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Nach 400 Jahren : Die Kapuziner verlassen Aschaffenburg

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Mönche der Kapuziner im Kapuzinerkloster in Aschaffenburg Bild: Rainer Wohlfahrt

Fast 400 Jahre gehörten die Mönche in der dunkelbraunen Kutte mit dem weißen Strick um den Bauch zum Stadtbild. Doch nun verlassen die Kapuziner Aschaffenburg. Die Diözese Würzburg hat das Kloster erworben und wird es an italienische Franziskaner vermieten.

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          Fast 400 Jahre gehörten die Mönche in der dunkelbraunen Kutte mit dem weißen Strick um den Bauch zum Stadtbild. Doch im April werden die Kapuziner Aschaffenburg verlassen. Denn die katholische Ordensgemeinschaft hat Nachwuchssorgen. Im Aschaffenburger Kloster leben derzeit nur fünf Ordensmänner, die zwischen 66 und 80 Jahre alt sind. Wenn ihr Kloster in wenigen Monaten geschlossen wird, hat die Ordensgemeinschaft in Unterfranken nur noch ein Domizil, das Käppele in Würzburg. Außerdem gibt es noch den Standort in Frankfurt, der ebenfalls erhalten bleiben soll.

          Oberbürgermeister Klaus Herzog (SPD) äußerte zwar Verständnis für die Entscheidung der Provinzialleitung des Ordens in München, die Aktivität der Kapuziner zu konzentrieren. Dennoch bedauerte er, dass sie die Stadt verlassen, weil damit eine jahrhundertelange Tradition verlorengehe. Allerdings müssen die Aschaffenburger auch künftig nicht ganz auf den seelsorgerischen Beistand von Ordensleuten verzichten. Die Diözese Würzburg hat den malerisch über dem Main gelegenen Klosterkomplex erworben. Nach dem Wegzug der Kapuziner soll das Haus an die italienische Ordensgemeinschaft Fraternitá Francescana di Betania übergehen. Ein genauer Zeitpunkt für den Umzug ist noch offen, da das Kloster saniert werden soll.

          Freude über Franzikaner

          Herzog zeigte sich erfreut darüber, dass italienische Franziskaner nach Aschaffenburg kommen. Er erhoffe sich von ihrer Anwesenheit eine Bereicherung für die Spiritualität und die Sozialarbeit, sagte er. Positiv sieht er auch das Engagement der Diözese, die das Gelände in unmittelbarer Nähe des Schlosses erworben hat. Der Oberbürgermeister äußerte die Erwartung, dass die Kirche den Charakter des Klostergartens, der nach Süden an den Schlosspark mit seinen romantischen Laubengängen grenzt, auch mit Rücksicht auf die historische Umgebung bewahrt.

          Das Kapuzinerkloster in Aschaffenburg
          Das Kapuzinerkloster in Aschaffenburg : Bild: Rainer Wohlfahrt

          Die Kapuziner hatten sich 1620 auf Bitten des Mainzer Erzbischofs Johann Schweickard von Kronberg in Aschaffenburg niedergelassen. Zunächst lebten sie in einem Haus in der Nähe der Muttergottespfarrkirche. Doch schon 1622 gab der gläubige Kurfürst dem Kloster das Grundstück „Auf dem Schutz“, das auf einem Felsvorsprung direkt neben dem Schloss liegt. 1627 wurden Kloster und Kirche geweiht.

          Nur vier Jahre später war der Schreckensruf des Dreißigjährigen Kriegs zu hören: „Die Schweden kommen.“ Der Überlieferung nach soll der damalige Guardian Pater Bernhard von Trier den feindlichen Truppen mutig entgegengetreten und dem Schwedenkönig Gustav Adolf die Stadtschlüssel überreicht haben. Diese Geste soll die Stadt vor Plünderung und Brandschatzung bewahrt haben. Zum Dank setzte die Kommune ihrem „Retter“ 1931 zum 300. Jubiläum unterhalb der Willigis-Brücke ein Denkmal.

          „Orden vom Volk und mit dem Volk“

          Allerdings wurden in jüngster Zeit Zweifel an der heldenhaften Rolle des Kapuzinerpaters laut. Der Leiter des Stadt- und Stiftsarchivs, Hans-Bernd Spies, hält die Geschichte für eine „Mär“. Doch die Aschaffenburger sind ihren Mönchen nicht nur wegen der vermeintlichen Heldentat eng verbunden, sondern auch wegen ihrer intensiven Seelsorgearbeit. Als „Orden vom Volk und mit dem Volk“ folgen sie nach wie vor den Idealen des heiligen Franziskus, haben kein Geld und keinen Besitz.

          1813 hatte ein Feuer das Kloster vernichtet. Erst 30 Jahre nach der Brandkatastrophe wurde das Anwesen wieder aufgebaut. Im Zweiten Weltkrieg trafen mehrere Bomben die Anlage. Drei Kapuziner kamen damals ums Leben. Hatte das Kloster einst am Rande der Stadt gelegen, so befindet es sich heute im Zentrum Aschaffenburgs. Dennoch ist es ein idyllischer Ort abseits vom Straßenlärm geblieben. Die 1908 neu gebaute Kirche hat sich zu der Beichtkirche für die Stadt, den Kahlgrund und den Spessart entwickelt. Viele Menschen vertrauen den Mönchen ihre Sorgen, Nöte und Sünden an. Manche Gespräche dauern bis zu 90 Minuten. Entsprechend viele Beichtgelegenheiten bieten die Ordensleute mit täglich viereinhalb Stunden an. Das Kloster ist aber auch Anlaufstelle für Obdachlose und Verzweifelte, die wissen, dass sie an der Pforte niemals abgewiesen werden.

          „Wir würden alle gerne hierbleiben“

          Die Patres verlassen aber auch die Klostermauern, um Werke der Barmherzigkeit zu verrichten. Ein Bruder besucht regelmäßig Patienten im Klinikum, ein anderer die Justizvollzugsanstalt. Guardian Christian Häfele, der seit vier Jahren in Aschaffenburg ist, fällt der Abschied schwer. „Wir würden alle gerne hierbleiben“, sagt er. Denn die Bevölkerung mache es einem leicht, sich in Aschaffenburg wohl zu fühlen. Unklar ist nach seinen Worten noch, wohin die verbleibenden Kapuziner gehen werden.

          Bekannt ist lediglich, dass Pater Matthias Doll am bayerischen Untermain bleiben wird. Doll ist in der Region als streitbarer Betriebsseelsorger der Katholischen Arbeitnehmer-Bewegung (KAB) und als Seelsorger der deutschen Fußball-Nationalelf bekannt geworden. Er soll die Pfarreien Hösbach-Bahnhof und Schmerlenbach weiter betreuen.

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