https://www.faz.net/-gzg-a14wf

Öffentlicher Bücherschrank : Ein Wallraff aus der Telefonzelle

  • -Aktualisiert am

Telefonieren nicht mehr möglich: Karl-Heinz Weber vor der umfunktionierten Telefonzelle in Breidert. Bild: Wolfgang Eilmes

Der öffentliche Bücherschrank im Wohngebiet Breidert in Rödermark erfreut sich großer Beliebtheit. Doch umgekehrt bereiten nicht alle Nutzer den Organisatoren Freude.

          3 Min.

          Lesen macht Spaß und bildet. Arthur Haileys Roman „Die Bankiers“ ist nicht mehr ganz neu, fesselt aber noch immer. Geht es in dem Buch um Menschen, die mit viel Geld zu tun haben, bildet Günter Wallraffs Erfahrungsbericht als Türke, der in den achtziger Jahren unter dem Titel „Ganz unten“ für Schlagzeilen sorgte, den Gegenpol. In einer auffälligen gelben Telefonzelle im Rödermarker Wohngebiet Breidert treffen die Welten der Reichen und der weniger Begüterten in gedruckter Form aufeinander.

          Telefonieren kann man in dem Häuschen inmitten der Wendeschleife vor dem Ärztehaus nicht. Wer die Glastür öffnet, steht vor einem Bücherregal, gefüllt mit Romanen, fremdsprachiger Literatur, Kinder- und Jugendbüchern, Bildbänden, Nachschlagewerken und Sachbüchern. Der Zugang ist frei, wer will, kann sich rund um die Uhr mit Lektüre versorgen, denn die Telefonzelle ist beleuchtet. „Die Leute gehen auch nachts dahin und holen sich Bücher“, sagt Karlheinz Weber von der Initiative „Wir sind Breidert“.

          Die Nachbarn nicht gekannt

          Sie ist vor fast zehn Jahren mit dem Ziel gegründet worden, den Nachbarschaftsgedanken in dem vor einem halben Jahrhundert entstandenen Wohngebiet zu befördern. Rund 3800 Menschen leben dort. Viele Bewohner seien aber später zugezogen und hätten ihre Nachbarn nicht gekannt, erinnert sich Weber.

          Als Hochhaussiedlung wurde das Wohngebiet, das zum Stadtteil Ober-Roden gehört, in den sechziger Jahren konzipiert. Wohnraum für 5500 Menschen sollte nach den ursprünglichen Plänen entstehen. Doch dazu kam es nicht: Der damalige Umlandverband Frankfurt musste seine Prognosen zur Bevölkerungsentwicklung in der Region nach unten korrigieren. Die Nachfrage nach Hochhauswohnungen sank. Im Breidert blieb es bei zwei wuchtigen Hochhausblöcken, ansonsten prägen Einfamilien-, Doppel-, Reihen- und Mehrfamilienhäuser das Bild.

          „Synthetisches Wohngebiet mit großer Anonymität“

          2011 kamen etliche Bürger auf Einladung des damaligen Bürgermeisters Roland Kern (Andere Liste/Die Grünen) zu einer Zukunftswerkstatt für das Breidert zusammen. Vom „synthetischen Wohngebiet mit großer Anonymität“ war damals die Rede. In der Folge gründete sich die Initiative. Feste Mitglieder hat sie nicht. 20 bis 30 Personen sind einem engeren, 50 bis 60 Personen einem weiteren Kreis zuzurechnen.

          Weber und Ingrid Bögershausen gehören dazu. Bögershausen, die sich gemeinsam mit einer Kollegin täglich um den öffentlichen Bücherschrank kümmert, bezeichnet Weber als den Chef der Initiative, was dieser allerdings nicht so gerne hört. Die Initiative gibt regelmäßig einen Newsletter heraus, der 2400 Haushalte erreicht.

          Ebbelwei aus dem Brunnen

          Zahlreiche Veranstaltungen gehen auf die Initiative zurück. So wurde unter dem Motto „Natur zurück in die Stadt“ im Sommer vergangenen Jahres eine kleine Bienenwiese mit vielen bunt blühenden Blumen angelegt. Eine Veranstaltung widmete sich dem Thema „Leben ohne Plastik“. Die Initiative lud auch zu Führungen und Exkursionen ein. Die Aktiven restaurierten das Braaret-Bernsche, eine historische Quelle im Wald, an der früher schon Wallfahrer gerastet haben sollen. Aus dem Brunnen fließt seither wieder Wasser und nach Angaben von Weber bei Veranstaltungen auch Ebbelwei.

