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Nach Pannen bei Probealarm : Sirene und Lautsprecher vor dem Comeback

  • Aktualisiert am

Einige Kommunen haben ihr Sirenennetz vor 30 Jahren abgeschafft. Nun wächst das Interesse wieder. Bild: Picture-Alliance

Der vielfach misslungene Probealarm am vergangenen Freitag hat gezeigt: Nicht alle Kommunen sind für den Katastrophenfall gut gerüstet. Auf Apps allein setzen nur noch die wenigsten. Dafür besinnt man sich auf bewährte Technik.

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          Der Fund einer Fliegerbombe auf dem Campus Westend der Goethe-Universität 2017 war so ein Ereignis, bei dem die Sirenen hätten heulen sollen. Zumindest, wenn es nach der Frankfurter Feuerwehr gegangen wäre. Gäbe es in der Stadt wieder Sirenen, heißt es dort, könnte man sie nicht nur bei Unwettern, Terroranschlägen, Amokläufen oder anderen Katstrophen einsetzen, sondern auch, wenn ein Gebiet wegen einer alten Bombe geräumt werden müsse.

          Die Pläne dafür stehen schon seit langem. Dennoch sind zu viele „Wenn“ und „Aber“, „Hätte“ und „Könnte“ dabei. Denn das Sirenenprojekt in Frankfurt stockt seit drei Jahren – obwohl das Konzept der Feuerwehr schon seit Herbst 2017 fertig in der Schublade liegt. Der Plan war fast schon wieder vergessen – bis es in der vergangenen Woche beim ersten bundesweiten Warntag zur Panne kam. Viele Bürger, die Katastrophen-Warn-Apps auf ihren Smartphones nutzen, wurden entweder verspätet oder gar nicht alarmiert. Das einzige System, das in Frankfurt zuverlässig funktionierte, war das an den Chemiestandorten wie am Industriepark Höchst, der seit jeher auf analoge Sirenen setzt.

          Woran es im Frankfurter Stadtgebiet noch mangelt, haben andere Kommunen längst wieder für sich entdeckt. In Bad Homburg hat man sich schon vor vier Jahren entschieden, ein modernes Sirenennetz aufzubauen. Allerdings setzt die Stadt nicht auf motorgetriebene oder pneumatische Sirenen, sondern auf Lautsprecher. Sie haben den Vorteil, dass sich damit auch Durchsagen übermitteln lassen. Die Feuerwehr kann damit gezielter warnen, etwa vor einer extremen Wetterlage, starkem Rauch durch einen Großbrand oder einer Gaswolke. Am Warntag hätten die Lautsprecher funktioniert, sagt der Leiter der Bad Homburger Feuerwehr, Daniel Guischard. Bisher seien allerdings erst fünf montiert, weshalb das Signal nicht überall zu hören gewesen sei. In den nächsten Monaten sollten die weiteren folgen, um mit 21 Standorten ein flächendeckendes Netz zu schaffen. Die Lautsprecher werden vor allem auf öffentlichen Gebäuden montiert, aber auch auf Privathäusern.

          Es gilt eine Duldungspflicht

          Für solche Warnanlagen gilt nach Worten des Feuerwehrchefs eine „Duldungspflicht“ – die Eigentümer müssen die Installation zulassen. Sollten die 21 Anlagen nicht ausreichen, können weitere nachgerüstet werden. „Wir sind auf Rückmeldungen angewiesen“, sagt Guischard. Zumal die Ausbreitung des Schalls von vielen Faktoren beeinflusst werde. „Am Ende wird es so sein, dass es dem einen zu laut und dem anderen zu leise ist.“

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          Laut Guischard wird Bad Homburg die erste Stadt mit der Möglichkeit einer flächendeckenden Sprachbotschaft sein. Die Durchsagen bleiben jedoch Kommunikation in eine Richtung. Deshalb hat die Bad Homburger Feuerwehr ein halbes Dutzend Kollegen zu einem „Vost“ weitergebildet, einem „Virtual Operations Support Team“, das sich vor allem den sozialen Netzen widmet. Die Mitarbeiter des Teams reagieren auf Anfragen, achten auf Gerüchte und suchen gezielt nach Schlüsselwörtern, in diesem Fall etwa „Homburg“ und „Sirene“.

