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Mülltourismus : Neapolitanischer Müll auch in Rhein-Main

Neapel dieser Tage - noch vor zwei Jahren organisierten Müllmakler den Transport von dort nach Hessen Bild: dpa

Neapel ist weit. Aber die süditalienische Millionenstadt ist nicht so weit weg, dass der zu unrühmlicher Bekanntheit gelangte Müll der Stadt nicht auch bis ins Rhein-Main-Gebiet gelangt wäre. Bis 2005 luden die Neapolitaner Abfälle auch in Hessen ab.

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          Neapel ist weit. Aber die süditalienische Millionenstadt ist nicht so weit weg, dass der in diesen Tagen zu unrühmlicher Bekanntheit gelangte Müll der Stadt nicht auch bis ins Rhein-Main-Gebiet gelangt wäre. Bis zur Schließung aller deutschen Deponien im Juni 2005 organisierten italienische Müllmakler nach Angaben des Abfallfachmanns Gerd Mehler „in erheblichem Umfang“ eine Entsorgung auf hessischen Deponien: Sie brachten den Müll Neapels auf die Deponie Bastwald im Vogelsberg und die südhessische Deponie in Büttelborn.

          Mechthild Harting
          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Der größte Teil der italienischen Abfälle oder, besser gesagt, des über Italien transportierten Mülls, sei jedoch bis 2005 in Abfall-Verbrennungsanlagen in Nordrhein-Westfalen gelandet. Von Müllgeschäften der Italiener mit hessischen Anlagenbetreibern ist Mehler dagegen nichts bekannt – und dorthin müssten die Abfälle gelangen, da seit Sommer 2005 jede Tonne Hausmüll oder Gewerbeabfall in Deutschland verbrannt oder vorbehandelt werden muss. Der Entsorgungskonzern Remondis dagegen, der an der Frankfurter und der Mainzer Verbrennungsanlage beteiligt ist, teilt mit, dass er in Bremerhaven weiter neapolitanischen Müll verbrenne.

          Reise in die „Kehrichtverbrennungsanlage“ in der Schweiz

          Dass die Wege europäischer Abfälle verwirrend verlaufen, zeigt sich daran, dass seit zwei Jahren jede Woche 750 Tonnen Hausmüll aus dem Main-Taunus-Kreis und dem Hochtaunuskreis in den Schweizer Kanton Wallis transportiert und dort verbrannt werden. Den Mülltransport, der auf drei Jahre befristet ist und die Zeit überbrücken soll, in der die Frankfurter Müllverbrennungsanlage saniert wird, übernimmt die Bahn. Umgeschlagen werden die eingesammelten Abfälle, rund 30.000 Tonnen im Jahr, am Bahnhof Ginsheim-Gustavsburg, ehe der Müll auf die Reise in die „Kehrichtverbrennungsanlage“ im schweizerischen Monthey geht.

          Die Rhein-Main-Deponie GmbH, die für die Entsorgung der etwa 100.000 Tonnen Hausmülls der Kreise zuständig ist, entschied sich damals für diesen Schritt, weil die Schweizer inklusive der Transportkosten den günstigsten Preis boten – noch dazu in einer Anlage, die „sämtliche Vorgaben des deutschen Umweltrechts einhält“, wie es im Dezember 2005 in einer Mitteilung der Deponie-Gesellschaft hieß. 150 Euro muss der Gebührenzahler für jede auf diesem Weg entsorgte Gewichtstonne Hausmüll aufbringen: 40 Euro davon entfallen auf den Transport. „Das war ein sehr guter Preis“, heißt es aus Fachkreisen. Üblich seien damals 200 Euro je Tonne gewesen, ohne Transportkosten.

          Weil es bei der Sanierung der Frankfurter Müllverbrennungsanlage, die seit Anfang 2004 und bis Ende 2009 modernisiert wird, in den vergangenen Monaten immer wieder zu technischen Schwierigkeiten kam, hat die Deponie GmbH die Entsorgung weiterer 40.000 Tonnen Hausmüll aus Frankfurt übernommen und fährt diesen zu acht oder neun Verbrennungsanlagen in Deutschland, von Iserlohn bis Leuna. Dorthin, wo Kapazitäten frei sind.

          Beseitigung europaweit ausgeschrieben

          Mit Schwerlastzügen durch die Republik wird im übrigen auch der Frankfurter Straßenkehricht transportiert. Der Auftrag, ihn zu beseitigen, wird europaweit ausgeschrieben. Der Kehricht wird seit einigen Jahren in ein Kali-Bergwerk in Thüringen gefahren, um dort als „Bergversatz“ alte Stollen aufzufüllen. Dies sei konkurrenzlos günstig und abfallwirtschaftlich genehmigt, teilt das Frankfurter Umweltamt mit.

          Den Frankfurter Politikern gefällt dieser Mülltourismus eigentlich nicht. Für die eigene Müllverbrennungsanlage in der Nordweststadt haben sie deshalb vorgegeben, dass die dort zu verbrennenden Abfälle nur aus einem Umkreis von 70 Kilometern um Frankfurt stammen dürfen. Eine politische Vorgabe, die mit einer Abfallumladestation leicht umgangen werden kann, hat verhindert, dass sich die Frankfurter Entsorgungs- und Service GmbH um die Entsorgung des Fuldaer Hausmülls bewerben durfte. Fulda liegt 90 Kilometer von Frankfurt entfernt, Neapel 1500.

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