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Großdemonstration in Kassel : „Wir sind nicht der braune Sumpf der Nation“

  • -Aktualisiert am

Unter dem Slogan „Zusammen sind wir stark“ demonstrieren rund 10.000 Menschen gegen Rechtsextremismus in Kassel. Bild: dpa

Bei einer Großdemonstration in Kassel setzen tausende Menschen ein Signal gegen Rechtsextremismus, nachdem Walter Lübcke ermordet wurde. Die hessische Stadt ist nicht zum ersten Mal Schauplatz von rechter Gewalt.

          Im Stadtmuseum Kassel läuft seit zwei Wochen eine Ausstellung zu den NSU-Morden in Deutschland. Großformatige Schwarz-Weiß-Bilder der Tatorte, die gerade dadurch beeindrucken, dass auf ihnen keines der zehn Opfer zu sehen ist. Die Fotografien von Regina Schmeken zeigen grauenvolle Leere, unter den Bildern stehen die Namen der Hingerichteten, die Namen der Täter vom sogenannten Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) werden auch auf der Erläuterungstafel zur Ausstellung nicht genannt.

          Ralf Euler

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung, verantwortlich für den Rhein-Main-Teil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Kassel war einer der Schauplätze der NSU-Morde. Hier wurde im April 2006 der Internetcafébetreiber Halit Yozgat erschossen. In der Nähe des Tatorts ist ein kleiner Platz nach dem Ermordeten benannt. Vor dem Gedenkstein auf dem „Halitplatz“ liegen vertrocknete Blumen. Schon bei der Aufarbeitung dieses Mordes in einem Untersuchungsausschuss des Hessischen Landtags rückten die nordhessische und die Kasseler Neonazi-Szene in den Blickpunkt. Jetzt, nach der Tötung von  Regierungspräsident Walter Lübcke (CDU), deren Ausführung an die Hinrichtungen ähnelnden Taten des NSU erinnert, steht Kassel gar im Blickpunkt internationaler Berichterstattung.

          Oberbürgermeister Christian Geselle (SPD) hat Lübckes gewaltsamer Tod „traurig, aber auch wütend“ gemacht, er sorgt sich um den guten Ruf der „Documenta-Stadt“. Im Rathaus versucht man, das Bild zurechtzurücken: „Ja, es gibt solche Menschen hier“, heißt es da. „Aber wir sind keine Neonazi-Hochburg.“ Am heutigen Donnerstagnachmittag setzen Tausende bei einer Demonstration vor dem Kasseler Regierungspräsidium, dem Arbeitsplatz Lübckes, ein Zeichen gegen Hetze, Hass, Extremismus und Gewalt. Nach Angaben der Polizei und Stadt nahmen rund 10.000 Menschen an der Demonstration teil.

          „Geschlossen gegen Ausgrenzung“

          „Offen für Vielfalt“ heißt an der gläsernen Eingangstür zur Verwaltung des Unternehmens Hübner im Industriepark Kassel-Waldau. Wer das Gebäude verlässt, kann lesen, was auf der Rückseite des Din-A4-großen Schildes steht: „Geschlossen gegen Ausgrenzung“. Hier war Stephan E., der Mann, der zugegeben hat, Anfang Juni den Kasseler Regierungspräsidenten mit einem Kopfschuss regelrecht hingerichtet zu haben, seit mehreren Jahren als Industriearbeiter beschäftigt. Hinweise auf eine extreme Gesinnung habe es keine gegeben, heißt es von der Geschäftsführung. E. war einer von rund 1000 Beschäftigten. In einem Erddepot auf dem Betriebsgelände hatte E. allerdings, wie sich gestern herausstellte, mehrere Waffen versteckt.

          „Offen für Vielfalt“, das ist eine Initiative zahlreicher Unternehmen, Vereine und Verbände aus der Region, die ein Zeichen für Weltoffenheit, Vielfalt und Toleranz setzen wollen. Der Kasseler Düngemittelkonzern Kali + Salz ist ebenso dabei wie der Erdgas- und Erdölproduzent Wintershall, die örtliche Verkehrsgesellschaft, die Sparkasse und die Handballer des nordhessischen Bundesligisten MT Melsungen. Angriffe auf Menschen wegen ihrer Herkunft, ihrer Religion oder ihres Einsatzes für Demokratie und Vielfalt seien nicht hinzunehmen heißt es auf der Internetseite der Initiative. „Wir alle fühlen uns Werten wie Respekt, Toleranz und Dialogbereitschaft verpflichtet.“ Der Rechtsruck in der Gesellschaft bereitet vielen Firmen Sorgen, auch, weil es für sie schwieriger wird, Fachkräfte aus dem Ausland zu gewinnen.

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