          Unterdessen wächst auch das Interesse in anderen Kommunen, die guten alten Sirenen wieder aufzubauen. So etwa in Kronberg. Dort ist das flächendeckende Sirenennetz wie in vielen Städten vor etwa 30 Jahren abgeschafft worden. Stattdessen setzt die Stadt nun bei größeren Katastrophen auf Durchsagen mit mobilen Lautsprechern auf Wagen von Ordnungspolizei und Feuerwehr. Eine stadtweite Alarmierung sei damit aber nicht möglich, heißt es in der Verwaltung. Man werde sich in Kronberg deshalb nun mit der sukzessiven Wiedereinführung eines aktiven Sirenensystems im gesamten Stadtgebiet befassen.

          Ähnliches ist aus Offenbach zu hören. Nachdem es am Donnerstag auch dort still geblieben ist, weil dort die Sirenen abgebaut wurden, ist nun ebenfalls von Lautsprecherwagen die Rede. Man will jedoch nicht ausschließen, so eine Sprecherin der Stadt, dass man sich künftig doch wieder für den Einsatz zumindest einiger Sirenen entscheiden werde. Aktuell nutze man jedoch vorrangig die gängigen modernen Kommunikationsmittel, wie Warn-Apps, Internet, Radio und auch Twitter, um die Bevölkerung auf mögliche Gefahren hinzuweisen. „Nacharbeiten“ will man auch in Hanau – und das, obwohl es in der Stadt 20 Sirenen gibt, die über die Leitstelle des Main-Kinzig-Kreises angesteuert werden können. Nicht alle Sirenen sind bei dem Test pünktlich oder überhaupt angesprungen. Der Probealarm sei nicht gut gelaufen, bilanziert Oberbürgermeister Claus Kaminsky (SPD). Er sieht aber auch das Gute: Immerhin habe das Thema jetzt die Aufmerksamkeit erreicht, die ihm gebühre.

          106 von 111 Sirenen haben funktioniert

          Zufriedener war man in Wiesbaden, Darmstadt und Mainz. In der hessischen Landeshauptstadt gaben am Warntag von den 111 Sirenen im Stadtgebiet 106 erwartungsgemäß um 11.05 und um 11.20 Uhr die programmierten Signaltöne ab. Fünf Anlagen werden derzeit gewartet oder ausgetauscht. So werden die älteren, elektrischen Geräte durch moderne Sirenen ersetzt, die wie in Bad Homburg dann auch für Sprachdurchsagen genutzt werden können. Ohnehin ist die Landeshauptstadt vorbildlich im Umgang mit Alarmierungen: Unabhängig von der bundesweiten Probe löst die Stadt viermal im Jahr einen Sirenenalarm aus. Ebenso wie in Darmstadt, wo es nicht zuletzt wegen der Nähe zum Chemie- und Pharmakonzern Merck ein intaktes Warnsystem gibt, zu dem auch Sirenen gehören, die regelmäßig gewartet und getestet werden. Am Donnerstag seien die Bürger entsprechend zwischen 11 und 11.20 Uhr durch Heultöne informiert worden, teilte ein Sprecher des Rathauses mit.

          So war es auch in Mainz, wo der Sirenenalarm nach derzeitigen Erkenntnissen in der ganzen Stadt zu hören war. Dabei vertraut die rheinland-pfälzische Landeshauptstadt Stadt generell auf eine Kombination aus insgesamt mehr als 50 Sirenenanlagen und verschiedenen Warn-Apps sowie Fernsehen und Radio.

          „Achtung, es ist etwas passiert“

          In Frankfurt übt man sich derweil weiter in Geduld. Ein Feuerwehrsprecher sagt, man halte weiter an den Plänen eines Sirenennetzes fest – mit dem Ziel, sich irgendwann dem bundesweiten Modularen Warnsystem anzuschließen, das alle verfügbaren lokalen Systeme miteinander koppelt und dadurch ermöglicht, dass unmittelbar nach einem sogenannten Großschadenereignis Sirenen aktiviert, Medien informiert und auch andere Informationsmöglichkeiten wie etwa Schalttafeln in der Innenstadt angesteuert werden.

          Demnach wäre das perfekte Alarmierungsnetz eine ganzheitliche Struktur: „Die Sirenen sorgen für Aufmerksamkeit und geben dem Bürger die Information: Achtung, es ist etwas passiert“, sagt der Feuerwehrsprecher. „Der nächste Schritt wäre dann, dass sich der Bürger in sein Haus, seine Wohnung oder ein anderes verfügbares Gebäude zurückzieht und weitere Nachrichten über Rundfunk, Fernsehen oder im Internet auf seriösen Medienseiten abruft. Dort werden dann nähere Details genannt. Und natürlich wird es auch weiterhin Informationen geben über die gängigen Apps.“ Nach den Worten des Sprechers dürfen die Apps „jetzt nicht generell schlechtgemacht werden“, nur weil das Vertrauen in sie „verlorengegangen ist“.

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