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Modetrends : Retro-Trend: Die neue Lust auf Creme 21

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Altes neu aufgelegt - nicht nur in nostalgischen Fernsehshows gibt es die Rückbesinnung auf die 60er, 70er und 80er Jahre. Auch findige Unternehmer hängen sich an den sogenannten Retro-Trend: Sie trauen sich an untergegangene Marken und Medien und lassen sie wieder aufleben.

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          Altes neu aufgelegt - nicht nur in nostalgischen Fernsehshows gibt es die Rückbesinnung auf die 60er, 70er und 80er Jahre. Auch findige Unternehmer hängen sich an den sogenannten Retro-Trend: Sie trauen sich an untergegangene Marken und Medien und lassen sie wieder aufleben.

          Ein Beispiel ist "Pardon": Das literarisch-satirische Magazin hatte Hans A. Nikel 1962 in Frankfurt gegründet. Sein Ziel sei es gewesen, "die Pressefreiheit des Grundgesetzes voll und ganz auszunützen", sagt Nikel, der heute als Bildhauer in Bad Homburg lebt. Anfang der 80er Jahre wurde das Magazin nach einigen Querelen eingestellt. Das Erkennungszeichen, ein listig blickendes Teufelchen mit gelüftetem Hut auf der Titelseite, verschwand von den Kiosken. Seit kurzem ist es wieder da. Ein ostdeutscher Satiriker hat die eigentlich durch und durch westdeutsche "Pardon"-Tradition wieder aufleben lassen.

          Einige Prominente hat Bernd Zeller, der das Magazin nun von Jena aus koordiniert, für die Erstausgabe gewonnen. Harald Schmidt schrieb eine satirische Absage, Roger Willemsen arbeitet sich an Hellmuth Karasek ab und Götz Alsmann läßt seinem Haß auf "Formatradios" freien Lauf. Einige Medien sind voll des Lobes über die Neugründung des alten Magazins, andere weniger. "Die Reaktionen im Vorhinein waren überaus freundlich. Ich hoffe, daß der Retro-Trend nicht der alleinige Kauf-Impuls ist, darauf will ich mich nicht verlassen", beurteilt Zeller die Chancen des Blattes. Mit dem angestrebten Verkauf von 50000 Heften pro Auflage will er eine "Lücke im Zeitschriften-Markt" schließen.

          Die ehemalige Geschäftsführerin im Deutschen Fachverlag in Frankfurt, Antje Stickel, setzt ebenfalls auf Bewährtes: Sie hat bereits vor gut 16 Monaten die Markenrechte der orangefarben verpackten Creme 21 gekauft. "Ich war überzeugt, daß diese Marke einen sehr hohen Sympathiewert hat und auf bestimmte Art und Weise das Lebensgefühl der siebziger Jahre widerspiegelt", sagt Stickel über die vor fast 20 Jahren in Deutschland eingestellte Marke.

          Daß das Kosmetikum in vielen Köpfen weiterlebte, zeigte sich bereits Mitte der 90er Jahre, als im Rhein-Main-Gebiet die Band "Creme 21" aufspielte. Die inzwischen aufgelöste Gruppe ist vor allem mit einem Remake des Rudi-Carrell-Klassikers "Wann wird's mal wieder richtig Sommer" bekannt geworden.

          Mit neuer Rezeptur, leicht verändertem Duft und behutsam verändertem Design will Stickel den Erfolg. Der ehemalige Hersteller der Creme, der Henkel-Konzern in Düsseldorf, hat dabei wie früher die Produktion übernommen. Stickel kümmert sich mit einem Team in ihrem Bad Homburger Büro vor allem um die Vermarktung der Creme.

          Das Geheimnis des Retro-Trends begründet beim Markenverband in Wiesbaden Martin Ruppmann: "Marken wecken Gefühle. Sie tragen ein Faszinosum in sich, das bei einer guten Marke immer wieder neu aufgeladen werden kann." Tendenziell habe jede Marke das Zeug dazu, Kult und Zauber und Mythos zu werden. Für besonders retro-empfänglich hält Ruppmann, dessen Verband gut 370 Markenartikelhersteller vertritt, die Generation der heute Dreißig- bis Vierzigjährigen. "Diese Leute stehen auf Aha-Effekte und positive Erinnerungen an ihre Kindheit und Jugend in den 70er- und 80er Jahren."

          Ein Beispiel für das Retro-Fieber sind auch die Zehenriemensandalen ("Flip-Flops"), die die Münchnerin Stefanie Schulze wiederbelebte. Sie nahm ihre eigenen Kindheitserinnerungen - in diesem Fall an Italien-Urlaube - zum Ausgangspunkt und hoffte, auch andere für die bunten Schaumstoffsohlen mit Zehengreifer-Riemen zu begeistern. In den kommenden Monaten wird sich zeigen, ob der Absatz der schlichten Schlappen so erfolgreich wie im vergangenen Jahrhundert-Sommer weitergeht.

          Auch Dieter Schwarz aus der Nähe von Hamburg ist mit dem Fruchtsirup Tri Top vor gut einem Jahr auf die Retro-Welle aufgesprungen. Er will in diesem Jahr 15 Millionen solcher grellbunten Flaschen im Design der siebziger Jahre verkaufen. Ein ähnliches Zielpublikum wie er, nämliche junge Partygänger, erreichen auch die neuen Macher der Ahoj-Brause. Vom insolventen Hersteller Friedel-Figeo übernahm der Produzent von Katjes die Herstellung der mit einem Matrosen gezierten Brausepulver-Tütchen. Die begeistern nicht mehr nur Kinder, sondern auch Szene-Gänger, die den Inhalt mit Wodka herunterspülen. lhe.

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