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Neue Jagdverordnung in Hessen : Schnellschuss für den Wald

  • -Aktualisiert am

Weniger Rehe in Hessens Wäldern – das soll der Wiederaufforstung dienen. Bild: dpa

Verlängerte Jagdzeiten: Das April-Reh auf dem Teller soll den Wald in Hessen retten. Dass dies im Schulterschluss mit hochgradig verärgerten Jägern gelingen kann, ist zweifelhaft.

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          Bislang kam zu Ostern das Lamm auf den Sonntagstisch, und erst einige Wochen später folgte der „Maibock“. Nach dem Willen von Forstministerin Hinz soll sich das nun ändern. Das April-Reh auf dem Teller soll den Wald in Hessen retten. Zumindest den neu entstehenden Mischwald, der sich auf den von Stürmen freigeschlagenen und vom Borkenkäfer verwüsteten Forstflächen breitmachen soll.

          Dass dies im Schulterschluss mit hochgradig verärgerten Jägern gelingen kann, ist zweifelhaft. Denn Hessens Waidmänner fühlen sich von Hinz im Schnelltempo übergangen. Sie haben zudem einige gute Argumente gegen den Wunsch, schon jetzt die Büchse auszupacken. Schließlich hätte es der Eile einer neuen Verordnung gar nicht bedurft, weil in der Corona-Krise die Restaurants geschlossen haben. Und an einen Wildbraten traut sich nicht jeder Hobbykoch. Rehe werden zudem nach staatlichen Abschussplänen geschossen, und die Jäger erfüllen landesweit gesehen ihre Quote. Von einer drastischen Heraufsetzung dieser Vorgaben ist bislang nichts bekannt.

          Wenn die Ministerin die Nahrungsaufnahme von Rehen als das Zerstören vom Baumsetzlingen bezeichnet, dann schimmert aus dieser Bewertung jene Portion Ideologie, die bei Jägern ein gerütteltes Maß an Misstrauen hervorruft. Das umso mehr, als invasive Arten wie der Waschbär längere Schonzeiten als das heimische Reh genießen. Vom Umgang mit dem Wolf ganz zu schweigen. Wegen der neuen Praxis, dass jede Jagdscheinverlängerung eine Abfrage beim Verfassungsschutz auslöst, sieht sich mancher Jäger unter Generalverdacht gestellt. Und recht machen kann es der Grünrock ohnehin nicht allen: Radikale Tierschützer lehnen die Jagd generell ab, und Waldschützer fordern ein strikteres Vorgehen mit der Waffe gegen den Waldschädling Reh.

          Hinzu kommt, dass es wenig klug ist, wenn das Ministerium mit einer Verordnung eine Hoffnung verbindet und gleichzeitig jene brüskiert, die diese Hoffnung mit der Gewehrkugel erfüllen sollen. Zudem hat es das Land in der Vergangenheit versäumt, wirksam den zweifellos zu hohen Wildbestand im Land anzugehen.

          Sinnvoll wäre aktuell, vor allem dort den Jagddruck zu erhöhen, wo Neuanpflanzungen anstehen. Und weil Wald ohne Wild nicht denkbar ist, gehören Verbesserungen des Lebensraums für die Tiere mit dazu.

          Oliver Bock

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis und für Wiesbaden.

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