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Nach Nein zu Citybahn : Ringbahn gegen den Verkehrskollaps

  • -Aktualisiert am

Reaktiviert: Die Aartalbahn könnte Teil des Rings werden. Bild: Marcus Kaufhold

Nach dem Nein zur Citybahn in Wiesbaden schlägt der Rheingau-Taunus-Kreis einen Ersatz für die Schienenanbindung vor. Dabei soll Wasserstoffantrieb statt teurer Elektrifizierung zum Einsatz kommen.

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          Nach dem Scheitern der Citybahn in Wiesbaden ist der Rheingau-Taunus-Kreis nicht bereit, den Plan einer Schienenanbindung in der Versenkung verschwinden zu lassen. Landrat Frank Kilian (parteilos) und Verkehrsdezernent Günter Döring (SPD) stellten am Freitag eine neue Idee, mit der nicht nur die Städte Taunusstein und Bad Schwalbach über eine Bahnstrecke an die Landeshauptstadt angebunden werden sollen, sondern große Teile der Region über die Schiene besser vernetzt werden könnten. Dazu soll eine sogenannte Aar-Taunus-Ringbahn entstehen, deren Linienführung vom rheinland-pfälzischen Diez bis nach Wiesbaden auf der ehemaligen Aartalbahn erfolgt. Um eine Ringlinie zu schaffen, wäre zudem die Verlängerung der Ländchesbahn und die Anbindung an die Regionalbahn 20 bis nach Idstein sinnvoll, heißt es im Vorschlag des Kreises. Der Wiesbadener Hauptbahnhof könnte als Umsteigebahnhof fungieren.

          Wann eine solche Strecke befahren werden könnte und was diese kostet, konnte Verkehrsdezernent Döring noch nicht sagen und wies darauf hin, dass es nun darum gehe, den Vorschlag mit den Partnern abzusprechen. Wiesbadens Oberbürgermeister Gert-Uwe Mende (SPD) sei von Landrat Kilian unterrichtet worden. Zudem sollen das Land Hessen und der Rhein-Main-Verkehrsverbund (RMV) zügig eingebunden werden. „Wir reagieren deswegen so schnell, weil wir Nachteile für Taunusstein und Bad Schwalbach, die derzeit über keine Schienenverbindung verfügen, ausgleichen möchten und tragen damit insbesondere dem weiteren Wachstum der Stadt Taunusstein Rechnung“, sagte Döring. Taunussteins Bürgermeister Sandro Zehner (CDU) und Bad Schwalbachs Stadtchef Markus Oberndörfer (SPD) waren bei der Vorstellung der Pläne anwesend.

          Die Ringbahn soll in der Normalspurbreite fahren und mit modernen Wasserstoff-Fahrzeugen betrieben werden. Daher muss die Strecke nicht mehr elektrifiziert werden. Erste Gespräche mit der Hochschule Rhein-Main zur Nutzung von Wasserstoff und dem Aufbau von Wasserstofftankstellen habe es schon gegeben. Die Kosten in Höhe von 5,4 Millionen Euro für den Umbau des Bahnhofs in Bad Schwalbach zu einem Umsteigebahnhof würden entfallen und die bisherigen Ergebnisse der Baugrunduntersuchungen im Rahmen der Citybahn-Planungen könnten übernommen werden, sagte Döring weiter.

          Keine Eingriffe nötig

          Als Nachteil weisen Kilian und Döring darauf hin, dass es keinen direkten Anschluss an das Mainzer Straßenbahnnetz geben würde. Voraussetzung für die Realisierung dieser Pläne sei die Förderung durch Land und Bund. Beide gehen davon aus, dass der dafür notwendige Nutzen-Kosten-Quotient von mehr als 1 erreicht werden kann. Sollte dies nicht der Fall sein, könnte nach dem Gemeindefinanzierungsgesetz immer noch eine Einzelfallentscheidung erfolgen, die trotzdem eine Förderung erlaube. Daher schlagen Kilian und Döring vor, eine Machbarkeitsstudie in Auftrag zu geben, sofern alle Projektpartner zustimmen. Sie erinnern daran, dass täglich 10.000 Personen aus dem Aartal nach Wiesbaden pendeln. Das wären potentielle Nutzer der Ringbahn. Da die Bahn auf der alten Aartalbahnstrecke fahren soll, seien Eingriffe in Wiesbadens Straßensystem nicht nötig.

          Wiesbadens Oberbürgermeister Mende reagierte am Freitag zurückhaltend. „Ich stehe dem Vorschlag positiv gegenüber, aber es gilt Sorgfalt vor Schnelligkeit. Wir werden das prüfen“, sagte er. Der Verkehrsausschuss der Stadt hatte sich während seiner jüngsten Sitzung dafür ausgesprochen, die Reaktivierung der Aartalbahn zu prüfen. Taunusstein hatte schon im Frühjahr dieses Jahres von den Verkehrsplanern des Büros Planersocietät eine Analyse für den Fall erstellen lassen, dass die Citybahn scheitert. In diesem Strategiepapier wird unter anderem die mögliche Streckenführung einer reaktivierten Aartalbahn ebenfalls mit Wasserstoffantrieb bis nach Wiesbaden-Ost und optional bis zum Wiesbadener Hauptbahnhof aufgezeigt. Die Planer weisen darauf hin, dass der Rhein-Main-Verkehrsverbund über sein Tochterunternehmen Fahma schon 27 Brennstoffzellenzüge in Auftrag gegeben hat und bis 2023 ein große Brennstoffzellen-Flotte im Taunus unterwegs sein soll. Bei einem Wasserstoffbetrieb der Züge entfalle die kostspielige Elektrifizierung der Aartalbahn-Strecke. Zudem seien die Züge leiser als herkömmliche Dieselzüge und würden nur Wasserdampf emittieren.

          Die Planer zeigen in ihrer Studie Möglichkeiten auf, wie die Pendler aus dem Rheingau-Taunus an das S-Bahn-Netz des Rhein-Main-Gebiets angebunden werden können. Die Fahrtzeit von Taunusstein nach Wiesbaden-Ost würde rund 25 Minuten betragen. Mit dem Auto betrage die morgendliche Fahrtzeit im Berufsverkehr zwischen 18 und 35 Minuten, dabei sei die Parkplatzsuche nicht berücksichtigt. Die Planer empfehlen unter anderem mehr Haltemöglichkeiten, so dass auch Wiesbadener Stadtteile wie Kohlheck, Klarenthal und das Dichterviertel bequem erreichbar werden. Zehner schlägt daher vor: „Es wäre wünschenswert, dass der RMV sowie das Land Hessen die Anteile der Stadt Mainz an der Citybahn GmbH erwerben, man den Unternehmenszweck der Gesellschaft hinsichtlich Reaktivierung der stillgelegten Bahntrasse neu ausrichtet und dann eine Neubewertung der Nutzen-Kosten-Untersuchung für die Trasse zeitnah gemeinsam startet.“

          Auch die Sektionen Wiesbaden und Rheingau-Taunus des CDU-Wirtschaftsrates befürworten eine zügige Reaktivierung der Aartalbahn. „Wir sprechen uns dafür aus, zu prüfen, ob die Bahnstrecke von Limburg über Diez bis nach Wiesbaden Hauptbahnhof mit durch Wasserstoff betriebene Zugfahrzeugen wieder in Betrieb genommen werden kann“, sagte Andreas Steinbauer, Sprecher der Wiesbadener Sektion. Seiner Auskunft nach hat ein Wiesbadener Unternehmen damit begonnen, den Einstieg in die Wasserstoffproduktion zu prüfen.

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