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Statt Urnenwand : Millionenpoker ums Stadtmuseum in Hattersheim

Kurz vor der Vollendung:In das frühere Sarotti-Werkstattgebäude kann bald das Hattersheimer Stadtmuseum einziehen. Bild: Michael Braunschädel

Bevor eine Urnenwand das Werkstattgebäude ziert, will die Stadt Hattersheim nun doch die Immobilie im Sarotti-Quartier kaufen. Was oder wer außer dem Stadtmuseum in das Gebäude einziehen wird, steht noch nicht fest.

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          Als Investor Selim Balcioglu dem Hattersheimer Bürgermeister Klaus Schindling (CDU) vor einigen Monaten seine Pläne für ein Columbarium am denkmalgeschützten Werkstattgebäude präsentierte, schluckte der Rathauschef schwer. Eine Urnenwand im Gebäude des künftigen Stadtmuseums war nicht das, was sich der Rathauschef für den Mittelpunkt im neuen Wohngebiet auf dem früheren Sarotti-Gelände wünschte.

          Heike Lattka
          Korrespondentin der Rhein-Main-Zeitung für den Main-Taunus-Kreis.

          Glücklicherweise zählt Hattersheim seit seinem wirtschaftlichen Aufschwung zur Digital City nicht mehr zu den grauen Mäusen im Main-Taunus-Kreis. Die Stadt ist vielmehr dem Schutzschirm des Landes Hessen entwachsen und verfügt inzwischen über gute Finanzpolster. „Wir denken über einen Kauf der gesamten Immobilie nach“, berichtete Schindling. Ein Wertgutachten für das sanierte Werkstattgebäude soll in wenigen Wochen vorliegen. Es ist der Auftakt für einen Millionen-Euro-Poker.

          Fünf bis sechs Millionen sei das denkmalgeschützte Gebäude unterdessen sicher wert, schätzte Balcioglu. Vier Millionen Euro, inklusive einer Million Euro treuhänderisch von der Stadt verwaltetes Geld der Nestlé AG, habe er für die Sanierung und den neuen Anbau ausgegeben, rechnete der Bauherr vor. Mindestens mit einer „schwarzen Null“ müsse er aus dem Projekt rauskommen, hob Balcioglu hervor. Auf dieser Basis werden vermutlich hinter verschlossenen Türen die Verkaufsverhandlungen laufen – und es bleibt aus Sicht der Bürger zu hoffen, dass endlich ein Schlussstrich unter das Trauerspiel Museum gezogen werden kann.

          Ein Schmuckkästchen im Quartier

          Seit 20 Jahren wird in Hattersheim über eine Heimat für den Geschichtsverein und dessen Exponate diskutiert. Seit 2013 steht das Werkstattgebäude auf dem Gelände der früheren Sarotti-Schokoladenfabrik als Standort im Fokus, das die Nestlé AG der Stadt inklusive einer Million Euro im Rahmen der Planung eines Wohngebiets übertragen hatte. Aus eigener Kraft traute sich die damals noch finanzschwache Kommune das Sanierungsprojekt für das Museum nicht zu.

          Bauherr und Investor: Selim Balcioglu
          Bauherr und Investor: Selim Balcioglu : Bild: Michael Braunschädel

          2016 schien mit dem spanischen Unternehmen Nai Apollo ein Investor gefunden, der das Museum samt einem Restaurant und neuem Anbau für Ausstellungen und Veranstaltungen wirtschaftlich rentabel realisieren wollte. In einem zweiten Vertrag sicherte sich der Investor zudem eine angrenzende Wohnungsbaufläche von knapp 4000 Quadratmetern. Doch wegen rechtlicher Einwände der Anwohner zerschlugen sich die Pläne, weder ein Restaurant noch ein großer gläserner Anbau durften gebaut werden. Nichts ging voran.

          Begehrt im Sarotti-Quartier: ein denkmalgeschütztes Werkstattgebäude
          Begehrt im Sarotti-Quartier: ein denkmalgeschütztes Werkstattgebäude : Bild: Michael Braunschädel

          Ursprünglich sei das Museumsprojekt auch für ihn ein Klotz am Bein gewesen, gesteht Balcioglu ein, der auf dem benachbarten Gelände zwölf Reihenhäuser mit hochwertiger Ausstattung bauen will. Das Baurecht hierfür steht noch aus. Inzwischen aber habe er das Gebäude liebgewonnen. Gerade sei das Parkett im Anbau verlegt worden – und es sei ein echtes Schmuckkästchen geworden, berichtete er.

          Kein „was wäre, wenn“ Spiel

          Noch in diesem Jahr soll das Museum durch den Geschichtsverein zum Teil bezogen werden, wie die stellvertretende Vereinsvorsitzende Ulrike Milas-Quirin sagt. Die Exponate für die geplanten sieben Themeninseln rund um die Kelten, den Rosenanbau, die frühere Phrix-Zellulose-Fabrik, Rotor-Erfinder Anton Flettner, Mühlen/Glashütten und die große Sarotti-Schau würden in diesem ersten Abschnitt aufgestellt. Im nächsten Jahr folge dann die archäologische Ausstellung, für deren Ausstattung nochmals mit knapp 80.000 Euro Fördergeld zu rechnen sei. Zum Jahreswechsel 2022/2023 plane der Verein die Museumseröffnung. „Ich hoffe nicht, dass jetzt noch etwas dazwischen- kommt, sagt Milas-Quirin.

          Schon bis Ende des Jahres sollten die neuen Besitzverhältnisse geklärt sein. Vermutlich komme der Kauf die Stadt teurer als eine Sanierung in Eigenregie, da all die kostspieligen Anbauten nicht nötig gewesen wären, bestätigte Bürgermeister Schindling. Aber das „was wäre, wenn“ sei ein rückwärtsgewandtes Spiel, das nicht zielführend sei. Damals konnte die Stadt sich kein Museum leisten. Noch immer hofft der Bürgermeister darauf, dass der Museumsbetrieb durch ehrenamtliche Helfer und einen garantierten jährlichen Betriebskostenzuschuss durch das Unternehmen Hilscher von 10.000 Euro ohne weitere städtische Zuschüsse möglich wird.

          Zwei Drittel des Gebäudes würden durch das Museum belegt, sagte Schindling. Was sonst noch ins Werkstattgebäude einziehe, müsse einen Mehrwert für das Quartier bringen. Vielleicht könnten das eine kleine Vinothek oder Räume für kleine Veranstaltungen sein. Letztendlich aber müssten die Gremien der Stadt über den Kauf entscheiden, hob er hervor.

          Da die CDU mit 51 Prozent die absolute Mehrheit in der Stadtverordnetenversammlung stellt und Schindling der Parteivorsitzende ist, dürfte dies keine große Hürde sein – zumal der Vorsitzende der SPD als größter Oppositionspartei Selim Balcioglu heißt. Diesem rang der gewiefte Bürgermeister, die Gewerbesteuern im Blick, vorab ein Zugeständnis ab: Alle acht Unternehmen des Bauunternehmers verlegen ihren Sitz nach Hattersheim.

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