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Mineralwasser : Aus tiefer Quelle

Durstlöscher Nummer eins: Mineralwasserabfüllung bei Hassia in Bad Vilbel Bild: F.A.Z. - Sick

Schon in der Frühgeschichte entdeckten die Menschen mineralhaltige Brunnen. Der Aufstieg zum Durstlöscher Nummer eins begann aber erst vor etwa 30 Jahren.

          5 Min.

          Mit mehr als 600 Mineralwasserquellen ist Deutschland ein Brunnenland. Schon bei den Römern stand dieses Tiefenwasser aus Germanien so hoch im Kurs, dass sie keine Mühe scheuten, es in Tonkrügen über die Alpen bis in ihre Heimat zu transportieren. Das kam nicht von ungefähr, denn sie schätzten den perlenden Geschmack germanischen Wassers.

          Wolfram Ahlers
          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für Mittelhessen und die Wetterau.

          Später erkannten Mediziner den therapeutischen Wert des Mineralwassers. In den Quellorten etablierten sich die ersten Trinkkuren, Mineralwasser aus deutschen Brunnen gelangte bis nach Übersee. Wegen beschwerlicher Transportwege mit entsprechenden Kosten blieb Mineralwasser lange Zeit freilich nur für Wohlhabende erschwinglich. Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts änderte sich das, als sich die Logistik verbesserte.

          Wasser aus Rhön, Westerwald und Taunus

          Der Aufstieg zum Durstlöscher Nummer eins begann erst in den zurückliegenden drei Jahrzehnten. Vor dem Zweiten Weltkrieg tranken die Deutschen im Durchschnitt lediglich etwa zwei Liter. Bis Anfang der siebziger Jahre wuchs der Pro-Kopf-Verbrauch auf rund zwölf Liter, zehn Jahre später waren es schon 40 Liter. Nicht zuletzt im Zuge wachsenden Gesundheitsbewusstseins stieg der Verbrauch seit Mitte der neunziger Jahre auf mehr als hundert Liter. Nach Angaben des Verbands Deutscher Mineralbrunnen kletterte der Absatz in den ersten Jahren dieses Jahrzehnts bis auf etwas mehr als neun Milliarden Liter, mit Rekord im Jahrhundertsommer 2003. Nach leichtem Rückgang meldet der Verband für das vergangene Jahr wieder ein Plus von knapp zwei Prozent.

          Mineralwasser hat einen langen Weg hinter sich, bevor es in die Flasche gelangt. Es bildet sich aus Regen, Schnee oder Hagel, die bis zu mehreren hundert Metern tief in den Boden sickern. Auf seinem Weg nach unten nimmt dieses Wasser Mineralien wie Magnesium, Natrium oder Calcium auf – je nach Beschaffenheit der Schichten in unterschiedlicher Konzentration. Quellen mit besonders mineralhaltigem Wasser sprudeln vor allem in Gegenden, wo in erdgeschichtlich jüngerer Zeit Vulkane tätig waren oder tektonische Verwerfungen auftraten. Dazu zählen unter anderem die deutschen Mittelgebirgsregionen. Zu den bekanntesten Brunnenstandorten zählen in Hessen neben Rhön und Westerwald insbesondere die Gegenden am Rand des Taunus.

          So entdeckten unsere Vorfahren schon in der Frühgeschichte in den Niederungen der Lahn am Nordabhang des Taunus mineralhaltige Quellen, deren Wasser zu den bekanntesten deutschen Marken zählt, für manche sogar Synonym für Mineralwasser ist – Selters. Ausgestattet mit dem Nassauer Brunnensiegel, wurde das nach dem gleichnamigen Ort in der Nähe von Limburg benannte Wasser einst vor allem an Höfen kredenzt. Selterswasser rühmten schon im 16. Jahrhundert Mediziner: „Dieser Brunn öffnet die Verstopfungen von Leber, Milz, Lungen, Nieren und Blasen.“

          Quellenstandort Wetterau

          Um die Mitte des 18. Jahrhunderts errichtete man einen modernen Brunnenbetrieb, der die Grundlage für den Export von Selters in viele Länder legte. Einen der Grundsteine für den heutigen Quellenbetrieb legte eine Bohrung vom Ende des 19. Jahrhunderts, als die Stadtväter von Selters aufgrund von Hinweisen neue Bohrungen in Auftrag gaben. Tatsächlich stieß man in vergleichsweise geringer Tiefe auf eine ergiebige Quelle, reich an Mineralien. Zu Ehren der letzten deutschen Kaiserin erhielt die Quelle den Namen „Selters-Sprudel Augusta Victoria“.

          Nicht nur als eine der führenden landwirtschaftlichen Regionen Deutschlands gilt die Wetterau, auch die Brunnenindustrie spielt eine wichtige Rolle. Mehr als zehn Prozent der deutschen Mineralwässer werden dort abgefüllt. In Bad Vilbel sind die Mineralquellen der bedeutendste Bodenschatz. Kenner sprechen von einem besonderen Quellenstandort, weil sich dort auf kleinem Raum Wässer unterschiedlicher Mineralisierung fördern lassen. Das liegt in der Geologie begründet, denn in der Senke der südlichen Wetterau sammelt sich in der Tiefe Wasser unterschiedlicher Herkunft, aus dem Vogelsberg ebenso wie aus dem Taunus. Deshalb können die Bad Vilbeler Brunnenbetriebe Mineralwässer für fast die gesamte Palette der Nachfrage abfüllen – vom natriumarmen Wasser etwa für die Zubereitung von Babynahrung bis zu Getränken, die sich durch hohen Gehalt an Magnesium und Calcium auszeichnen, den Knochenaufbau fördern oder der Fitness dienen.

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