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Neues Infektionsgeschehen : Corona-Hotspot Offenbach

Mund auf: Eine medizinische Mitarbeiterin nimmt in einem Covid-19-Testzentrum einen Abstrich. Bild: dpa

Offenbach bleibt der rote Fleck auf der Landkarte. Dort gibt es die meisten Neuinfizierten je 100.000 Einwohner in Deutschland. Der Grenzwert von 50 ist überschritten.

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          Auf der Karte des Robert-Koch-Instituts gibt es zur Zeit nur einen roten Fleck: Offenbach. Zum ersten Mal führt Hessen die Deutschlandstatistik der Corona-Neuinfektionen an. Doch während für das gesamte Bundesland am Freitag nur 15,5 Neuinfektionen je 100.000 Einwohner ausgewiesen wurden, hat Offenbach den Grenzwert von 50 an diesem Tag überschritten. Damit kommen auf die Bürger stärkere Einschränkungen zu.

          Ingrid Karb

          Blattmacherin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Jochen Remmert

          Flughafenredakteur und Korrespondent Rhein-Main-Süd.

          Nach den Ansteckungen beim Schlachtbetrieb Tönnies in Nordrhein-Westfalen wurde quasi der gesamte Landkreis unter Quarantäne gestellt, waren Urlauber aus der Region in anderen Teilen Deutschlands nicht willkommen. Droht das nun auch den Menschen im Rhein-Main-Gebiet? Vermutlich nicht, da die Gesamtzahl der Infektionen mit 67 in der vergangenen Woche in Offenbach bei weitem nicht so hoch ist wie die Zahl der Infizierten bei Tönnies, die bei mehr als 1500 lag.

          Ungeachtet dessen sieht der hessische Gesundheitsminister Kai Klose (Die Grünen) auch in Offenbach „keinerlei Platz für Fahrlässigkeit“, wie er am Freitagnachmittag sagte. Das Land wird Offenbach zehn Medizinstudenten zur Verfügung stellen, um bei der Klärung der Infektionsketten zu helfen. Denn die nun Infizierten haben den Angaben zufolge oft viel mehr Kontaktpersonen als diejenigen im Frühjahr. Von den 67 Neuinfizierten in Offenbach haben sich zudem 64 außerhalb der Quarantäne befunden. Viele kamen aus Kroatien, dem Kosovo und der Türkei.

          Die meisten Neuinfizierten sind zwischen 15 und 40 Jahre alt

          Die meisten Neuinfizierten sind zwischen 15 und 40 Jahre alt. Es ist nicht auszuschließen, dass etliche von ihnen viele Kontakte in der Stadt hatten. Um das weitere Ansteckungsrisiko zu reduzieren, sind deshalb in Offenbach Veranstaltungen im Freien für die nächsten 14 Tage auf 100 Teilnehmer beschränkt, solche in Räumen auf 50, wie Oberbürgermeister Felix Schwenke (SPD) sagte. Weil auch in den Schulen unmittelbar nach Schulbeginn neu infizierte Schüler festgestellt wurden, gilt in Offenbach nun eine umfassende Maskenpflicht in den Schulen – auch im Unterricht.

          Ordnungsdezernent Peter Freier (CDU) kündigte an, dass man nun auch die 650 derzeit in Offenbach in Quarantäne stehenden Bürger genau überwachen werde. An Wochenenden sei um 24 Uhr Sperrstunde in Gaststätten und Bars. Die Masken- und Abstandspflicht auch in den Bussen werde weiter streng kontrolliert. Derzeit sind Freier zufolge 1458 Ordnungswidrigkeitsverfahren anhängig. Der Ordnungsdezernent wies darauf hin, dass Verstöße gegen die Quarantäne- und Meldeauflagen für Reiserückkehrer mit bis zu 10.000 Euro geahndet werden könnten.

