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Deutschlands Weinjahrgang 2018 : Viele Winzer üben sich in Geduld

Die Urteile der Kenner über den Weinjahrgang 2018 lesen sich weniger enthusiastisch. Bild: dpa

Der Jahrhundertsommer 2018 hat keinen Jahrhundertjahrgang hervorgebracht. Das zeigt sich kurz vor dem Verkaufsstart während einer Weinprobe.

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          Das Geräusch, wenn Glas auf Glas trifft, ist das lauteste im Saal, während das finale Urteil über Deutschlands Weinjahrgang 2018 fällt. Kurz vor dem offiziellen Verkaufsstart am 1. September stellen die knapp 200 Mitgliedsbetriebe des Verbands der Prädikatsweingüter (VDP) ihre trockenen Spitzenweine vor. Nicht nur Weine, die aus Deutschlands Paradesorte Riesling gekeltert wurden, sondern auch weiße und rote Burgunderweine, Silvaner und Chardonnay. 464 Weine aus allen 13 deutschen Anbaugebieten, die in knapp 400, als „Große Lage“ klassifizierten, Weinbergen herangewachsen sind. Die Wiesbadener Kurhauskolonnaden haben sich als idealer Verkostungsort erwiesen. Das Lob der rund 200 Weinkritiker, davon war erstmals die Mehrheit aus dem Ausland angereist, über Organisation und Standort der dreitägigen Probe fällt fast immer enthusiastisch aus.

          Oliver Bock

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis und für Wiesbaden.

          Die Urteile der Kenner über den Weinjahrgang 2018 lesen sich allerdings weniger enthusiastisch, folgt man Live-Kommentaren im Internet jener Kritiker, die sich bei der Probe virtuell und fast in Echtzeit über die Schulter blicken lassen. Wer nach dem Jahrhundertsommer 2018 auch jede Menge Jahrhundertweine erwartet hatte, wird ernüchtert sein. Es scheint, dass längst nicht alle Weine die Hitze und Dürre gut verkraftet haben. Offenbar hat der Trockenstress der Rebpflanze in manchen Weinen zu einem Geschmacksfehler geführt, der unter den Fachleuchten auf die Kurzformel „Uta“ gebracht wird: Das Kürzel steht für „untypische Alterungstöne“ und gilt in Jahren mit geringen Niederschlägen und hoher Sonneneinstrahlung als besondere Gefahr für die Weinqualität. Denn das Ergebnis dieser Witterung können Weine sein, die kein rebsortentypische Bukett haben, die am Gaumen bisweilen bitter, stumpf und überlagert wirken. Jedenfalls scheint der Jahrgang 2018 nach den allerersten Eindrücken der Verkoster in der Spitze deutlich heterogener ausgefallen als das Wetter. Es gibt weniger überzeugende Spitzenweine, als viele Kritiker erwartet und als die Weinfreunde erhofft haben.

          Bemerkenswert ist, dass Winzer zunehmend den Weinen noch mehr Zeit geben wollen, ehe sie den Weg zum Kunden nehmen dürfen. So haben die Rheingauer Weingüter Barth, Allendorf, Leitz, Schloss Vollrads und Bartherst jetzt ihre „Großen Gewächse“ des Jahrgangs 2017 vorgestellt. Die 2018er dürfen in Fass oder Flasche noch weiter reifen, um erst zu einem Zeitpunkt auf den Markt zu kommen, zu dem die Weine nach Ansicht ihrer Erzeuger das ganze Potential auch am Gaumen zeigen. Das badische Weingut Salwey hatte Grau- und Weißburgunder des Jahrgangs 2016 nach Wiesbaden geschickt. Das zeigt, dass immer mehr Erzeuger dem Thema Reife immer größere Bedeutung als Aktualität zumessen.

          Spitzenweine als Aushängeschilder immer mehr gefragt

          Auch wenn die VDP-Weingüter nur für drei Prozent der deutschen Weinerntemenge stehen und mit 5300 Hektar nur rund fünf Prozent der deutschen Rebfläche bewirtschaften, so haben sie im Hinblick auf Marketing, Preisbildung und Renommee für den deutschen Wein eine besondere Bedeutung. VDP-Weingüter sind mit 26,5 Hektar Rebfläche überdurchschnittlich groß, und ihr Anteil am Umsatz von deutschem Wein liegt rund 50 Prozent über dem Flächenanteil. Den Spitzenweinen, den Großen Gewächsen, kommt dabei besondere Bedeutung zu. Für sie werden durchschnittlich immer 32 Euro je Flasche aufgerufen. Sie erreichen einen Umsatzanteil von 15 Prozent bei einem Mengenanteil von nur fünf Prozent.

          Das Interesse an diesen Aushängeschildern des deutschen Weins hat in den vergangenen Jahren zugenommen. Sie tragen laut VDP „zur wachsenden Anerkennung deutscher Spitzenweine in der Welt“ bei. Von dieser Strahlkraft „Großer Gewächse“ wollen jetzt auch jene zwei Dutzend Rheingauer Winzer profitieren, die nicht dem VDP angehören und deshalb in den zurückliegenden zwei Jahrzehnten auf Basis einer hessischen Sonderregelegung „Erste Gewächse“ als trockene Spitzenweine erzeugt haben. Sie haben diese Kategorie nun in „Rheingau Großes Gewächs“ (RGG) umbenannt und ihre insgesamt mehr als 30 RGGs schon in der vergangenen Woche im Festsaal des Wiesbadener Rathauses vorgestellt.

          Der einheitliche Begriff „Großes Gewächs“ für Spitzenwein soll einer möglichen Verwirrung der Konsumenten entgegenwirken. Neu sind nicht nur der Name und das RGG-Logo, sondern auch einige Kriterien zur Erzeugung. Bislang waren für „Erste Gewächse“ 13 Gramm Restzucker je Liter nach der Vergärung zugelassen. Nun sind es nur noch neun Gramm, womit die „Großen Gewächse“ durchweg den gesetzlichen Anforderungen an die Einstufung „trocken“ genügen. Unverändert gilt für die Erzeugung die Lagen-Klassifikation, wonach nur rund ein Drittel der Rheingauer Weinberge für die Erzeugung dieser Weine zugelassen sind. Noch nicht entschieden ist, ob, wie und für welche Art von Wein der rechtlich gut geschützte Begriff „Erstes Gewächs“ weiterverwendet werden wird und kann.

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