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Neuer Campus geplant : Mainz wirbt um weitere Biotechnologie

Ausbaufähig: Das Mainzer Pharmaunternehmen Biontech braucht mehr Platz für Forschung und Entwicklung. Doch auch die Stadt hat große Pläne. Bild: dpa

Das Mainzer Pharmaunternehmen Biontech SE hat sich zu einem der wichtigsten ­Corona-Impfstoffhersteller der Welt entwickelt. Die Stadt will das Momentum nutzen und einen neuen Campus für ähnliche Unternehmen schaffen.

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          Wir wollen das Momentum nutzen: So fasst der Mainzer Oberbürgermeister, Michael Ebling (SPD), ein ums andere Mal die Strategie der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt zusammen, die sich in den nächsten zehn bis zwölf Jahren zu einem international angesehenen Biotechnologie-Standort weiterentwickeln möchte. Den passenden Ort für den gewünschten Zukunfts-Campus, an dem sich fortan alle an dem ehrgeizigen Vorhaben beteiligten Akteure vernetzen und begegnen könnten, glaubt man schon gefunden zu haben. Etliche Ackerflächen am Stadtrand, die zwischen Europakreisel, Fußballstadion und Hochschulgelände liegen, sind als potentielle Wachstumszone ausgeguckt worden.

          Markus Schug
          Korrespondent Rhein-Main-Süd.

          Ebendort will man neue Unternehmen und Forschungseinrichtungen ansiedeln, die sich auf diese oder jene Weise mit den großen Themen Biotechnologie und Life Science beschäftigen. Fürs Erste stünden zwischen den Stadtteilen Bretzenheim und Gonsenheim, also in Sichtweite zur Saarstraße, dafür wohl bis zu 18 Hektar Fläche zur Verfügung. Mit der Erschließung sollte noch in diesem Jahr begonnen werden, heißt es in einer vor wenigen Tagen vorgelegten Bedarfsanalyse des Beratungsunternehmens Deloitte.

          Bis zu 5000 neue Arbeitsplätze

          Auf lange Sicht ließen sich an diesem Standort womöglich noch weitere 50 Hektar Fläche hinzugewinnen. Allerdings müssten diesem Ansinnen dann auch die Grundstückseigentümer, vor allem Mainzer Landwirte, zustimmen. Das allerdings hatte beim Bau des Fußballstadions, das vor mehr als zehn Jahren in einer für die Innenstadt bedeutenden Kaltluftschneise inmitten der Felder errichtet und deshalb ein Stück weit ins Erdreich eingegraben werden musste, nicht so geklappt wie erhofft. Der Widerstand der Besitzer fiel seinerzeit jedenfalls unerwartet heftig aus.

          Dass das Ackerland unweit der Hochschule, das zudem Spaziergängern ganzjährig als Erholungsraum dient, nachgerade der ideale Standort für den vorgesehenen Biotechnologie-Campus ist, steht bei der Stadt außer Frage. Bis 2035 könnten dort Forschungseinrichtungen, Pharmaunternehmen und Start-ups angesiedelt werden, die der Kommune günstig­stenfalls bis zu 5000 neue, zukunftssichere Arbeitsplätze sowie die dazugehörigen Steuereinnahmen bescheren sollen.

          Anfang des Jahres ist, wohl nicht zuletzt im Interesse des äußerst erfolgreich wirtschaftenden Mainzer Impfstoffherstellers Biontech SE, der für alle Unternehmen und Betriebe geltende Hebesatz für die Gewerbesteuer von 440 auf 310 Punkte gesenkt worden. Schließlich will man eine Abwanderung des wichtigsten Gewerbesteuerzahlers, der seit 2020 schon mehr als eine Milliarde Euro an die Stadtkasse überwiesen haben dürfte, auf alle Fälle verhindern.

          Auch Biontech expandiert 

          Biontech selbst ist gerade dabei, an seinem Standort An der Goldgrube zu expandieren und die benachbarte Generalfeldzeugmeisterkaserne, die sich direkt an den Hauptsitz des Unternehmen anschließt, in einen eigenen Campus für Forschung und Entwicklung zu verwandeln. Zumindest ein Teil des zwölf Hektar großen Areals soll allerdings wie geplant weiterhin für den Bau von in Mainz ebenfalls dringend benötigten Wohnungen reserviert bleiben.

          Ungeachtet dessen raten die Autoren der Kommune dazu, sich selbst auf die Entwicklung und den Aufbau „eines zentralen Biotechnologie-Standorts“ zu konzentrieren. Dieser sollte möglichst in der Nähe der Hochschule realisiert werden. Mit Unternehmen wie Biontech und Ganymed, aber auch mit der Universitätsmedizin und Tron, einem biopharmazeutischen Forschungsinstitut für Translationale Onkologie, verfüge Mainz schon über erfolgreiche, leistungsstarke und innovative Unternehmungen, sagte Ebling bei der Vorstellung der Studie: „Es ist das klare Ziel der Stadt, dabei zu unterstützen, das Leben und Arbeiten in Mainz noch besser zu machen.“ Bei dem Vorhaben, „ein international anerkanntes und stetig wachsendes Biotechnologie-Cluster zu etablieren“, wisse man nicht zuletzt das Land an seiner Seite.

          Mit ersten Erschließungsarbeiten der bisher landwirtschaftlich genutzten Flächen kann und soll laut Stadtspitze schon in den nächsten Wochen begonnen werden. „Die lokale Attraktivität des Biotechnologie-Standorts ist spürbar, die Strahlkraft ist dank der Erfolge der Biotech-Unternehmen global erlebbar“, beschrieb Projektleiterin Susanne Uhlmann von Deloitte eine aktuell für Mainz günstige Situation. Die Gunst der Stunde gelte es zu nutzen.

          Fast so als hätten sie es geahnt, sind andere Planer – nämlich die Projektentwickler der J. Molitor Immobilien GmbH, der G.L. Kayser Immobilien GmbH und der IGM Immobiliengesellschaft Mainz mbH – sogar schon weiter. Noch in diesem Jahr sei in Sichtweite zur Universität der Baubeginn für ein erstes repräsentatives Labor- und Bürogebäude möglich, das als „Auftaktimmobile“ exemplarisch für die modernen Forschungs- und Arbeitswelten des neuen Innovationsparks Mainz stehe, der in unmittelbarer Nachbarschaft zum Biotech-Hub geplant sei. Das dreigeschossige Gebäude soll eine flexible Raumaufteilung erlauben, modernste technische Ausstattung bieten und über ein nachhaltiges Energiekonzept verfügen: mit Geothermie, Photovoltaik auf dem Dach und an Außenwänden, einem Solar-Carport, viel Grün fürs Kleinklima und einem Regenrückhaltebecken zur Kühlung des Gebäudes.

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