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Toter Junge : Mutmaßliche Sekten-Chefin muss sich wegen Mordes vor Gericht verantworten

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Ein Junge starb qualvoll in einen Sack eingeschnürt. Nun muss sich die mutmaßliche Anführerin einer Sekte vor Gericht verantworten. Bild: dpa

Im Jahr 1988 soll sie einen Jungen in einen Sack eingeschnürt haben, weil sie ihn „von den Dunklen besessen“ glaubte. Der Vierjährige starb qualvoll. Nun hat der Mordprozess gegen eine mutmaßliche Sekten-Anführerin begonnen.

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          Nach dem qualvollen Tod eines vierjährigen Jungen muss sich nun eine mutmaßliche Sekten-Chefin wegen Mordverdachts vor dem Landgericht Hanau verantworten. Ihr wird vorgeworfen, im Jahr 1988 den Jungen getötet zu haben. Die heute 72 Jahre alte Frau soll das Kind, das in ihrer Obhut gestanden haben soll, in einen Leinensack eingeschnürt, im Badezimmer abgelegt und ihn trotz panischer Schreie seinem Schicksal überlassen haben.

          Die Angeklagte soll den Jungen als „von den Dunklen besessen“ angesehen haben, wie das Gericht erklärte. Deshalb habe sie beschlossen, ihn zu töten. Der Junge sei nach einem „erbitterten Todeskampf“ gestorben. Vermutlich ist er erstickt.

          Die Staatsanwaltschaft sieht das Mordmerkmal der Grausamkeit erfüllt. Zudem habe die Frau aus niedrigen Beweggründen gehandelt. Neu aufgerollt wurde der Fall im Frühjahr 2015 durch neue Aussagen von ehemaligen Mitgliedern der Sekte. Der Rechtsanwalt der Angeklagten hatte den Mordvorwurf stets bestritten.

          Aufsehen erregender Fall

          Der Kriminologe und Psychologe Martin Rettenberger rechnet mit einem Aufsehen erregenden Prozess um den rätselhaften Tod eines Jungen in einer Hanauer Sekte. „Das ist eine besondere Konstellation, die nicht häufig vorkommt“, sagte der Direktor der Kriminologischen Zentralstelle in Wiesbaden der Deutschen Presse-Agentur.

          Rettenberger sagte: „Sekten geraten immer wieder in den Fokus, wenn es um rituelle Gewalt geht.“ In den Gruppen würden Systeme und Strukturen aufgebaut, in denen Personen benutzt oder ausgenutzt werden. Der Machtzuwachs über die Gruppe sei die Triebfeder für die Anführer, die meist eine guru-artige Stellung einnähmen. „In solchen Sekten kann es dann auch zu Misshandlungen kommen, wie es darüber hinaus in Hanau laut Medienberichten geschehen sein soll.“

          Zum Todesfall des Jungen in einem Leinensack sagte der Kriminologe: „Sie wollte ihrer Logik folgend den Jungen wohl von einer „schlimmen Aura“ befreien, die sie wahrgenommen haben will. Ich halte es für sehr unwahrscheinlich, dass die Frau ein schlechtes Gewissen entwickelt, weil in ihrem Denken die Tat notwendig und sinnvoll war.“ Bei gewissen Straftaten könnten die Täter eigene Schuld nicht erkennen. „Sie hat auf jeden Fall in Kauf genommen, dass der Junge in dem Sack stirbt.“ Sadismus als Motiv sieht er nicht. „Ich glaube nicht, dass die Freude am Leiden bei ihr zu Befriedigung geführt hat.“

          Geringe Aufklärungschancen

          Zu den Aufklärungschancen im Prozess sagte Rettenberger: „Es wird schwer, die Tatumstände rund 30 Jahre danach zu rekonstruieren.“ Bei den Zeugenaussagen, zum Beispiel von Sekten-Mitgliedern oder Aussteigern, werde sich wahrscheinlich ein krudes Weltbild offenbaren, das für Außenstehende nicht nachvollziehbar erscheint.

          Nach Einschätzung von Rettenberger gibt es eine wachsende Zahl von Sekten in Deutschland, die aber nicht weiter auffielen. „Viele Menschen sind auf der Suche nach Sinnstiftung und Spiritualität. Die meisten Sekten sind allerdings harmlos. In ihnen ereignet sich meist nichts Strafbares“, beurteilte er nach eigenen Recherchen.

          Zu Sekten in Deutschland sind Rettenberger nach eigenen Worten keine Statistiken bekannt. „Das begründet sich schon dadurch, dass es keine Definition von Sekten gibt. Wo verläuft die Grenze zwischen eine Esoterikgruppe, die sich im Wohnzimmer trifft, und einer Sekte?“ Nach Rücksprache mit Vertretern christlicher Kirchen beobachtet Rettenberger eine große Sensibilität fürs Thema: „Der Beratungsbedarf steigt. Es gibt immer mehr Eltern, die sich informieren, damit ihre Kinder nicht in zweifelhafte Gruppen geraten.“ Zur Charakteristik der Hanauer Sekte, in der der Vierjährige getötet wurde, machten Gericht und Staatsanwaltschaft auf Anfrage keine Angaben.

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