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Abfallentsorgung : Müllofen mit Geburtsfehler

In drei Jahren soll es keine Mülltransporte zwischen Darmstadt und Frankfurt mehr geben. (Symbolbild) Bild: dpa

Der politisch unerwünschte „Mülltourismus“ von Wiesbaden nach Darmstadt und Frankfurt soll spätestens 2024 ein Ende haben. Der Entschluss für die neuen Müllöfen in Wiesbaden ist unter dubiosen Umständen gefallen.

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          Die Landeshauptstadt bekommt einen neuen Müllofen. Ein Versagen der seit Langem beantragten Genehmigung durch das Regierungspräsidium Darmstadt wäre tatsächlich einer kleinen Sensation gleichgekommen und war nicht zu erwarten. Eine Bauzeit von nur zweieinhalb Jahren erscheint vor dem Hintergrund der aktuellen Schwierigkeiten der Baustofflogistikbranche zwar optimistisch. Doch spätestens 2024 sollte der Mülltransport nach Darmstadt und Frankfurt und damit der politisch unerwünschte „Mülltourismus“ ein Ende haben. Das ist gut für die Umwelt. Noch vorteilhafter ist, dass mit der Hitze aus dem Müllofen das expandierende Wiesbadener Fernwärmenetz betrieben werden kann.

          Oliver Bock
          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis und für Wiesbaden.

          Weil hochmoderne Müllöfen nicht mehr die gefährlichen „Dreckschleudern“ sind, als die sie noch in den Neunzigerjahren verschrien waren, gab es in Wiesbaden vergleichsweise wenig Aufregung um das privat initiierte Projekt. Gleichwohl litt die Planung an einem schwerwiegenden Geburtsfehler.

          Denn es war kein strategischer Beschluss der Stadtverordnetenversammlung, der das Vorhaben in Bewegung setzte. Vielmehr wurde die Politik vor vollendete Tatsachen gestellt, nachdem eine kleine kommunale Gesellschaft die jährlich 70.000 Tonnen Hausmüll zur „thermischen Behandlung“ im Stadtgebiet von Wiesbaden ausgeschrieben hatte.

          Kaum aufholbarer Standortvorteil

          Ob sich dahinter Absicht und ein abgekartetes Spiel zugunsten eines privaten Entsorgungsunternehmens verbarg, wird wohl immer ein Geheimnis bleiben. Jedenfalls gewährte die Ausschreibung dem ortsansässigen Entsorger Gurdulic+Knettenbrech einen für die Wettbewerber kaum aufholbaren Standortvorteil. Inzwischen ist der „Primat der Politik“ gesichert. Ein solcher Entscheidungsprozess darf sich nicht wiederholen.

          Dass der Widerstand gegen einen privaten Müllofen unter dem Strich marginal blieb, lag auch an einem überzeugenden Gutachten des Freiburger Ökoinstituts, das in dem Bau des Müllofens einen ökologisch vernünftigen Weg der Abfallbeseitigung erkannte.

          Vor allem dann, wenn das lokale Fernwärmenetz ausgebaut und möglichst viel Wärme an möglichst viele Kunden verkauft wird. Unter diesen ist auch die Stadtverwaltung. Je mehr Fernwärmekunden, desto besser für die Umwelt.

          Auch wenn die Ökobilanz insgesamt für die Vertragslaufzeit von 15 Jahren je schlechter ausfällt, je später der neue Müllofen in Betrieb ist und je länger der Restmüll nach Darmstadt gefahren werden muss.

          Inzwischen hat Gurdulic neben dem Energieversorger Entega noch die kommunale Tochter Eswe Versorgung an Bord geholt. Ein kluger Schachzug, denn nun ist die Landeshauptstadt Miteigentümerin eines Müllofens, den sie so eigentlich gar nicht gewollt hat.

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