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Nach dem Citybahn-Aus : Nächster Halt Aartalbahn?

  • -Aktualisiert am

Liegenbleiber: Verrostete Schienen der früheren Aartalbahn am Bahnhof Eiserne Hand Bild: Marcus Kaufhold

Nach dem überraschenden Scheitern der Citybahn suchen Wiesbaden und der Rheingau-Taunus-Kreis nach anderen Optionen. Dabei steht eine mögliche Reaktivierung der Aartalbahn im Gespräch.

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          Das überraschend deutliche Aus für die Citybahn sorgt neben den gegenseitigen Schuldvorwürfen auch für eine Diskussion über andere Optionen. Die Wiesbadener hatten den Bau der Bahn am Sonntag mit 62,1 Prozent abgelehnt. Das stellt nicht nur die Verkehrsplanung in der Landeshauptstadt vor Probleme, sondern hat Auswirkungen auf die Mobilität im Westen des Rhein-Main-Gebiets. Die Planung sah vor, dass die Citybahn auch die Städte Taunusstein und Bad Schwalbach mit Wiesbaden und Mainz verbindet. Dazu hätte die Trasse der stillgelegten Aartalbahn genutzt werden sollen.

          Enttäuscht zeigte sich Rheingau-Taunus-Landrat Frank Kilian (parteilos) über das Ergebnis, das ihn gleichwohl nicht überrascht habe. Das Nein sei für ihn nach vielen Gesprächen mit Wiesbadenern absehbar gewesen. In Wiesbaden sei in einigen Stadtteilen mit mehr als 70 Prozent gegen die Citybahn gestimmt worden, obwohl deren Bürger von der Bahn im Gegensatz zu Einwohnern von Taunusstein und Bad Schwalbach, die kein Stimmrecht hatten, gar nicht betroffen gewesen wären, kritisierte Kilian das Verfahren: „Da liegt schlichtweg ein Fehler im System.“ Der Bürgerentscheid sei jedoch eine demokratische Entscheidung und damit ohne Wenn und Aber zu akzeptieren. Auf die Frage, ob eine Reaktivierung der Aartalbahn denkbar sei, antwortete der Landrat: „Da müssen wir drüber sprechen. Wir müssen gemeinsam mit Wiesbaden prüfen, inwiefern eine solche Schienenanbindung denkbar ist.“

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          Für Wiesbadens Verkehrsdezernenten Andreas Kowol (Die Grünen) ist die Reaktivierung der Aartalbahn zwar eine prüfenswerte Option, er erläuterte im Gespräch jedoch, dass mehrere Gutachten eine Förderung durch Bund und Land aufgrund eines schlechten Nutzen-Kosten-Wertes bisher so gut wie ausgeschlossen hätten. „Wir werden schauen müssen, welche Alternativen gibt es zur Citybahn, denn ein Plan B liegt nicht vor“, sagte Kowol. Er sei nicht abgeneigt, eine Reaktivierung der Aartalbahn noch einmal auf ihre Machbarkeit hin zu prüfen. Wenn Kilian das aufgreife, müsse er aber auch sagen, ob der Kreis und die Taunus-Städte bereit sind, sich mit einem entsprechenden Anteil, also etwa 20 bis 30 Millionen Euro, an diesem Projekt zu beteiligen.

          Eine mögliche Reaktivierung

          Die Hauptgeschäftsführerin der Wiesbadener Industrie- und Handelskammer, Sabine Meder, machte klar, dass die Wirtschaft nun von den Stadtverordneten eine „rasche Entscheidung“ über Verkehrsinfrastruktur und Verkehrsangebote erwarte. Die Vollversammlung der Kammer hatte sich zuletzt mit Mehrheit für die Bahn ausgesprochen, nachdem sie diese zuvor noch abgelehnt hatte. „Eine leistungsfähige Schienenanbindung des Untertaunus wird als dringend notwendig erachtet, um dort Wachstums- und Entwicklungschancen zu heben“, sagte die Hauptgeschäftsführerin.

          Aus der rheinland-pfälzischen Landesregierung wird Zustimmung für eine mögliche Reaktivierung der Bahn signalisiert. Der Staatssekretär im Mainzer Verkehrsministerium, Andy Becht (FDP), kündigte an, sich für eine umsteigefreie Verbindung aus dem Aartal nach Mainz und Wiesbaden einsetzen zu wollen. Die derzeit laufende Machbarkeitsstudie zur Reaktivierung der Aartalbahn von Limburg über Diez bis nach Bad Schwalbach solle überarbeitet werden.

          Auch die Wiesbadener Fraktion von Linke und Piraten sucht nach Lösungen, um das Scheitern der Citybahn zu kompensieren. Fraktionsvorsitzender Hartmut Bohrer plädiert für mehr Fahrradwege und die Einführung des 365-Euro-Tickets für alle Bürger, bringt aber ebenfalls die Aartalbahn ins Spiel. „Die Aartalbahn könnte vom Taunus kommend über Dotzheim und Schierstein die am Rhein liegenden Stadtteile Wiesbadens anbinden und so auch den Pendlern aus dem Taunus Anschlüsse an die S-Bahn-Linien in Richtung Frankfurt und Mainz bieten“, sagt Bohrer.

          Die Freien Wähler sprechen von einer möglichen Reaktivierung der Aartalstrecke, fordern allerdings auch mehr Park- &-Ride-Plätze an den Stadträndern. Hendrik Schmehl, Fraktionschef der Wiesbadener SPD, kann sich ebenfalls die Reaktivierung der Bahn vorstellen. Seiner Ansicht nach wäre es theoretisch möglich, die Aartalbahn aufgrund ihrer normalen Bahnspur über Dotzheim und den Wiesbadener Hauptbahnhof bis nach Frankfurt und Mainz fahren zu lassen. Pendler aus dem Taunus müssten dann nicht umsteigen, was die Fahrt attraktiver gestalte.

          Schmehl weist aber auch darauf hin, dass ein positiver Nutzen-Kosten-Faktor bisher immer ausgeschlossen worden sei, was eine Förderung durch Bund und Land unmöglich mache. Zudem sei die Strecke nicht elektrifiziert. Für die Taunussteiner SPD greift der Ruf nach der Aartalbahn zu kurz. „Ein cleverer Einsatz der Aartalbahn kann natürlich eine Option sein. Wir dürfen aber jetzt nicht den Fehler machen, auf ein Gesamtkonzept zu verzichten“, sagte SPD-Chef Maximilian Faust. Er sprach sich für einen „Mix aus intelligenten Lösungen“ aus, um den Verkehr zu reduzieren.

          Hessens Verkehrsminister Tarek Al-Wazir (Die Grünen) bezeichnete das Aus für die Citybahn als höchst enttäuschend. Es belege zudem, dass Mehrheiten für die Verkehrswende nicht selbstverständlich seien, sondern mühsam erkämpft werden müssten. Der Mainzer Oberbürgermeister Michael Ebling (SPD) sagte, das ablehnende Votum zur Citybahn sei sehr bedauerlich und ein Rückschlag für die Verkehrswende in Rhein-Main.

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