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Kasseler Mordfall Lübcke : „Da wird jedes Steinchen umgedreht“

Tatort: das Haus des ermordeten Regierungspräsidenten in Wolfhagen Bild: dpa

Im Fall des ermordeten Kasseler Regierungspräsidenten Lübcke hat die Tatortrekonstruktion begonnen. Hypothesen helfen den Ermittlern weiter.

          2 Min.

          Die „Soko Liemecke“ hofft auf ruhigere Zeiten. Die hat es bisher nicht gegeben. Seit dem gewaltsamen Tod des Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke am 2. Juni werden fast täglich neue Spekulationen veröffentlicht über das mögliche Motiv, mutmaßliche Täter und wahrscheinliche Hintergründe. Bestätigt wurde bisher indes nur die Gewahrsamnahme eines Verdächtigen, der, wie berichtet, am Samstagnachmittag stundenlang verhört worden war. Mehr als das geben derzeit weder die Staatsanwaltschaft Kassel noch das hessische Landeskriminalamt (LKA) bekannt. „Wir wären froh“, sagt dessen Sprecher Christoph Schulte, „wenn die Ermittler nun einfach ihre Arbeit machen könnten“.

          Katharina Iskandar
          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die „Arbeit“, das ist die Tatortrekonstruktion. Eine der wohl größten Herausforderungen bei derart komplexen Tötungsdelikten. Wann war der Mörder am Tatort? Wie hat er sich seinem Opfer genähert? Hat es zuvor noch ein Gespräch gegeben, das vielleicht Zeugen gehört haben, oder wurde das Opfer unmittelbar getötet? Das sind nur einige der Fragen, denen die Ermittler bei allen Verfahren nachgehen. Wie das im Fall Lübcke ist, darüber gibt das LKA keine Auskunft. Doch ganz generell, sagt Schulte, sei nicht nur diese Phase entscheidend, sondern man unterscheide zwischen einer „Vortat“ und einer „Nachtat“. Beides sei für die Ermittler von großem Wert, „weil auch diese Abschnitte zu einer Tat dazugehören, wichtige Informationen liefern und letztlich Hinweise geben können auf einen Täter – oder aber jemanden, den man schon im Fokus hat, entlasten können“.

          Von Fakten und Theorien

          Die Ermittler arbeiten dabei mit einem Zeitstrahl. Sie versuchen, so genau wie möglich die Vorgänge vor, während und nach der Tat zu rekonstruieren – bis auf die Sekunde genau. Dabei gehen sie von Hypothesen aus. Ist es plausibel, dass Verdächtiger X zu einer bestimmten Zeit am Tatort war? Wie ist er dorthin gekommen, wie geflüchtet? Oder muss doch alles ganz anders gewesen sein? „Was zählt, ist das Zusammenbringen von Fakten mit dem, was die Ermittler an Theorien bilden“, sagt Schulte. Anhand dessen versuche man sich zu orientieren, „was überhaupt wahrscheinlich ist und vor allem, was am Ende belegt werden kann“. Aus diesem Grund sei immer auch die Staatsanwaltschaft eingebunden.

          Eine wichtige Rolle spielen inzwischen auch die technischen Möglichkeiten. So werden regelmäßig an Tatorten sogenannte 360-Grad-Kameras eingesetzt, die den Ort des Verbrechens aufnehmen. Die Bilder können später über eine spezielle Software abgerufen werden. Zudem werden auch kriminalwissenschaftliche Möglichkeiten ausgeschöpft. Fingerabdrücke, DNA, Fußspuren, Fasern – alles, was die Beamten am Tatort finden. „ Da wird jedes Steinchen umgedreht.“

          Der Schuhabdruck

          Schulte nennt das Beispiel eines Schuhabdrucks, das einen Täter überführen kann. „Nehmen wir an, wir finden einen Abdruck auf einem Acker. Es stellt sich als normaler Sportschuh einer gängigen Marke heraus. An der Sohle befindet sich aber ein kleiner Riss. Einen solchen Sportschuh tragen viele. Aber nicht mit diesem Merkmal.“ Schulte sagt, am Anfang der Ermittlungen zähle noch das kriminalistische Gespür, am Ende nur noch der Beweis.

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