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Heidenrod bei Wiesbaden : Die Natur als lukratives Geschäftsfeld

Geldwerter Vorteil: Heidenrod besitzt wertvolle Wiesen und Wälder - und profitiert davon auch finanziell. Bild: Marcus Kaufhold

Ein erfolgreiches Konzept: Mit dem Verkauf von Ökopunkten stärkt Heidenrod seine Finanzkraft und wertet zudem Wald und Feld ökologisch auf.

          Das Konto ist leer. Rund 900.000 Ökopunkte hatte Heidenrod schon als Guthaben angesammelt, doch die sind zwischenzeitlich verkauft, und der Erlös trägt mit dazu bei, dass der Gemeindehaushalt von Bürgermeister und Kämmerer Volker Diefenbach (SPD) in diesem Jahr einen schönen Überschuss von mehr als 800.000 Euro aufweist. Vor fünf Jahren wäre das noch undenkbar gewesen. Doch das ehemalige Armenhaus im Osten des Untertaunus hat die Wende geschafft, indem es sich seiner Stärken und seines Kapitals besonnen hat. Aus dem beachtlichen Reichtum an Natur und Landschaft eine hübsche Dividende zu ziehen, das ist kein leichtes Unterfangen. Mit 4600 Hektar Kommunalforst ist Heidenrod die waldreichste Gemeinde in Hessen. Mit 5000 Hektar gehört Heidenrod zudem der Löwenanteil an der gesamten Gemarkung von rund 9600 Hektar. Das ist hessenweit ungewöhnlich. Und inzwischen hat Heidenrod einen eleganten Weg gefunden, die ökologische Aufwertung von Natur und Landschaft als lukratives Geschäftsfeld zu betreiben.

          Oliver Bock

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis und für Wiesbaden.

          Heidenrod hat dazu ein Konzept für den „Ökopunktehandel als Einnahmequelle“ beschlossen. Auch wenn die Regeln dazu nur schwer durchschaubar und bürokratisch-komplex sind, so ist das Prinzip einfach: Wenn eine Kommune oder ein Unternehmen bauen will und dazu Natur und Landschaft in Anspruch nehmen muss, dann ist dieser „Eingriff“ nach dem Naturschutzgesetz auszugleichen. Wie und in welchem Umfang, dazu gibt es eigens eine 20 Seiten starke hessische „Verordnung über die Durchführung von Kompensationsmaßnahmen, Ökokonten, deren Handelbarkeit und die Festsetzung von Ausgleichsabgaben“. Der Ausgleich solcher Eingriffe muss nach Möglichkeit in räumlicher Nähe erfolgen. So wurde der massive Eingriff am Rhein durch den Neubau der Schiersteiner Brücke unter anderem durch die Reaktivierung eines Altrheinarms bei Geisenheim kompensiert.

          Natur als Ausgleich bei Bauprojekten

          An dieser Stelle setzt nun Heidenrod an und bietet die eigene Natur und Landschaft für den naturschutzrechtlichen Ausgleich bei Bauprojekten in der Umgebung an. Mit beachtlichem Erfolg. Die Gemeinde Schlangenbad hat das Angebot schon angenommen, um einen Bebauungsplan zur Erweiterung des Freizeitparks Taunuswunderland aufstellen zu können. Und die Kur- und Kreisstadt Bad Schwalbach brauchte dringend einen naturschutzrechtlichen Ausgleich für die Rodung des Waldes, mit dem Platz für das neue Gewerbegebiet Ober Hardt geschaffen wurde, das übergangsweise im nächsten Jahr als Großparkplatz der Landesgartenschau dient. Weil in beiden Fällen allerdings Bäume gefällt wurden, greift eine besondere Bestimmung, die zum Ausgleich zwingend die Pflanzung neuer Bäume vorsieht.

          Heidenrod kann für beide Fälle eine insgesamt zehn Hektar große Ackerfläche anbieten, die in den kommenden Jahren aufgeforstet wird. Damit gibt es in der Region keinen Waldverlust. Bad Schwalbach überweist Heidenrod dafür 462.200 Euro, Schlangenbad 185.000 Euro. Unter dem Strich und nach Abzug der Kosten für die Aufforstung verbleibt im Heidenroder Gemeindesäckel ein Gewinn von mehr als 250.000 Euro. Gut für die Gemeinde, schlecht für einige Bauern, die dadurch Pachtflächen verloren haben.

          Ärger mit Landwirten vermeiden

          Allerdings versucht Heidenrod in der Regel, Äcker zu schonen, um sich nicht weiteren Ärger mit den Landwirten einzuhandeln. Daher sieht das Konzept zum Ökopunktehandel auch vorrangig Ausgleichsmaßnahmen im Wald vor. Heidenrod kann mit Stilllegung wenig produktiver Forstparzellen, mit der Pflanzung seltener heimischer Baumarten, mit der Anlage von Biotopinseln und mit der Umwandlung von Fichtenwaldparzellen und Mischbestände aus Eichen und Buchen Ökopunkte auf dem Konto „ansparen“, das von der Unteren Naturschutzbehörde geführt wird.

          Die Untere Naturschutzbehörde führt derzeit für acht der 17 Kommunen Ökokonten, auf denen insgesamt 900.000 Biotopwertpunkte als Guthaben verzeichnet sind. „Die Kommunen sind nicht zum Handel mit den Ökopunkten verpflichtet“, heißt es aus dem Kreishaus. In der Regel reservieren sie die Punkte für eigene Vorhaben und machen daraus kein großes Geschäft, wie das Heidenrod tut. Das höchste Guthaben kreisweit hat derzeit Rüdesheim mit 400.000 Punkten.

          Beim Verkauf dieser Ökopunkte an private oder kommunale Bauherren werden mindestens 35 Cent je Ökopunkt fällig, Heidenrod will in jedem Fall mindestens 150 Prozent der geschätzten Kosten bezahlt bekommen. Auch außerhalb des Waldes sind viele Maßnahmen denkbar, für die Ökopunkte eingeheimst werden können, beispielsweise der Abriss nicht mehr benötigter Zäune oder Hochbehälter in der Landschaft, die Beseitigung maroder Schuppen und anderer Gebäude oder die Entfernung von Schotterflächen.

          Das gilt auch für die Renaturierung von Bachläufen, die Anlage von Fledermausstollen und die Extensivierung von Grünland. Alle diese Maßnahmen werden nach Voranmeldung und Genehmigung durch die Naturschutzbehörden nach ihrem Gewinn für die Natur bewertet und mit Ökopunkten belohnt, mit denen Heidenrod handeln kann. Zwar sind Ökopunkte in dichtbesiedelten Ballungsräumen naturgemäß mehr wert als im ländlichen Raum wie dem Untertaunus, doch zahlt sich die Sache für Heidenrod inzwischen in Euro und Cent aus. Zumal der Handel nicht nur Geld in die Kasse bringt, sondern der eigenen Gemarkung zugutekommt, den Naturhaushalt und das Landschaftsbild verbessert.

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