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Neubau : Eine umstrittene Kathedrale für den Riesling

Neue Lagerstätte: Rotweine und weiße Spitzenweine reifen in neuen Eichenfässern Bild: dpa

Die Hessischen Staatsweingüter nehmen ihre unterirdische Kellerei am Steinberg in Eltville in Betrieb. Bis zu 140 Tonnen Trauben können täglich verarbeitet werden und 1,5 Millionen Flaschen haben dort Platz.

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          Gemessen an architektonisch herausragenden Weinkellereien in Südafrika, Südtirol oder Kalifornien ist der Neubau der Hessischen Staatsweingüter in Eltville ein bescheidenes Haus. Für deutsche Verhältnisse allerdings ist es eine unterirdische Kathedrale des Rieslings, die in ihrer nüchternen Funktionalität viele Besucher erstaunen wird. Im Vordergrund stehen Qualität und Flexibilität, nicht ein optisch starker Auftritt. Nun hat das mit 212 Hektar Rebfläche größte Weingut Deutschlands zur unbestrittenen Güte seiner Weinberge auch die passende Kellerei. Bis zu 140 Tonnen Trauben können täglich schonend verarbeitet werden. 1,5 Millionen Flaschen Wein können dort lagern, fast 1,9 Millionen Liter Rebensaft in Edelstahltanks und Holzfässern reifen. Die Staatsweingüter wollen zurück in den Kreis der führenden Erzeuger Deutschlands – und mit einem Umsatz von 8,5 Millionen Euro endlich und dauerhaft schwarze Zahlen schreiben.

          Oliver Bock
          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis und für Wiesbaden.

          Doch sechs Jahre heftige Auseinandersetzungen haben Spuren hinterlassen, und längst nicht alle Wunden sind verheilt. Wenn morgen die Eröffnung der Kellerei gefeiert wird, fehlt mit Landrat Burkhard Albers beispielsweise einer der Gegner aus der vordersten Linie. Mit dem Sozialdemokraten sind nicht wenige Kritiker der Ansicht, dass der Bau die Kulturlandschaft am Kloster Eberbach verschandelt und am Genehmigungsprozess des Projekts rechtliche Zweifel angebracht sind. Albers spricht vom „Frontalangriff auf den Rheingau“.

          Koch: Widerstand gehörig unterschätzt

          Kein Bauprojekt in der jüngeren Geschichte des Landkreises hat die Gemüter derart erregt, hat Landtag und Regierungspräsidium, Kreistag und Verwaltungsgericht derart beschäftigt. Es war ein erbitterter politischer und juristischer Streit, gewürzt mit Vorwürfen des Lohndumpings an der Baustelle und begleitet von einem von Winzern angestrengten Beihilfeverfahren vor der Europäischen Union. Auch der Zeitplan ließ sich nicht halten. Am Ende geht ein tiefer Riss durch die Rheingauer Winzerschaft.

          Als der Landtagsabgeordnete Franz Josef Jung (CDU) und der Leiter der Staatsweingüter, Dieter Greiner, im November 2001 erstmals das Kellereiprojekt für die chronisch defizitären Staatsweingüter skizzierten, konnten sie das Ausmaß der Debatten nicht ahnen. Ministerpräsident Roland Koch (CDU) selbst war es, der die Dickköpfigkeit vieler skeptischer Winzer provozierte, indem er kategorisch die Aufgabe des alten Standorts in Eltville ankündigte. Zu diesem Zeitpunkt hatte Koch schon selbst den Aufsichtsratsvorsitz der Staatsweingüter übernommen und damit die Bedeutung der Mission unterstrichen. Später räumte er ein, den Widerstand gehörig unterschätzt zu haben.

          Keine Show-Kellerei, sondern ein transparentes Funktionsgebäude

          Dabei war ein Kellereineubau folgerichtig angesichts der dringend notwendigen Umstrukturierung der Staatsweingüter. Mit weniger Personal, einer modernen Kellerei und dem Handlungsspielraum einer GmbH sollten sie vom Tropf des Landes abgehängt werden, aus dem sie jährlich mit bis zu einer Million Euro alimentiert wurden – ohne dass über Jahrzehnte hinweg daran jemand Anstoß genommen hatte. Dass der Neubau ausgerechnet neben dem Steinberg erfolgen sollte, war in den Augen der Kritiker ein Sakrileg, aus der Sicht von Greiner aber nur folgerichtig: Die Zukunft der Staatsweingüter liege in ihren Wurzeln, und diese Wurzeln seien das Kloster und der Steinberg.

          Rund 10.000 Kubikmeter Beton und 1.700 Tonnen Stahl sind in dem 80 Meter langen, 60 Meter breiten und 13 Meter tiefen „Loch“ verschwunden, über dem jetzt 5.000 Rebstöcke wachsen. In der Kellerei dominieren Schiefer und Stahl, Beton und Glas. Es ist keine Show-Kellerei, sondern ein transparentes Funktionsgebäude, das durch seine Lage besticht und eine gute Fernsicht bietet. Es ist, schwärmt Greiner, ein neuer „Balkon auf den Rheingau“.

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