https://www.faz.net/-gzg-9trxi

Obdachlos in der Großstadt : Rumänische Bettler und Little Homes

Unlösbares Problem? Obdachlosigkeit in der Großstadt Bild: dpa

Eigentlich ist Darmstadt mit seinen Angeboten für Obdachlose ganz gut gerüstet. Doch dieses Jahr steht die Stadt vor ganz besonderen Herausforderungen.

          3 Min.

          Immer im späten Herbst oder im frühen Winter informiert Barbara Akdeniz (Die Grünen) über die Versorgungsangebote für Obdachlose in der kalten Jahreszeit. Die Stadt ist dafür mit verschiedenen Obdachlosenunterkünften unterschiedlicher Träger, die über mehr als 200 Schlafplätze im Regelangebot verfügen, und durch seine Teestube für Durchreisende gut gerüstet. In diesem Jahr ist Darmstadts Sozialdezernentin aber mit zwei atypischen Herausforderungen konfrontiert. Und diese sind so komplex, dass Akdeniz am Dienstag erstmals von einem „Dilemma“ sprach, auf das sie noch keine fertige Antwort habe.

          Rainer Hein

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Darmstadt.

          Das eine Phänomen betrifft in diesen Wochen viele Großstädte: umherreisende größere Gruppen von osteuropäischen Bettlern. Sie sind in Darmstadt in der Fußgängerzone zu sehen, wo sie sich weitgehend an die Regeln halten, also auf aggressives Betteln verzichten. Für die Stadt inakzeptabel ist aber die Auswahl des Hauptbahnhofs als Nachtquartier. Die etwa 25 Personen rumänischer Nationalität haben die vergangenen Nächte an den Straßenbahnhaltestellen des Bahnhofs verbracht und dort mit all ihrem Gepäck kampiert. Die Folgen waren tagsüber für Pendler und Passanten nicht zu übersehen.

          Rundgang am Hauptbahnhof

          Die Kommunalpolizei hat auf diese Situation reagiert und immer wieder das Areal kontrolliert, Platzverweise ausgesprochen und Bußgelder erhoben. Gleichzeitig waren auch Sozialarbeiter am Hauptbahnhof und haben die Gruppe über die verschiedenen Obdachloseneinrichtungen informiert.

          Die Schwierigkeit besteht darin, dass die angebotenen Hilfen offensichtlich nicht angenommen werden. „Sie wollen nicht“, sagte der stellvertretende Leiter des Amtes für Soziales und Prävention, Christian Böhm. „Sie besuchen zwar die Teestube, wärmen sich auf und trinken Kaffee. Sie nehmen unsere Angebote zur Übernachtung in unseren Unterkünften aber nicht an.“

          Böhm bestätigte damit, was Mitarbeiter der Teestube zuvor schon berichtet hatten: dass den rumänischen Bettlern zwar die Hilfsangebote wie das Wohnheim für Männer und das Übergangswohnhaus für Frauen bekannt seien, sie aber dennoch auf das Angebot zur Übernachtung verzichteten. Und den Wunsch, die ganze Gruppe zusammen in einem Haus unterzubringen, will die Stadt, wie Akdeniz klarstellte, nicht erfüllen: „Wir haben auch gar keine Unterkunft, wo wir auf einen Schlag eine 20 Köpfe zählende Familie übernachten lassen könnten.“

          Öffnen

          Für die Sozialdezernentin stellt sich die Lage kompliziert dar. Einerseits sei die Situation am Hauptbahnhof auf Dauer inakzeptabel, andererseits seien Rumänen Bürger der Europäischen Union und hätten daher grundsätzlich das Recht, sich in Deutschland aufzuhalten. „Sie können hinkommen, wo sie wollen“, sagte die Dezernentin. Da bislang keine Hinweise auf organisierte Kriminalität vorlägen, blieben nur „ordnungsrechtliche Ansprachen“ und weitere Versuche, die Bettler zu überreden, die Angebote zur Übernachtung in Unterkünften anzunehmen.

