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Missbrauch im Bistum Mainz : Bischof erschüttert über „schrecklichen Abgrund“

Der Mainzer Bischof Peter Kohlgraf Bild: dpa

Ein Zwischenbericht zu sexueller Gewalt im Bistum Mainz wirft viele Fragen auf. Eines zeichnet sich schon jetzt ab: Es gab systematische Verschleierung.

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          Der Mainzer Bischof Peter Kohlgraf hat am Mittwoch seine Bitte wiederholt, Betroffene von sexueller Gewalt mögen alles in ihrer Macht Stehende tun, um zu der Aufklärung der im Raum der katholischen Kirche begangenen Untaten beizutragen. „Wir werden nicht auf die Suche nach Entschuldigungen gehen“, beteuerte Kohlgraf und hatte dabei auch den Regensburger Anwalt Ulrich Weber im Blick. Dieser war im Juni 2019 mit einem „unabhängigen Aufklärungsprojekt“ unter dem Titel „Erfahren. Verstehen. Vorsorgen“ beauftragt worden und hatte am Mittwoch einen ersten Einblick in seine Arbeit gegeben.

          Daniel Deckers
          in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

          Kohlgraf sprach als Reaktion darauf von einem „schrecklichen Abgrund“ im Bistum Mainz und beteuerte: „Wir werden uns der Frage stellen, was solches Fehlverhalten für das Leben der Kirche heute bedeutet, für unsere Präventionsarbeit, aber auch für die historische Einordnung und Erinnerung an Menschen, die früher im Bistum gearbeitet und Verantwortung getragen haben.“

          Weber fasste seine Eindrücke nach zahlreichen Gesprächen mit Betroffenen und der ersten Sichtung aller erdenklichen schriftlichen Überlieferungen in die Worte, die Schilderungen sexueller Gewalt erstreckten sich „von der Ausnutzung der besonderen Vertrauenssituation der Beichte eines Erwachsenen über verbale sexuelle Belästigung bis hin zum schweren Missbrauch eines Vorschulkindes“. Betroffen seien Mädchen wie Frauen, Jungen und Männer, abgespielt hätten sich die Vorkommnisse an den unterschiedlichsten Orten, von Privaträumen von Familien über Freizeiten bis zu Kirchenräumen.

          Weil sich die Untersuchung auf den Zeitraum von 1945 bis 2019 sowie auf alle Mitarbeiter des Bistums Mainz einschließlich der Lehrerschaft und der Mitarbeiter der Caritas erstreckt, ist die Untersuchung nicht mit der großen MHG-Studie aus dem Jahr 2018 vergleichbar. In dieser ging es nur um Kleriker und Minderjährige. Kohlgraf und der Mainzer Weihbischof Udo Bentz wollten indes alle Betroffenen von sexueller Gewalt im Raum der Kirche in den Blick genommen wissen und damit auch alle Mitarbeiter, die eines Fehlverhaltens beschuldigt wurden oder werden. Die Zahlen, die Weber am Mittwoch in den Raum stellte, sind daher andere als die der MHG-Studie: Während vor zwei Jahren von 53 „Tätern“ und 169 „Opfern“ die Rede war, sprach Weber von 273 Beschuldigten – Kleriker, Laien, Ehrenamtliche – zu Lasten 422 Betroffener.

          Wie schon in der MHG-Studie liegt indes ein zentraler Fokus auf dem Umgang der Bistumsverantwortlichen mit Personen, die sexuelle Gewalt verübt oder erlitten hatten. Für die Zeit seit dem Jahr 2002, in dem sich die Deutsche Bischofskonferenz als erste Institution in Deutschland Leitlinien für den Umgang mit sexuellem Missbrauch Minderjähriger gegeben hatte, attestierte Weber den Bistumsverantwortlichen wie dem verstorbenen Kardinal Lehmann „leitlinienkonformes“ Verhalten. Die Zeiten davor waren indes von „Fehlverhalten“ geprägt.

          Auf einschlägige Meldungen sei nicht adäquat reagiert worden, häufig seien beschuldigte Kleriker innerhalb des Bistums versetzt oder in eine andere Diözese geschickt worden, selbst schwere Missbrauchsfälle hätten lediglich zu geringen Sanktionen geführt, Akten seien „gezielt“ geführt worden. Systemisches Versagen haben Weber und seine Mitarbeiter aber auch auf der Ebene der Pfarreien und anderer Einrichtungen identifiziert. Auch vor Ort seien klare Indizien und Kenntnisse durch Mitarbeiter negiert, bagatellisiert oder für sich behalten worden – bis dahin, dass Melder und Betroffene teils unter Anwendung körperlicher Gewalt unter Druck gesetzt, diskreditiert und isoliert worden seien.

          Erkenntnisse wie diese sollen in einen ausführlichen Abschlussbericht eingehen, der wegen der Fülle des Materials erst für das Jahr 2022 zu erwarten ist. Der Weihbischof Bentz skizzierte freilich schon am Mittwoch den Weg, der vor dem Bistum liegt: Die Perspektive der Betroffenen sei nicht nur Voraussetzung für eine Aufarbeitung, sie müsse „leitend für die Wege der Aufarbeitung sein“. Vor diesem Hintergrund würden derzeit alle Gremien und das Verfahren zur Anerkennung des Leides neu geordnet. Überdies wollen die Bistumsleitung und die Aufarbeitungskommission den Rat eines noch zu gründenden Betroffenenbeirates suchen.

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