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Nachkriegszeit : Retter der kollektiven Erinnerung

  • -Aktualisiert am

Fundstück: Wann und wo das Foto gemacht wurde, ist unklar. Bild: Marcus Kaufhold

Der in Kelkheim lebende Amerikaner John Provan hat rund 300.000 Fotos, Filme und Schallplatten aus der Nachkriegszeit gesichert, die in amerikanischen Kasernen zurückgelassen wurden.

          Ohne Taschenlampe und Schraubenzieher geht John Provan nie aus dem Haus, wenn er sich auf den Weg zu seinen Kumpels in den amerikanischen Kasernen macht. Das war auch an jenem Tag vor etwa 15 Jahren so, als er den Tipp bekam: „Wir haben das Abrahams Building jetzt geräumt, die Türen sind offen, der Müll steht vor der Tür – kannst ja mal nachschauen.“ Der in Kelkheim lebende und auf Technikgeschichte spezialisierte Historiker überlegte nicht lange, fuhr nach Frankfurt in das frühere IG-Farben-Haus, untersuchte jeden Raum penibel – und wurde fündig. Auf einer Fensterbank lag eine achtlos abgelegte Holzkante, Provan drehte sie herum und staunte nicht schlecht: Der seit 1976 in Kelkheim lebende Amerikaner hielt das Schreibtischschild von „Dwight D. Eisenhower“, dem ersten Kommandeur der amerikanischen Militärverwaltung nach dem Zweiten Weltkrieg, in der Hand. Wieder einmal war der Sucher von Memorabilien aus der deutsch-amerikanischen Geschichte fündig geworden.

          Heike Lattka

          Korrespondentin der Rhein-Main-Zeitung für den Main-Taunus-Kreis.

          Wenn der Vierundfünfzigjährige launig solche Anekdoten erzählt, beschreibt er nur besondere Höhepunkte einer intensiven Freizeitbeschäftigung, die längst zur Berufung geworden ist. Rund 300.000 Nachkriegsfotos, zumeist von amerikanischen Profifotografen in den ersten Nachkriegsjahren geschossen, rettete er aus Abfallcontainern oder Kellern der verlassenen amerikanischen Kasernen in Deutschland. Die Bilder geben Auskunft über das Leben der deutschen Bevölkerung: Mal spielen Kinder zwischen Ruinen, mal genießen sie Schokolade aus den Care-Paketen. Es wisse doch kaum noch jemand, dass etwa 1,7 Millionen ursprünglich für GIs bestimmte „Entertainment-Boxes“, gefüllt mit Spielen und Bällen, an deutsche Kinder verteilt worden seien, was zur Gründung der ersten deutschen Jugendzentren geführt habe, sagt Provan. Er kämpfe dagegen an, dass diese frühe deutsch-amerikanische Beziehung völlig vergessen werde.

          Sein Ziel ist es, jede Aufnahme dauerhaft zu retten

          Unter den Erinnerungsstücken sind 2000 Filme und der komplette Satz der „Stars and Stripes“-Militärzeitung – 360 Bände von der Erstausgabe bis zum Jahr 1990. Außerdem Schallplatten aus dem ehemaligen Frankfurter AFN-Studio an der Bertramstraße, die ohne sein Eingreifen auf der Müllkippe gelandet wären. Eine der historischen 40-Zentimeter-Schallplatten trage die Aufschrift „Nuernberg Hangings“ – und wer sie abspielt, wird Zeuge der Hinrichtung von fünf Naziverbrechern: Nach der Frage „Any last words?“ folgen lediglich Röchellaute.

          Alte Uniformen hortet der Historiker in einem eigens angemieteten Magazin in Hofheim. In Provans Keller liegen Tausende von Mappen mit Fotos, die er noch digitalisieren möchte. Sein Ziel ist es, jede Aufnahme dauerhaft zu retten. Rund 170.000 Fotos sind auf diese Weise schon archiviert worden. Die meisten der gesammelten Medien lagern in einem Bunker bei Mannheim. Dort steht auch der „Willys“ MB-Jeep, Baujahr 1943, mit RM-Kennzeichen für Rhein-Main, den er auf einem Flugzeugfriedhof in Arizona in den Vereinigten Staaten gefunden hatte. Provan kaufte das Gefährt einem Mann namens „Jack“ ab, ließ es restaurieren und nach Deutschland bringen.

          Das amerikanische Kasernenleben habe er mit der Muttermilch aufgesogen

          Nur ein Amerikaner kann diese wichtige Arbeit für die gemeinsame deutsch-amerikanische Geschichte leisten, wie Provan überzeugt ist. Er besitze dafür die richtige Mentalität – eben jene „typische Maßlosigkeit“ der Amerikaner, die keine Grenzen akzeptiere. Ihm sei es egal, ob er ein Erinnerungsstück oder Zehntausende unterbringen müsse. Er packe alles Interessante ein und ordere, wenn es denn sein müsse, sogar Lastwagen für den Abtransport. Erst dann überlege er, wohin mit den ganzen Funden.

          Provan nennt sich einen „overseas brat“ – einen in Europa aufgewachsenen „Satansbraten“. Das amerikanische Kasernenleben habe er mit der Muttermilch aufgesogen. Sein Vater, ein Luftwaffenoffizier, war fast 30 Jahre in Deutschland stationiert. Das habe Kontakte geschaffen, die für sein ambitioniertes Hobby unbezahlbar seien, sagt Provan, der beruflich Ausstellungen über Luftschifffahrt organisiert.

          Landespolitiker sollen sich auch begeistern

          Wer – wie etwa die Leiter deutscher Museen – versuche, den offiziellen Behördenweg zu gehen, erleide meistens Schiffbruch. Anträge würden so lange hin- und hergeschickt, bis die wichtigen Unterlagen aus der Nachkriegszeit im Müll verschwunden seien. Den Amerikanern fehle leider etwas das Interesse an der gemeinsamen Geschichte, sagt Provan. Für die Militärs sei es einfacher und preiswerter, die Unterlagen wegzuwerfen.

          Obwohl er in Kelkheim lebe und mit einer Deutschen verheiratet sei, habe es auch für ihn eines Schlüsselerlebnisses bedurft, um zu begreifen, wie wichtig die Erinnerung an die Anfänge der deutsch-amerikanischen Freundschaft sei: Der ältere deutsche Herr, dem die Tränen gekommen seien, als er dem Candy-Piloten Gail Halvorsen die Hand geschüttelt habe, habe ihn stark berührt.

          Nun hofft Provan darauf, dass der Funke der Begeisterung für ein Museumsprojekt auch auf Landespolitiker überspringt. Denn es reiche nicht aus, die Erinnerungsstücke nur in einem Bunker zu lagern. Ein Gebäude für die Ausstellung habe er schon im Blick: eine massive Scheune aus dem Jahr 1936. Sie stehe gegenüber dem Luftbrücken-Denkmal am Frankfurter Flughafen. Ein symbolträchtigerer Standort lasse sich wohl kaum finden.

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