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Neuer Handelstrend : Schaufenster fürs Internet

Leder Stoll aus Frankfurt, hier Inhaber Joachim Stoll, macht längst schon unter koffer24.de Geschäfte Bild: Florian Manz

Leder Stoll aus Frankfurt macht längst schon unter koffer24.de Geschäfte. Der bisher reine Online-Anbieter Masstisch präsentiert sich jetzt auf einmal ganz real an einer Einkaufsstraße in Neu-Isenburg. Die Grenzen zwischen traditionellem und elektronischem Handel verschwimmen.

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          W er die Zukunft des Einzelhandels sehen will, sollte Frankfurt Richtung Süden verlassen. Er sollte das Badezimmerfachgeschäft namens „Absolut Bad“ von Andreas Wombacher an der Frankfurter Straße in Neu-Isenburg suchen und dort nach dem untervermieteten Ausstellungsraum fragen, den das Unternehmen Masstisch aus Neuss nutzt. Tische stehen hier, schmale und breite, und Doppelbetten, vorwiegend aus dunklem Holz. Der billigste Esstisch kostet 925 Euro, für den aus Rotbuche werden 3000 Euro fällig. Anfassen ausdrücklich erwünscht.

          Manfred Köhler

          Stellvertretender Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und verantwortlicher Redakteur des Wirtschaftsmagazins Metropol.

          Ein Möbelgeschäft? Eigentlich nichts Besonderes in Neu-Isenburg. Dieses aber doch. Denn das 2003 gegründete Unternehmen Masstisch ist ein Online-Geschäft, spezialisiert auf hochwertige Einrichtungsgegenstände nach Spezialmaßen. Im Internet lassen sich die Artikel konfigurieren, Holzart nach Wunsch, Beinprofil nach Geschmack, wahlweise mit Filzuntersetzer oder ohne. Doch bevor die Kundschaft womöglich einen vierstelligen Betrag ausgibt, will sie dann doch einmal um einen solchen Tisch herumgehen. Dafür wurde 2004 der erste Ausstellungsraum eingerichtet, der in diesem Jahr in Neu-Isenburg eröffnete ist schon der dritte. „Wir haben halt ein erklärungsbedürftiges Produkt“, sagt Masstisch-Geschäftsführer Christian Füg. „Wir haben die Erfahrung gemacht, dass die Leute in einer Couch Probe sitzen wollen.“

          1998 mit www.koffer24.de ins Netz

          Ein Online-Händler, der dann doch ein Geschäft eröffnet: Noch ist das die Ausnahme. „Aber viele denken darüber nach“, sagt Kai Hudetz, Geschäftsführer des Instituts für Handelsforschung in Köln. Das auf Möbel und Designobjekte spezialisierte Versandhaus Ikarus aus Gelnhausen zum Beispiel ist seit 1994 mit einem Katalog auf dem Markt, seit 1997 mit einem Online-Auftritt, 2005 kam ein Geschäft an der Hanauer Landstraße in Frankfurt hinzu. Bei Manufactum aus Waltrop im Ruhrgebiet und Cairo aus Groß-Umstadt war es ähnlich: Die Ladengeschäfte folgten dem Aufbau des Versandgeschäfts, die Konzepte befruchten sich gegenseitig. Der Arzneimittelversender Doc Morris war ebenfalls zuerst nur im Internet präsent, dann ging er Partnerschaften mit Apotheken ein, die nun genauso grün leuchten wie die Doc-Morris-Homepage. Selbst von Amazon sind immer wieder Gerüchte zu hören, es sei eine Ladenkette geplant. Derzeit nicht, heißt es in der Deutschland-Zentrale. Aber das sei auch nicht für alle Zeiten ausgeschlossen, wird hinzugefügt.

          Noch ist der umgekehrte Weg allerdings häufiger. Joachim Stoll, Inhaber von Leder Stoll an der Schäfergasse in Frankfurt in vierter Generation, ging schon 1998 mit www.koffer24.de ins Netz. Längst macht er dort mehr Umsatz als in seinem Stammgeschäft. Auch „Absolut Bad“ ist seit Anfang vergangenen Jahres im Internet vertreten - zur Freude des Chefs. Für ein Drittel der Umsätze sei der Online-Shop inzwischen gut, sagt Andreas Wombacher. Und seit knapp zwei Monaten hat eines der ältesten Geschäfte Frankfurts eine Dependance in den neuen Medien: Lorey bietet seine Produkte jetzt auch in der virtuellen Welt an. „Einkaufen ohne Öffnungszeiten“ steht seit kurzem in weißen Lettern auf rotem Grund am Lorey-Schaufenster an der Schillerstraße, die Internetadresse steht darunter. Lorey-Geschäftsführer Philipp Keller hofft vor allem auf Bestellungen von Stammkunden aus der Ferne. Denn gutsortierte Haushaltsfachgeschäfte sind selten geworden, manche Kunden reisen bisher sogar aus Mannheim an. Sie können sich nun den Weg sparen.

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