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Militär : Amerikanische Truppen kehren Mittelhessen den Rücken

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Bis 2008 wird das amerikanische Verteidigungsministerium seine restlichen Truppen aus Butzbach, Gießen und Friedberg abziehen. 10.000 Amerikaner ziehen fort - und mit ihnen viel Kaufkraft. Dafür werden Wohnungen frei.

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          Die Wohnungen sind groß, in attraktiven Lagen, teilweise sogar mit Parkett ausgelegt. Doch wenn die amerikanischen Soldaten und ihre Familien zwischen 2005 und 2008 aus den Standorten rund um Gießen wegziehen, bringen die Unterkünfte die betroffenen Kommunen in erhebliche Schwierigkeiten. „Plötzlich knallen in Mittelhessen einige tausend Wohnungen auf den Markt, das gibt einen dramatischen Preisverfall“, warnt etwa der Bürgermeister von Butzbach, Oswin Veith (CDU). Außer dem möglichen Kollaps des Wohnungsmarktes fürchten die Städte auch den Verlust von Arbeitsplätzen und Kaufkraft.

          Mit einem nüchternen Satz hatten die Amerikaner im vergangenen April angekündigt, was die fünf mittelhessischen Kommunen jahrelang in Atem halten wird: „Aus militärischen Gründen hat die amerikanische Armee in Europa für die Einrichtungen in und um Gießen in der Zukunft keine Verwendung mehr“, heißt es in der Mitteilung des Hauptquartiers der Landstreitkräfte in Heidelberg. Die Stützpunkte in Friedberg, Wetzlar, Bad Nauheim und Butzbach werden bis 2008 vollständig aufgegeben; am drastisch verkleinerten Standort Gießen sollen dann nur noch Zivilbeschäftigte in der Wohnraumverwaltung und einem Zentrallager für Kleidung und Fahrzeugteile ihren Dienst verrichten.

          230 deutschen Zivilbeschäftigten droht der Verlust ihrer Jobs

          Im Zuge der so genannten Standortoptimierung Ost will das amerikanische Verteidigungsministerium die Truppen in Grafenwöhr in der Oberpfalz - dem größten Übungsplatz der Armee in Europa - konzentrieren. 3400 Soldaten der 1. Panzerdivision, etwa 5000 Familienangehörige und 410 amerikanische zivile Mitarbeiter werden daher Mittelhessen den Rücken kehren. Rund 230 deutschen Zivilbeschäftigten droht der Verlust ihrer Jobs. Von der Verlegung verspricht sich das Pentagon jährliche Einsparungen von 19 Millionen Dollar.

          Im strukturschwachen Mittelhessen lassen die GIs riesige Militärflächen, Kasernen und leer stehende Wohnblocks zurück. Nur Friedberg freut sich über den unverhofften - und vergleichsweise moderaten - Zuwachs an Wohnraum: „Das wird den angespannten Markt entlasten“, ist Rathauschef Winfried Bayer (CDU) überzeugt. In der 28 000-Einwohner-Stadt werden allerdings auch nur 92 Wohnungen frei - während die Nachbarstadt Bad Nauheim die Rückgabe von 320, Gießen von rund 700 und Butzbach sogar von 820 Wohnungen erwarten. Mit nur 72 Wohnungen ist Wetzlar am wenigsten betroffen.

          Gießen kann bald 300 Hektar Militärflächen nutzen

          Allein in der Universitätsstadt Gießen stehen nach dem Abzug der Streitkräfte mehr als 300 Hektar Militärflächen für eine zivile Nutzung zur Verfügung. „Das entspricht etwa der Größe eines ganzen Stadtteils“, erklärt Stadtbaurat Thomas Rausch. Damit Liegenschaften nicht „filetstückartig“ verhökert werden, hat der CDU-Mann bereits ein grobes Konzept für die Nachfolgenutzung erstellt - wo kann gebaut werden, wo sollen Wohn- oder Gewerbegebiete entstehen? Bei der Vermarktung rechnet Rausch angesichts der Konjunkturflaute jedoch mit Problemen: „Die Nachfrage wird vermutlich nicht so groß sein.“

          Schon bei der ersten Gießener Konversion (Umwandlung) nach einem Teilabzug der amerikanischen Streitkräfte Anfang der neunziger Jahre sei die Suche nach privaten Investoren „mühselig“ gewesen, sagt Rausch. „Und damals ging es nur um etwa ein Zehntel der heutigen Flächen.“ Problematisch sei zudem, daß Gießen ganz am Ende der Freigabe-Liste stehe; beim Werben um finanzkräftige Partner hätten die anderen Kommunen dann schon einen beträchtlichen Vorsprung.

          Die betroffenen Städte hoffen daher auf Einsicht beim Bund, dem Eigentümer der Militärflächen. Er solle die Grundstücke „nicht zu teuer“ auf dem Markt anbieten, sagt Bad Nauheims Bürgermeister Bernd Rohde (CDU). Das Bundesvermögensamt in Kassel, das für den Verkauf zuständig ist, weist die Forderung umgehend zurück: „Es wären ja Steuergelder, die wir verschleudern würden“, sagt Amtsleiter Manfred Griesheimer.

          „Wir verlieren damit einen großen Wirtschaftsfaktor“

          Während Griesheimer vom „durchgängig sehr guten Zustand“ der um 1955 errichteten Wohnungen schwärmt, klagen die Rathauschefs über den „eintönigen Geschoßwohnungsbau“. Um die Fassaden aufzupeppen, seien zusätzliche Investitionen nötig, führen sie als Argument für eine „maßvolle Preisgestaltung“ ins Feld. Die strenge Abschirmung der Militärflächen mache es den Kommunen allerdings schwer, sich ein genaues Bild von den Liegenschaften zu machen. „Die Amerikaner wollen dort keine Völkerwanderung“, sagt Griesheimer.

          Trotz eigener Supermärkte und Schnellrestaurants für die Soldaten wird der Truppenabzug auch Einzelhändler und Dienstleister in der Region hart treffen, sagt Markus Gilbert von der Industrie- und Handelskammer Gießen-Friedberg. „Wenn fast 10.000 Menschen wegziehen, merkt man das materiell.“ Viele GIs seien zum Beispiel begeisterte Taxibenutzer, berichtet Stadtrat Rausch. „Wir verlieren damit einen großen Wirtschaftsfaktor.“

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