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Nachts auf der Baustelle : „Fräsen ist Nervensache und Leidenschaft“

  • -Aktualisiert am

Zahnarzt: Bei Reparaturarbeiten unter der Fräse herrscht Enge, und nachts ist besondere Vorsicht notwendig. Bild: Marcus Kaufhold

Um den Mainzer Ring instand zu setzen, wird nicht nur tagsüber gearbeitet. Ein nächtlicher Rundgang über die Autobahnbaustelle.

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          Stetig und mit großer Präzision frisst sich die riesige Fräse in den Fahrbahnbelag des Mainzer Autobahnrings. Der Lärm der Maschine dröhnt in den Ohren, es staubt, und die Luft ist erfüllt von Bitumengeruch. Ohne Mühe bohren sich die spitzen Zähne des Walzwerks in den Asphalt, fast so, als handelte es sich dabei um weiche Butter. Mit acht Metern pro Minute bahnt sich das tonnenschwere Gefährt seinen Weg und fräst dabei den Fahrbahnbelag auf einer Breite von mehreren Metern um zwölf Zentimeter ab. Übrig bleiben Staub und Gesteinsbrocken. Ein Laufband befördert das, was eben noch Straße war, in einen vor der Fräse fahrenden Lastwagen.

          Aus einiger Entfernung beobachtet Projektingenieur Remigius Franzen vom Autobahnamt Montabaur die Arbeiten. Der Dreiundvierzigjährige steht neben einem großen leuchtenden Heliumballon, der die Baustelle gegen Mitternacht ausleuchtet. Schließlich wird hier von Freitagabend bis Sonntagabend Tag und Nacht durchgearbeitet, weshalb ein Teil der Autobahn 60 in Fahrtrichtung Bingen über das Wochenende komplett gesperrt ist. Franzen ist dafür verantwortlich, dass die Arbeiten gemäß der Ausschreibung ausgeführt werden. Und dafür, dass der Verkehr am Montag um 5 Uhr wieder rollen kann. „Es gibt viele Unwägbarkeiten, da darf nichts dazwischenkommen, die ganze Logistik muss passen.“

          Ein Asphaltbrocken klemmt

          In der Vergangenheit sind in der Fahrbahnoberfläche Spurrillen und andere Schäden entstanden, die sich in tiefere Schichten der Straße durchgedrückt haben. Die Verursacher sind vor allem Lastwagen, wobei deren Anteil an den rund 80.000 Fahrzeugen, die in 24 Stunden die Autobahn an dieser Stelle passieren, laut Franzen sogar relativ gering ist. Um die Schäden zu beheben, muss der Asphalt der Fahrbahn, die aus Deck-, Binder- und Tragschicht besteht, in zwei Fräsgängen zunächst um zwölf und dann noch einmal um sieben Zentimeter abgetragen werden. Anschließend wird frischer Asphalt aufgetragen, und die Fahrbahn erhält neue Markierungen.

          Eine der drei Großfräsen, die in der Nacht von Freitag auf Samstag zwischen der Anschlussstelle Mainz-Finthen und der Wildbachtalbrücke unterwegs sind, bleibt plötzlich stehen. „Da hat sich ein Asphaltbrocken verklemmt, der muss jetzt rausgeholt werden“, sagt Franzen. Maschinenführer Ralph Hübner kriecht unter die Walze und versucht, auf dem Rücken liegend, die Blockade zu beseitigen. Dabei ist er nur Zentimeter von den spitzen Fräszähnen entfernt. Nach kurzer Zeit hat er Erfolg, und die Maschine kann ihr Werk fortsetzen. „Fräsen ist Nervensache und Leidenschaft, man muss sich permanent konzentrieren“, so Hübner, der zusammen mit seinem Kollegen Martin Dietmar seit dem Vormittag im Einsatz ist.

          Zehn bis 15 Jahre soll die sanierte Fahrbahn überdauern

          Um die Behinderungen für die Autofahrer möglichst gering zu halten, wurden und werden die Arbeiten auf mehrere Wochenenden in den Sommerferien verlegt. Vor einer Woche war der erste Abschnitt an der Reihe, von Freitag bis Sonntag folgte der zweite; dafür wurde die Autobahn jeweils zwischen dem Kreuz Mainz-Süd und der Anschlussstelle Mainz-Finthen respektive dem Dreieck Mainz in Richtung Bingen gesperrt. In zwei Wochen soll am Wochenende laut Franzen der dritte und letzte Abschnitt saniert werden. Die Kosten belaufen sich den Angaben zufolge auf insgesamt rund 800 000 Euro, wobei man sich nur auf die Sanierung der eigentlichen Fahrbahn konzentriert, nicht jedoch auf Nebensysteme wie die Bankette oder die Entwässerungsanlagen.

          „Das ist die einzige Möglichkeit, um sich mit relativ geringen Mitteln über Wasser zu halten“, sagt Franzen. Kleinflächige Ausbesserungen brächten nicht denselben Erfolg, zumal die häufigen Flickarbeiten häufig Staus provozierten. Zehn bis 15 Jahre soll die sanierte Fahrbahn überdauern, zumal die schmale, standstreifenlose Strecke ja ohnehin einmal auf sechs Fahrspuren mit Standstreifen ausgebaut werden soll. Die Planung für den Ausbau sei im Gange, spruchreif sei aber noch nichts, so Franzen. Auf jeden Fall wolle man sich mit der aktuellen Fahrbahnsanierung bis zum sechsspurigen Ausbau hinüberretten. Weil die Autobahn zu eng ist, um den Verkehr einspurig an der Baustelle vorbeizuführen, muss die A 60 in einer Fahrtrichtung gesperrt werden.

          Auf der Baustelle herrscht reger Verkehr

          Dies bedeutet nicht nur einen Zugewinn an Sicherheit, sondern hat für die Arbeiter noch einen weiteren Vorteil: Etwaige Beschimpfungen durch frustrierte Autofahrer entfallen. „Da muss man sich sonst schon einiges anhören, das ist gang und gäbe“, berichtet Franzen. Verständnis hat er dafür nicht: „Wir machen das ja nicht zum Spaß, wir freuen uns ja auch, wenn die Straße wieder hoppelfrei ist.“ Trotzdem bereite ihm der Beruf großen Spaß, sagt er und nennt die Mischung zwischen Büroarbeiten und Außendienst.

          Auf der Baustelle herrscht reger Verkehr: Rund 25 Lastwagen sind auf dem 1200 Meter langen Abschnitt ständig unterwegs, um den abgetragenen Asphalt – insgesamt viereinhalbtausend Tonnen – in mehreren Fuhren zu einem Mischwerk in Wiesbaden zu transportieren. Routiniert steuern die Fahrer die großen Fahrzeuge über die Baustelle und rangieren sich geschickt in die richtige Position vor die Fräsmaschinen. „Die Fahrer machen das nicht zum ersten Mal, die wissen, was zu tun ist“, sagt Projektingenieur Franz. Der Personaleinsatz auf der Baustelle hält sich in Grenzen: Zu den Lastwagenfahrern kommen rund 15 Mann, die die Fräsen bedienen. Mit dem Auftragen des neuen Asphalts, wofür ebenfalls große Spezialmaschinen zum Einsatz kommen, sind zehn bis zwölf Mann beschäftigt. Vor der Fräse von Ralph Hübner und Martin Dietmar ist mittlerweile ein Tankwagen vorgefahren. Denn alle 90 Minuten muss die 900 PS starke Fräse 5000 Liter Wasser aufnehmen – zur Kühlung während des Fräsens.

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