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Nachwuchsmangel : Pfleger können ihren Arbeitgeber aussuchen

  • -Aktualisiert am

Gute Berufschancen: Die Krankenhäuser suchen nach Mitarbeitern. Besonders gefragt sind Fachkräfte für die Intensivstationen. Bild: dpa

Noch vor einigen Jahren haben Krankenhäuser Stellen gestrichen. Das hat sich geändert: Derzeit suchen Kliniken mit Werbekampagnen nach Pflegekräften.

          Den Anfang hat eines der kleineren Krankenhäuser in Frankfurt gemacht. Als die Plakate zu sehen waren, mit denen die Rotkreuzkliniken sich als Arbeitgeber präsentierten, löste das in der Branche Erstaunen aus. Inzwischen sind Häuser wie das Markuskrankenhaus in Frankfurt, die Horst-Schmidt-Kliniken in Wiesbaden und das Sana-Klinikum in Offenbach dem Beispiel mit eigenen Kampagnen gefolgt. Vor allem hochqualifizierte Fachkräfte für die Intensivstationen fehlen. Weil nicht genügend Pfleger für die Nachsorge da sind, können nicht alle Betten genutzt werden. Das führt immer wieder dazu, dass Notfallpatienten abgewiesen werden und es für planbare Operationen längere Wartezeiten gibt.

          Ingrid Karb

          Blattmacherin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Laut Pflegemonitor, für den das hessische Sozialministerium regelmäßig Arbeitsmarktdaten zusammenfasst, steigt die Zahl der Arbeitsplätze in der Pflege seit vier Jahren. 2013 arbeiteten mehr als 30 000 Pflegekräfte an den Krankenhäusern in Hessen. Allein 2014 suchten Krankenhäuser, ambulante und stationäre Pflegeeinrichtungen rund 16 500 Kräfte. Zwar ist die Zahl der Ausbildungsplätze seit 2014 stark gestiegen, aber es gibt weniger Absolventen als frei werdende Stellen. Das Sozialministerium erwartet, dass mehr als die Hälfte der Pfleger bis 2030 altersbedingt ausscheidet. Wegen körperlicher wie psychischer Überlastung hören allerdings viele schon vor Erreichen des Rentenalters auf oder wechseln den Job.

          Es blieben nicht so viele Spanier wie erhofft

          Deshalb suchen deutsche Krankenhäuser seit einigen Jahren auch im Ausland nach Mitarbeitern. Im Sana-Klinikum arbeiten etwa 900 Pflegekräfte aus 50 Ländern. Zuletzt wurden nach Angaben einer Sprecherin 19 Mitarbeiter aus Vietnam angeworben. Das Klinikum Frankfurt Höchst mit insgesamt 1000 Pflegekräften hat in den letzten beiden Jahren nach Angaben einer Sprecherin 50 Mitarbeiter aus dem Ausland akquiriert, vor allem aus den früheren jugoslawischen Staaten. Ebenfalls dort und auf den Philippinen sowie in Brasilien suchen die Horst-Schmidt-Kliniken über Agenturen Pflegekräfte.

          Die Frankfurter Diakoniekliniken beschäftigen viele Kroaten, zudem Ungarn und Rumänen. Die Zusammenarbeit mit der Universität in Murcia in Spanien, die vor einigen Jahren begonnen wurde, hatte dagegen geringen dauerhaften Erfolg. Nach Angaben des Managements blieben nicht so viele Spanier wie erhofft in Deutschland, zurzeit arbeiten 19 spanische Schwestern an den beiden Kliniken Bethanien- und Markus-Krankenhaus.

          Für die Zufriedenheit der Mitarbeiter wird viel getan

          Im Rhein-Main-Gebiet, in dem es eine Vielzahl an Krankenhäusern, Pflegeeinrichtungen und ambulanten Diensten gibt, können sich qualifizierte Kräfte mittlerweile aussuchen, wo sie arbeiten möchten. Alle befragten Kliniken in der Region bieten ihren Mitarbeitern Zusatzleistungen, seien es Betriebswohnungen, Hilfe bei der Wohnungssuche, Kinderbetreuungsplätze, Jobtickets oder private Renten- und Krankenversicherungen. Überall soll den Mitarbeitern die Vereinbarkeit von Beruf und Familie erleichtert werden, zum Teil gibt es ein Gesundheitsmanagement und vor allem Angebote zur Weiterbildung. Denn wenn die Pflegekräfte mit den Arbeitsbedingungen nicht zufrieden sind, können sie wechseln. Das war nicht immer so. Bis 2012 strichen Krankenhäuser Stellen, um Kosten zu sparen. Pflegekräfte mussten um ihre Zukunft bangen. Inzwischen betonen Häuser wie das städtische Klinikum Frankfurt Höchst, an dem nach dem Zusammenschluss mit den Main-Taunus-Kliniken Stellen wegfallen sollen, dass Kündigungen vermieden würden, der Personalbestand allein mit Fluktuation und Ruhestandsregelungen reduziert werden solle. Die Angst ist groß, dass die Mitarbeiter sich sonst umorientieren könnten.

