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„Landshut“-Stewardess Lutzau : Mit der Säge gegen das Trauma

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Die Künstlerin und ein Teil ihres Werks: Die ehemalige Lufthansa-Stewardess Gabriele von Lutzau fertigt Holzskulpturen Bild: Rainer Wohlfahrt

Gabriele von Lutzau war Stewardess in der „Landshut“, die 1977 von einem palästinensischen Terrorkommando entführt wurde. Zwei Jahre später ist sie in den Odenwald gezogen. Ein Besuch in einer anderen Welt.

          Wer im Glashaus sitzt, darf mit Kettensäge und Flammenwerfer hantieren. Gabriele von Lutzau tut das im gläsernen Anbau ihres Wohnhauses in Michelstadt, denn dort entstehen ihre meist mehr als mannshohen hölzernen Skulpturen: dürre Wächter und Wächterinnen, geflügelte Wesen, mal hochbeinig und vogelgleich, dann Stück für Stück voluminös aneinandergereihte Flügel, die sie Fiederungen nennt. Feine, fast filigrane Schnitte setzt sie mit grobem Werkzeug, die Flammen schwärzen das Holz. Eine schwere Handverletzung als Folge eines Unfalls zwang Lutzau zum Umsteigen von der Handarbeit auf die Säge.

          Auf einer Anhöhe im Stadtteil Steinbach liegt das Haus, dessen Zufahrt von der Hauptstraße nach Michelstadt aus so steil ist, dass ein Verkehrsschild sie bei Schnee und Eis verbietet. Man wähnt sich jenseits dieser Rampe dem Himmel ein Stück näher. Der Blick reicht hinab ins Tal auf die Häuser der Kleinstadt mit dem spätmittelalterlichen alten Rathaus auf hohen, dunklen Eichenpfosten, trifft auf die berühmte Einhardsbasilika, ringsum auf lauschige Anhöhen. Zwei Katzen streichen durch das Haus, das Lutzau mit Ehemann Rüdeger vor fast vier Jahrzehnten gebaut hat. „Für ein Leben mit Kindern ist das hier ideal“, sagt Gabriele von Lutzau, deswegen zog sie 1979 mit Mann und Sohn in den Odenwald, später wurde die Tochter geboren. „Hier kann man den Steinpilzen beim Vertrocknen zusehen“, sagt sie mit ihrer trockenen und selbstironischen Art heute. Deshalb flieht sie vor allzu viel Land-Idylle regelmäßig in ihre Frankfurter Stadtwohnung, die sie mit der längst erwachsenen Tochter Felicitas, einer bekannten Fotografin, teilt. „Ich bin ein Großstadtmensch und brauche die Kultur, die Museen, Galerien und Konzerte.“

          Ein Jahr lang geschuftet

          Für die eigene Arbeit aber braucht sie den Platz und den Odenwald. Das Lager einer alten Möbelfabrik dient ihren fertigen Kunstwesen, die sie zum Teil auch in Bronze hat gießen lassen, als Herberge. Nach dem Blutbad von Utoya 2011 hat sie für jedes der 77 Opfer des norwegischen Terroristen Anders Breivik einen Vogel mit sehr langen Beinen aus Thujastämmen herausgeschält. Auch die stehen jetzt hier, die Köpfe stecken unter bizarren Kopftüchern aus Schaumstoff und Luftpolsterfolie noch vom letzten Transport. Ein Jahr lang habe sie geschuftet, drei Tage vor der Verurteilung des Attentäters war sie damit fertig.

          Dank vom Kanzler: Gabriele von Lutzau mit Helmut Schmidt im Jahr 1977 Bilderstrecke

          Sie wollte die Skulpturen gern spenden und auf der Insel aufstellen, dazu „ein Fest des Lebens feiern, mit Essen und Trinken und vielen Kerzen“. Doch die norwegischen Jusos wollten das nicht, nicht sie, nicht ihre Ideen, nicht ihre Skulpturen. „Ich weiß doch ganz genau, wie es ist, wenn neben mir jemand erschossen wird, doch sie wollten keine Deutsche haben, die ihnen trauern hilft“, erzählt Lutzau enttäuscht. Auf einer Kunstmesse hat sie die Vögel dann ausgestellt, „manche Besucherinnen haben geweint“. In Bad Homburg werden die Utoya-Skulpturen und viele weitere ihrer Arbeiten im Juli 2019 in der Englischen Kirche zu sehen sein.

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