          Und nicht zu vergessen: der Bücherschrank in der Telefonzelle, der 2012 eröffnet wurde. Zweimal wäre das Projekt beinahe zu einem schnellen Ende gekommen. Die erste Telefonzelle, die die Initiative im Odenwald entdeckte, sprengten Unbekannte Ende 2015 mit selbstgebauten Böllern in die Luft. Telefonzelle Nummer zwei, die die Aktiven auf einem Bauernhof in Bochum ausfindig machten, erging es nicht besser: 2017, ein Jahr nach der Wiedereröffnung, fiel das markante Häuschen einem Brandanschlag zum Opfer.

          „Der lag dort vor einer Viertelstunde noch nicht“

          Doch die Initiative gab nicht auf: Einer dritten ausrangierten Telefonzelle kam man in Bayern nahe der tschechischen Grenze auf die Spur. Sie leistet seit 2018 gute Dienste. Sponsoren finanzierten die Käufe, unterstützten die Initiative beim Transport der Telefonzellen nach Rödermark und beim Wiederherrichten.

          Bestückt werde der Bücherschrank aus Spenden, sagt Bögershausen. Die Geber deponieren nicht mehr benötigte Lektüre in der Telefonzelle. Bögershausen deutet auf einen kleinen Stapel: „Der lag dort vor einer Viertelstunde noch nicht.“ Brauchbare Exemplare sortiert sie ein, ältere, verdreckte und zerrissene Exemplare entfernt und entsorgt sie.

          Weniger Freude bereiten Spielzeug, CDs und alte Illustrierte, die manchmal hinterlassen werden, im Bücherschrank aber fehl am Platze sind. Wenn jemand meine, Unmengen an Büchern und ganze Umzugskisten in der Telefonzelle deponieren zu müssen, gehe dies aufs Gemüt, schimpft Weber. Erst jüngst machte sich ein Unbekannter in der Telefonzelle zu schaffen, räumte ganze Regalreihen heraus oder brachte die Bücher völlig durcheinander. Die Initiative wandte sich an die Öffentlichkeit und bat um Hinweise. Doch entmutigen lässt sie sich von solchen Vorkommnissen nicht.

          Weitere Themen

          Mehr als die Summe seiner Teile

          Ausstellung „2-gather“ : Mehr als die Summe seiner Teile

          Experiment mit offenem Ausgang: Die Ausstellung „2-gather“ im Neuen Kunstverein stellt die Arbeiten von fünf Künstlerinnen nebeneinander. Die Kontraste sorgen für ungeahnte Überraschung.

          Der neue alte Goetheturm Video-Seite öffnen

          Er steht wieder : Der neue alte Goetheturm

          Nach einem Brandanschlag im Jahr 2017 wurde der Goetheturm in Frankfurt nun wieder errichtet. Der neue Turm soll diesmal robuster sein und somit auch Feuer standhalten können.

          Trippelschritte zur Autofreiheit

          Brauchbachstraße in Frankfurt : Trippelschritte zur Autofreiheit

          Die Zahl der Parkplätze an der Braubachstraße in Frankfurt wird um zwei Drittel verringert. Stattdessen gibt es Abstellbügel für Räder und mehr Platz für die Gastronomie. Ist das wegweisend für andere Innenstadtstraßen?

          Topmeldungen

          Zur Verteidigung gegen China bereit: Taiwans Präsidentin  Tsai Ing-wen bei einer Militärübung.

          Chinas Konflikt mit Amerika : Nach Hongkong jetzt Taiwan?

          Auch die militärischen Spannungen zwischen China und Amerika nehmen gefährlich zu. Ein gewaltsamer Konflikt der beiden Supermächte im südchinesischen Meer scheint nicht mehr ausgeschlossen.

          Neuer und Flick mahnen : Die gefährliche Lage beim FC Bayern

          Vor den entscheidenden Spielen in der Champions League herrscht beim FC Bayern große Zuversicht. Doch es gibt auch kritische Töne. Torhüter Manuel Neuer äußert sich derweil zu seinem umstrittenen Urlaubsvideo.
          Demo am 1. August in Berlin

          „Querdenken 711“ : Und wieder die Politiker!

          Eine Initiative peitscht Bürger in der Corona-Pandemie auf, um sie zu ihren Demos zu locken. Doch angebliche Belege sind gefälscht, Fotos aus dem Zusammenhang gerissen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.