          So, wie es an den Horst-Schmidt-Kliniken geschehen ist. Nachdem der Helios-Konzern vor zwei Jahren Klinikanteile übernommen hatte, kündigte die neue Geschäftsführung an, 100 Stellen in der Pflege abzubauen, und bot Abfindungen an. Daraufhin verließen mehr Mitarbeiter das Haus als erwartet, es entstanden Vakanzen, die noch immer nicht gefüllt sind. In Wiesbaden werden aktuell nach Angaben einer Helios-Sprecherin 80 Pflegekräfte gesucht; insgesamt beschäftigt die Klinik 800. Seit vergangenem Jahr setzen die HSK sogar auf Leiharbeiter in der Pflege. Für die Operations- und Intensivstation sollen mit einer höheren Eingruppierung und übertariflichen Leistungen Kräfte gewonnen werden. Zudem sind die HSK bereit, neuen Mitarbeitern Umzugspauschalen zu zahlen. Eine Prämie für Angestellte, die Mitarbeiter anwerben, gebe es aber nicht, sagt die Sprecherin.

          „Jedes Krankenhaus muss die Menschen finden, die zu ihm passen“

          In diesem Monat wurde eine großangelegte Kampagne gestartet, um Pflegekräfte zu gewinnen, die Zeitungsanzeigen, Werbeplakate und Aktionen in den sozialen Medien umfasst. Auch das Sana-Klinikum in Offenbach sucht unter dem Slogan „Komm zu Sana“ im Internet und mit einer schrillen Plakatkampagne sowie der hausinternen Aktion „Mitarbeiter werben Mitarbeiter“ zusätzliche Pflegende. Das Markus-Krankenhaus in Frankfurt hat in den letzten zwei Wochen dagegen mit einer Guerrilla-Aktion auf sich aufmerksam gemacht, die nicht überall gut ankam. Mit einem Kleinbus präsentierten Verwaltungsdirektor Roland Strasheim und Pflegedirektorin Ingrid Mauritz vor anderen Kliniken ihr „Krankenhaus mit Herz“ und sprachen Mitarbeiter an, um sie abzuwerben. Ausgesucht hatten sie sich dafür Häuser, die im Umbruch sind, wie das Klinikum Höchst und das Marienkrankenhaus, dessen Standort im Frankfurter Nordend geschlossen werden soll. Es sei um Aufmerksamkeit gegangen, sagt Strasheim. Für das nächste Jahr seien weitere Aktionen geplant.

          Für die Frankfurter Rotkreuzkliniken hat sich die Kampagne „Teamgeist erleben“ gelohnt, wie Geschäftsführerin Marion Friers sagt, die im Vorstand für Personal, Pflege und Kommunikation zuständig ist. Heute gebe es in den Rotkreuzkliniken, die 251 Pfleger beschäftigen, keine vakante Stelle. An den Häusern mit Belegbetten würden nur Pflegekräfte mit dreijähriger Ausbildung beschäftigt, keine Pflegehelfer oder Servicekräfte. Wenn Bedarf entstehe, könne man zudem auf Initiativbewerbungen zurückgreifen. Früher habe man einfach eine freie Stelle inseriert, sagt Friers. Doch das reiche heute nicht mehr aus: „Ich bewerbe mich bei den Pflegekräften und muss ihnen zeigen, was ich zu bieten habe.“ Ihr Haus habe in den vergangenen fünf Jahren eine Arbeitgebermarke aufgebaut. Das machten mittlerweile auch andere Kliniken - „wir waren nur ein bisschen schneller“. In den Prozess waren die Mitarbeiter eingebunden, sie bestimmten die Themen und äußerten Änderungswünsche. Am Ende warben 120 Mitarbeiter mit ihrem Gesicht auf Plakaten für die Kliniken. „Jedes Krankenhaus muss die Menschen finden, die zu ihm passen“, sagt Friers. Pfleger hätten ihren Beruf gewählt, weil sie darin einen Sinn sähen. Sie wolle ihnen ermöglichen, so zu arbeiten, wie sie sich das vorstellten. Nur so könne man Personal halten - und das sei angesichts des demographischen Wandels wichtig.

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