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Mordprozess beginnt : Drei Angeklagte im Fall der Frankfurter Ikea-Leiche

  • -Aktualisiert am

Der gewaltsame Tod von Gabi Lange: Der Leichnam der Frau wurde am 10. August 2016 gefunden. Der Prozess gegen ihre mutmaßlichen Mörder soll im Frühjahr starten. Bild: dpa

Vier Jahre hat es gedauert, bis die Ermittler in dem Fall der Frankfurter „Ikea-Leiche“ auf erste Spuren stoßen. Nun müssen sich eine Frau und ihre zwei Söhne ab nächstem Jahr vor Gericht verantworten.

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          Der 10. August 2016 ist ein eher kühler Sommertag, als Zeugen in einem Gebüsch am Parkplatz der Ikea-Filiale in Frankfurt Nieder-Eschbach eine weibliche Leiche entdecken: Graues, mittellanges Haar, kräftig, mit auffälligem Tribal-Tattoo – mehr ist über die Frau, deren Alter auf Ende 50 geschätzt wird, zunächst nicht bekannt. Für viele Jahre wird sich daran auch nichts ändern, die Ikea-Leiche, wie die Tote fortan in Medien genannt wird, bleibt namenlos.

          Offenbar hat niemand die Frau gekannt, niemand vermisst sie, niemand weiß um ihre Identität. Selbst als die Polizei ein Foto der Toten und ihres Tattoos veröffentlicht, passiert nichts. Fast vier Jahre wird es dauern, bis die Ermittler nach einer Zeugenaussage doch noch weiterkommen in dem mysteriösen Fall. Im Sommer 2020 erhält die Leiche endlich einen Namen: Martina Gabriele Lange, genannt Gabi, zuletzt gemeldet am Ben-Gurion-Ring in Frankfurt. Bei ihrem gewaltsamen Tod war sie 55 Jahre alt.

          Voraussichtlich im Frühjahr wird das vorerst letzte Kapitel in der traurigen Geschichte um die Tote vom Ikea-Parkplatz aufgeschlagen. Dann müssen sich drei Angeklagte, eine Mutter und ihre beiden Söhne, vor dem Landgericht Darmstadt verantworten. Der heute 50 Jahre alten Frau und ihrem inzwischen fünfundzwanzigjährigen Sohn wird Mord aus niedrigen Beweggründen vorgeworfen, dem 24 Jahre alten zweiten Sohn Totschlag, bestätigte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Darmstadt.

          Heute schweigen beide

          Im Frühsommer dieses Jahres hatten Ermittler den Vierundzwanzigjährigen aus Büttelborn im Kreis Groß-Gerau festgenommen. Er stamme „aus dem engeren Umfeld der Toten“, hieß es seinerzeit. Auf die Spur gekommen war man ihm wegen einer DNA-Probe, die wegen einer anderen Straftat genommen worden war. Sie stimmte mit Spuren überein, die an der Leiche von Gabi Lange gefunden worden waren. Kurz darauf kamen auch die Mutter und der ältere Bruder des Mannes in Untersuchungshaft. Bis heute schweigen beide zu den Vorwürfen.

          Was mit Gabi Lange vor ihrem Tod geschehen war, warum sie sich in ihren letzten Lebensjahren optisch derart verändert hatte, dass nicht einmal ihr Sohn sie auf einem Polizeifoto erkannt hatte, wird dennoch in der Hauptverhandlung zur Sprache kommen. Gabi Lange muss über Jahre hinweg ein Martyrium durchlitten haben, bis sie – zumindest nach derzeitigen Erkenntnissen – im August 2016 von der Fünfzigjährigen und ihrem älteren Sohn mit einer Plastiktüte erstickt worden sein soll. Mutter und Sohn sollen die Tüte dazu über den Kopf ihres Opfers gestülpt „und mit beiden Händen zugezogen haben“. Der heute 24 Jahre alte Angeklagte sei während der Tat dazugekommen, habe auf Geheiß seiner Mutter die Gegenwehr des Opfers unterbunden und bei der Tötung mitgewirkt. Grund für die Tat: Die 50 Jahre alte Angeklagte sei der Frau laut Staatsanwaltschaft überdrüssig geworden.

          Kennengelernt hatten sich Lange und ihre mutmaßliche spätere Mörderin um 2005 oder 2006 beim Ausführen ihrer Hunde. Kurz darauf habe sich laut Staatsanwaltschaft eine intime Beziehung zwischen den Frauen entwickelt. Die Angeklagte soll das Vertrauen ihres Opfers, das sich nach der Trennung vom Ehemann in einer Krise befand, gewonnen und es „im Laufe der Zeit sukzessiv in eine persönliche und finanzielle Abhängigkeit gebracht haben“. Obwohl Gabi Lange nach derzeitigen Erkenntnissen schon von 2009 an wiederholt von der Frau körperlich attackiert worden sein soll, sei sie 2011 in deren Wohnung gezogen.

          Körperpflege untersagt

          Die „hochmanipulative Angeklagte“, sagte der Sprecher der Darmstädter Staatsanwaltschaft, habe die ihr hörige Lange daraufhin von deren familiärem und sozialem Umfeld isoliert. Sie soll hauptsächlich in der Küche gelebt haben und sei dort auch stundenweise eingesperrt worden. Nur zu Toilettengängen habe sie hinausgedurft. Außerdem soll das Opfer von der Angeklagten geradezu gemästet worden sein. Körperpflege dagegen sei ihr untersagt worden. Die einst gepflegte Frau mit den dunklen, schulterlangen Haaren muss sich über Jahre hinweg in eine stark übergewichtige Person gewandelt haben, die sich nicht regelmäßig waschen, Zähne putzen und ihre Haare färben konnte.

          Das wird einer der Gründe dafür gewesen sein, warum niemand Gabi Lange auf dem Leichenfoto erkannt hatte. Bis zu ihrem Tod soll die Frau laut Staatsanwaltschaft zudem „sexuellen Demütigungen und teilweise massiven physischen und psychischen Misshandlungen durch die Angeklagte ausgesetzt gewesen sein“. Wann genau sich das Trio, das für die Qualen der Frau verantwortlich sein soll, vor Gericht verantworten muss, ist noch offen.

          Zuständig für das Verfahren wird eine Jugendkammer sein, da der jüngste Angeklagte zur Tatzeit noch als Heranwachsender galt. Eine Jugendkammer kann im selben Verfahren sowohl gegen erwachsene als auch gegen heranwachsende Angeklagte verhandeln. Voraussetzung ist, dass die angeklagten Taten sämtlicher Beteiligter in Zusammenhang stehen. Auf das Strafmaß für erwachsene Angeklagte hat das Verfahren vor einer Jugendkammer keinen Einfluss.

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