielfältig ehrenamtlich und als Gemeinderat auch für Hattenheim. Seine vielfältigen unternehmerischen Aktivitäten erstreckten sich auf die Gastronomie von Kloster Eberbach und den Betrieb einer Buslinie. Wie bei so vielen Rheingauer Familien gehörte ein kleiner Weinbergsbesitz dazu. Diese Parzellen im Oestricher Doosberg und Hattenheimer Kilb gelten heute als Keimzelle des Weinguts. Die Söhne Carl und Paul setzten die unternehmerische Tradition mit Geschick fort. Auch der Weinhandel sollte frühzeitig als Geschäftsfeld hinzukommen.

          Familientradition: Christian Ress, Chef in fünfter Generation, steht in der Winebank des Weinguts Balthasar Ress
          Familientradition: Christian Ress, Chef in fünfter Generation, steht in der Winebank des Weinguts Balthasar Ress : Bild: Marcus Kaufhold

          Es war aber Balthasar Ress, der 1896 das Haus in der Rheinallee 1 erwarb und dort das „Hotel- und Weinhaus“ Ress etablierte. Ein Wagnis, das sein Urenkel Stefan Ress als besonders kluge Entscheidung lobt. Denn sie legte die Basis einer weiteren Expansion. Das Hotel blieb bis 1979 im Familienbesitz und ist bis heute als „Kronenschlösschen“ eines der Vorzeigehotels des Rheingaus. Die Silhouette ist inzwischen Teil des Ress’schen Familienwappens.

          Ein Teil der Familien-DNA

          Das Weingut war immer nur ein Teil des Geschäfts, aber es steht bis heute für die Seele des Unternehmens. „Eine Konstante der Familiengeschichte“, sagt Stefan Ress, der 1970 in die Geschäftsführung eintrat, 1980 die alleinige Verantwortung übernahm und das Unternehmen auch durch diverse Erbauseinandersetzungen führte. Die Gastronomie sei immer ein Teil der Familien-DNA gewesen, sagt er.

          Das Weingut, das nach dem Zweiten Weltkrieg noch bescheidene drei Hektar groß war, hatte damals schon auf mehr als 15 Hektar Rebfläche zugelegt. Unter der Führung von Stefan Ress trat das Weingut 1984 der Vereinigung der Charta-Weingüter und 1989 dem VDP Rheingau bei. Ress gehörte zu jener Gruppe qualitätsorientierter Winzer um seinen Vetter Bernhard Breuer und Erwein Graf Matuschka-Greiffenclau, die in jenen Jahren der Weinbaupolitik wichtige Impulse gaben und der Klassifikation der Weinberge den Weg bereiteten. Ein Modell, das sich heute weitgehend durchzusetzen scheint. „Das waren weinbaupolitisch aufregende Zeiten“, erinnert sich Ress an hitzigen Streit und heftige Diskussionen. Im eigenen Unternehmen legte Ress mit dem Erwerb der ehemaligen Hattenheimer Winzergenossenschaft den Grundstein für weitere Expansion.

          Rückblick: 1947 zählten knapp drei Hektar Weinberge zu dem Gut.
          Rückblick: 1947 zählten knapp drei Hektar Weinberge zu dem Gut. : Bild: Weingut Ress

          Sohn Christian stieg 1999 in das Unternehmen ein und wurde 2004 Miteigentümer. Fortan sorgte das Weingut für ungewöhnliche Schlagzeilen. Beispielsweise 2009 durch die Anlage des nördlichsten deutschen Weinbergs auf Sylt, dessen Ernte heute in Sekt verwandelt wird, und durch die Eröffnung der Winebank in einem bis dahin ungenutzten Teil des Gewölbes unter dem Stammhaus an der Rheinallee.

          Ress versenkte publicityträchtig mit feinen Tropfen gefüllte Großflaschen zur idealen Reifelagerung im Diezer See und ließ einen VW-Bus aus seinem Geburtsjahr 1973 zur mobilen Ausschanktheke umbauen. Er stellte die Produktion vom Korken auf Schraubverschluss um, und er startete 2016 die Umstellung auf ökologischen Weinbau. Auf Glyphosat verzichtet Ress schon seit zehn Jahren. Heute ist Balthasar Ress mit 50 Hektar Rebfläche das größte Ökoweingut Hessens.

          „Fein sei der Wein“

          Zur Expansion gehörte 2013 die Eröffnung einer Weinbar und Vinothek in Wiesbaden und 2018 in der neuen Altstadt in Frankfurt. Ein Ress-Gästehaus und eine Ress-Suite knüpfen inzwischen im Rheingau an die alte Beherbergungstradition der Familie an. Aus der zum exklusiven Weinclub fortentwickelten Winebank macht Ress mit Partnern gerade ein auf Expansion ausgerichtetes Franchise-Unternehmen mit inzwischen acht Standorten weltweit. Auch dort soll das Familienmotto aus den 1920er Jahren, „Fein sei der Wein“, gelten.

          Der 46 Jahre alte Christian Ress ist kein Winzer. Der Betriebswirt sieht sich in der fünften Generation als Unternehmer im Weinbau mit Leidenschaft für Riesling und Spätburgunder. Zur Unternehmensgruppe gehören heute eine Weinkellerei und die Weinvertriebs- und Weinhandelsgruppe Veritable, die den Lebensmitteleinzelhandel bedient und laut Ress zu den großen Playern in Deutschland zählt. Inzwischen ist Ress Arbeitgeber für mehr als 100 Mitarbeiter. Die Diversifikation, die schon zur Gründung ein Markenzeichen der Familie war, hat „Balthasar Ress“ geholfen, die Pandemie einigermaßen glimpflich zu überstehen, auch wenn es hier und da Einbrüche gab.

          Vor allem in den Luxusresorts weltweit, in denen Ress eigentlich wichtige Absatzmärkte für seine Weine sieht. Aber wenn am Flughafen in Dubai kaum noch Verkehr abgewickelt wird, dann erwirbt auch kaum jemand Ress-Weine im Duty-free-Shop. Doch den Unternehmergeist von Ress beflügelt das höchstens. Es müsse nicht bei zwei Ress-Weinbars in der Rhein-Main-Region bleiben und keinesfalls werde er interessante Optionen am Wegesrand liegenlassen, sagt Ress: „Ich hatte schon immer mehr Ideen als Zeit und Geld.“

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