          Um mögliche Sprachbarrieren zu überwinden, soll es dazu einen Flyer mit Piktogrammen geben. Ansonsten bleibe die Gruppe unter Beobachtung. „Wir sind da nicht naiv.“ Zunächst setze die Stadt bei den Alternativen „Angebot oder Vertreibung“ weiter auf das Hilfssystem für Obdachlose. Wenn das allerdings auf Dauer ausgeschlagen werde, stellten sich neue Fragen über den Umgang mit dieser Form von Armutswanderung. „Noch“, sagte Akdeniz, „habe ich keine Antwort darauf.“

          Pädagogische Begleitung durch Sozialarbeiter

          Das gilt im gewissen Sinn auch für den Umgang mit der Kölner Initiative „Wir schenken ein Dach über dem Kopf“. In Darmstadt sind inzwischen vier der Little-Home-Wohnboxen aus Holz, die der gleichnamige Verein für Obdachlose baut und verschenkt, aufgebaut worden.

          Die Initiative konterkariert laut Akdeniz den Darmstädter Ansatz in der Bekämpfung von Obdachlosigkeit. Der umfasst nicht nur das Angebot einer Übernachtungsmöglichkeit, sondern die von Obdachlosigkeit betroffenen Menschen werden auch in jedem einzelnen Fall pädagogisch begleitet. Sie bekommen die Chance, über ihre Lebenssituation mit Sozialarbeitern zu reden, sie erhalten Hilfe bei Behördengängen oder bei der weiteren Wohnungssuche.

          Ordnungsbehörde entsorgt Holzboxen

          Beim Little Home e.V. gebe es das alles nicht. „Der Verein sagt uns nicht einmal, wo seine Holzhäuser in Darmstadt aufgestellt werden“, kritisierte Akdeniz. Nachdem die Stadt es abgelehnt habe, städtische Grundstücke für die Häuschen zur Verfügung zu stellen, sei der Kontakt vollständig abgebrochen.

          Dass die 3,5 Quadratmeter großen Boxen keine sinnvolle Alternative sind, zeigt nach Ansicht von Birgit Koss, der Leiterin des Amtes für Soziales und Prävention, die Mini-Unterkunft, die am Waldfriedhof aufgestellt wurde. Der Mann, der das Haus eine Zeit lang genutzt habe, habe „in schlimmen hygienischen Verhältnissen gelebt“. Die Ordnungsbehörde werde die heruntergekommene Holzbox und den im Wald verstreuten Müll die nächsten Tage entsorgen.

          Abgesehen von den rumänischen Bettler und den Little Homes stellt sich die Lage der Obdachlosen in Darmstadt wie in den Jahren zuvor dar. Die 200 Betten in den Unterkünften sind belegt, das System funktioniert und ist bei steigendem Bedarf flexibel genug, um weitere Übernachtungsmöglichkeiten anzubieten.

          Böhm appellierte an die Bevölkerung, die Behörden sofort auf Notfälle aufmerksam zu machen. „Wir schicken dann einen Streetworker des Diakonischen Werkes hinaus.“ Das habe in der Vergangenheit stets gut funktioniert. In vergangenen Jahr hätten auf diese Weise 15 Menschen wieder zurück in ein geregeltes Leben gebracht werden können.

          Weitere Themen

          Abnehmende Blumenlust

          Zukunft eines Handwerks : Abnehmende Blumenlust

          Immer weniger junge Leute machen eine Ausbildung als Florist. Wochenendarbeit, Stress vor Feiertagen und geringe Bezahlung schrecken viele ab.

          Topmeldungen

          Mehr Zukunft wagen: Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans am Freitag nach ihren Bewerbungsreden beim SPD-Parteitag

          SPD-Parteitag : „Klarer Kurs und klare Sprache“

          Sie hätten keine Angst, betonen Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans in ihren Bewerbungsreden als SPD-Vorsitzende – und attackieren die Union scharf. Mit dem Ende der großen Koalition drohen sie aber nur indirekt.
          Gebrochen: Wenn Eltern wählen, ob ihr Kind aufs Gymnasium geht, treffen viele Fehlentscheidungen. Das Ergebnis: überforderte Schüler verlieren durch Misserfolge ihr Selbstbewusstsein.

          Nach der Grundschule : Wenn Eltern für ihre Kinder wählen

          In fast allen Bundesländern entscheiden die Eltern, ob ihr Kind aufs Gymnasium gehen soll oder nicht. Ihre Wahl ist oft nicht die beste. Politiker schrecken vor Veränderungen zurück.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.