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Ostfeld : „Energie-plus-Stadtteil“ wird für Wiesbaden teurer

  • -Aktualisiert am

Energie plus: Um das Ostfeld so zu entwickeln, dass es besonders ökologisch wird, nimmt die Stadt mehr Geld in die Hand. Bild: Marcus Kaufhold

Die hessische Landeshauptstadt ändert ihren Zeit- und Kostenplan für den neuen Stadtteil Ostfeld. Erste Grundstücksverkäufe wird es nicht vor dem Jahr 2026 geben.

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          Nicht nur, aber vor allem wegen der Absicht, das Ostfeld als „Energie-plus-Stadtteil“ zu entwickeln, gerät der Kostenplan für das neue Wiesbadener Stadtquartier durcheinander. Bislang hat die Stadt mit Ausgaben für Planung, Erschließung und die öffentliche Infrastruktur einschließlich Finanzierungskosten von 632 Millionen Euro gerechnet. Dieser Betrag erhöht sich nun auf 680 Millionen Euro. Dagegen rechnet die Stadt aus dem Verkauf der Grundstücke nur mit Einnahmen von 567 Millionen Euro. Die Finanzierungslücke weitet sich damit auf 113 Millionen Euro aus.

          Oliver Bock
          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis und für Wiesbaden.

          Das geht aus dem ersten Sachstandsbericht hervor, den die Verwaltung auf Verlangen der Stadtverordneten nach dem politisch stark umstrittenen Beschluss zur Satzung der städtebaulichen Entwicklungsmaßnahme vorgelegt hat. Mit dieser Satzung hat sich die Stadt in die Lage versetzt, die Äcker und Felder für den Wohnungsbau günstig zu erwerben, um sie nach der Erschließung teuer wieder verkaufen zu können. Ob die Satzung rechtens ist, wird allerdings noch Gegenstand juristischer Auseinandersetzungen sein.

          Wohngebiet für bis zu 12.000 Einwohner

          Wie berichtet, will die Stadt in dem 450 Hektar großen Entwicklungsgebiet Ostfeld ein 67,5 Hektar großes Wohngebiet für bis zu 12.000 Einwohner und einen 26,5 Hektar großen Gewerbestandort entwickeln, an dem das Bundeskriminalamt Interesse gezeigt hat. Es könnte dort einen zentralen Standort für bis zu 7000 Mitarbeiter bauen. Drei Viertel der Entwicklungszone sollen frei von Bebauung bleiben, und der Stadtteil selbst soll in vielerlei Hinsicht mustergültig und ökologisch nachhaltig sein. Die bisherigen Eigentümer der landwirtschaftlich genutzten Flächen werden absehbar die kommunale Planung zu spüren bekommen, weil die Stadt beim Grundbuchamt nun Vorbehalte und Ansprüche für jedes einzelne Grundstück eintragen lässt. Zur Vorbereitung des Stadtteils gibt die Stadt zudem eine Lärmstudie, eine Klimastudie, eine Machbarkeitsstudie zu einer möglichen Schienenanbindung und darüber hinaus noch ein Konzept zur Bürgerbeteiligung in Auftrag.

          Die Mehrkosten wegen der Entscheidung für einen „Plus-Energie-Stadtteil“ verteidigt die Stadt damit, dass „energieeffizient und klimasensibel mit nachhaltigen Baumaterialien geplant und gebaut werden“ soll. Auch alle öffentlichen Gebäude sollen nach einem besonders hohen Energiestandard errichtet werden. Davon gibt es einige, denn bei insgesamt 4750 Wohnungen rechnet die Stadt mit 2765 Kindern, die den Bau von zwei vierzügigen Grundschulen, einem fünfzügigen Gymnasium und einer vierzügigen Gesamtschule neben zahlreichen Kita-Gruppen notwendig machen. Das erhöht die Planungs-, Bau- und Managementkosten um rund zehn Prozent. In der Summe beziffert die Stadt die Mehrbelastung auf 29 Millionen Euro.

          Teurer wird auch die Gesamtfinanzierung, zumal der Zeitplan wegen der komplexen Vorbereitung der Beschlüsse zur Entwicklungssatzung nicht mehr so ambitioniert ist wie bisher. Nun heißt es, dass nicht schon 2025 die ersten Einnahmen aus den Grundstücksverkäufen im Stadtquartier und im Gewerbegebiet zu erwarten sind, sondern erst in den Jahren 2026 und 2027. „Zeit- und Kostenplanung stehen in Korrelation zueinander“, heißt es in dem Zwischenbericht.

          Stadtteil der kurzen Wege

          Zweifel am Sinn des Jahrhundertprojekts kommen bislang aber nicht auf: Für Oberbürgermeister Gert-Uwe Mende (SPD) ist „bezahlbarer Wohnraum in Wiesbaden zu einer wichtigen sozialen Frage geworden“. Das Ostfeld sei deshalb von großer Bedeutung. Nicht nur weil es Wohnraum für 8000 bis 12.000 Menschen schaffe, sondern weil es als innovatives Großprojekt Standards in Sachen Nachhaltigkeit und Klimaschutz setze. Die Stadt verweist darauf, dass der Fokus auf einen möglichst hohen Anteil an Grün- und Freiflächen gelegt wird und dass durch den Einsatz erneuerbarer Energiequellen mehr Energie erzeugt werden soll, als tatsächlich verbraucht wird.

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          Das Ostfeld solle ein Stadtteil der kurzen Wege werden, in dem das private Auto eine untergeordnete Rolle spiele. Zudem sollen gemeinschaftliche Formen des Zusammenlebens hier Raum finden. Mende zieht daher Optimismus aus dem Zwischenbericht. „Ich freue mich, dass wir das Ostfeld als Gemeinschaftsprojekt trotz aller Hürden im vorgesehenen Zeitplan voranbringen.“

          Kommentar zum Ostfeld: Millionen für neuen Stadtteil

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