          Mit 29 Neuinfektionen je 100.000 Einwohner liegt der Kreis Groß-Gerau in Hessen an zweiter Stelle. Dort sind am Donnerstag Einschränkungen verkündet worden. Weil eine Vielzahl der Infektionen auf eine Hochzeitsfeier mit 300 Gästen zurückzuführen war, erlaubt der Kreis nur noch Feiern mit bis zu 150 Personen.

          Immer mehr Ansteckungen bei Feiern in der Heimat

          Dass die Zahlen derzeit so stark steigen, hängt zum einen mit dem Ende der Sommerferien zusammen. Viele Familien und junge Leute sind aus dem Urlaub im Ausland zurückgekommen, wo sie sich angesteckt haben. Etwa die Hälfte der Neuinfektionen sei darauf zurückzuführen, sagte der stellvertretende Leiter des Frankfurter Gesundheitsamts Antoni Walczok. Minister Klose appellierte an Rückreisende aus Risikogebieten, ihrer Verpflichtung zum unentgeltlichen Corona-Test nachzukommen.

          Walczok hob hervor, dass der Anstieg der bestätigten Neuinfektionen nicht daran liege, dass jetzt mehr getestet werde. Zurzeit würden in Frankfurt wegen der vielen Reiserückkehrer bis zu 5800 Tests am Tag vorgenommen. Der Anteil der positiven Ergebnisse habe sich dabei verdoppelt. Das Frankfurter Gesundheitsamt stocke die Zahl der Mitarbeiter wieder auf, die die Betroffenen benachrichtigen und ihre Kontakte nachverfolgen. Laut Gesundheitsdezernent Stefan Majer (Die Grünen) haben sich schon 70 Freiwillige aus anderen Ämtern gemeldet. Insgesamt sind 180 Mitarbeiter dafür vorgesehen.

          Schuld am Infektionsanstieg sei die „allgemeine Sorglosigkeit“, meint Majer. In der Fremde würden Abstands- und Hygieneregeln sowie die Maskenpflicht weniger beachtet. Aber nicht nur dort. Auch in der Heimat finden immer mehr Feiern statt, bei denen sich Menschen anstecken.

          „Infektionen in der Fläche“ statt einzelnen Infektionsherden

          Noch etwas hat sich laut Walczok geändert. Bisher habe man es immer mit einzelnen Infektionsherden zu tun gehabt, zum Beispiel in Altenheimen wie im Odenwaldkreis, in Flüchtlingsunterkünften wie in Frankfurt oder in Großbetrieben. Jetzt gebe es „Infektionen in der Fläche“.

          Vermutlich wegen des geringeren Durchschnittsalters der Infizierten sind die Krankenhäuser derzeit nicht so stark belastet, wie sie es im Frühjahr waren. In Frankfurt wurden am Donnerstag 26 Corona-Infizierte auf Normalstationen und drei auf der Intensivstation behandelt. In ganz Hessen waren es nach Auskunft des hessischen Sozialministeriums 208 Patienten, von denen 28 auf Intensivstationen beatmet werden mussten. Die Zahlen schwanken laut Walczok seit Juni auf einem niedrigen Niveau. Wegen der vielen Neuinfektionen könnten sie in ein bis zwei Wochen aber wieder steigen.

          Deshalb ermahnen die Politiker die Bürger, achtsam zu bleiben. „Wir müssen uns in den nächsten Wochen noch stärker anstrengen“, sagte der Frankfurter Sicherheitsdezernent Markus Frank (CDU). Deshalb plant die Stadt eine neue Informationskampagne. Gesundheitsdezernent Majer setzt für die Prävention vor allem auf den Schutz durch Mund-Nasen-Masken. Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) hob hervor, es müsse unbedingt verhindert werden, dass die Kitas und Schulen wieder geschlossen werden müssten.

          Größere Veranstaltungen will die Stadt erst einmal nicht mehr genehmigen. Majer rechnet damit, dass es noch im gesamten nächsten Jahr Einschränkungen aufgrund der Pandemie geben werde.

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