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Nach Attentat von Hanau : Eine Stadt zeigt Gesicht

  • -Aktualisiert am

Vereint im Gedenken: Auf dem Marktplatz in Hanau halten Trauernde Bilder von den Opfern in ihren Händen. Bild: Marcus Kaufhold

Mehrere tausend Menschen versammeln sich mit dem Bundespräsidenten in Hanau zu einer Mahnwache. Sie legen Kerzen und Blumen nieder – und halten Plakate hoch, auf denen zum Widerstand gegen Rassismus aufgerufen wird.

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          Die Uhr im Turm des Hanauer Rathauses zeigt auf zwanzig Minuten nach sechs, als Hanaus Oberbürgermeister Claus Kaminsky (SPD) zusammen mit Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier die kleine Bühne auf dem Marktplatz betritt, und die Zeit stimmt. Ein bemerkenswerter Zufall, schließlich steht die Turmuhr seit Monaten still, da der Altbau gerade saniert wird. Es ist ein kleines Detail am Rande eines denkwürdigen Ereignisses: Etliche tausend Menschen versammeln sich auf großen Platz, um an die zehn Opfer des Todesschützen Tobias R. zu erinnern. Eine Stadt zeigt Gesicht.

          Hanns Mattes

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Schon eine knappe Stunde vor der Kundgebung ist der Marktplatz, wenige hundert Meter von einem der Tatorte entfernt, zur Hälfe gefüllt. Es sind vor allem die ganz normalen Bürger der Stadt, die sich dort versammeln, viele Familien sind gekommen. Natürlich sind auch die Kommunalpolitiker vertreten, der Rabbiner der jüdischen Gemeinde Shimon Großberg hat sich einen Platz in der Nähe der Bühne gesucht. Aber die Prominenz macht nur einen kleinen Teil der Menschenmenge aus. Hanauer mit Wurzeln in der Türkei oder dem ehemaligen Jugoslawien kommen vor das Rathaus, einige weinen und suchen Trost. „Fassen kann man das alles noch nicht“, sagt einer, „aber wir müssen ein Zeichen in Hanau setzen.“

          Auf dem Sockel des Brüder-Grimm-Denkmals werden Kerzen und Blumen niedergelegt, einige zünden Grablichter an. Plakate werden hochgehalten, auf denen zum Widerstand gegen Rassismus aufgerufen wird, auf anderen Transparenten werden Gesichter der Opfer gezeigt. Viele Gespräche drehen sich um das eigene Erleben: Er habe den Hubschrauber der Polizei gehört, erzählt ein bekannter Comic-Künstler, sich aber nicht viel dabei gedacht und ins Bett gegangen. Ein Amerikaner, der seit Jahrzehnten in Hanau lebt, flüchtet sich in Galgenhumor: „So etwas kenne ich nur von zuhause.“

          Steinmeier spricht von Fassungslosigkeit, Trauer und Zorn

          Es ist der Hanauer Oberbürgermeister, der als erster an das Mikrofon tritt: Seit 22 Uhr am Vorabend sei die Welt in Hanau nicht mehr wie vorher, sagt Kaminsky. Er appelliert an den Gemeinschaftssinn und trifft damit den Nerv der Zuhörer. Er übermittelt auch die „Grüße, Solidarität und Nächstenliebe“ der Bundeskanzlerin. Auch Bouffier ruft zur Gemeinschaft auf, man lasse sich nicht von rassistischen Wahnvorstellungen Angst machen. Als während seiner kurzen Rede „Nazis-Raus“-Sprechchöre initiiert werden sollen, verfängt das nicht. „Unwürdig ist das“, heißt es, andere fordern die Rufer zum Schweigen auf. Bundespräsident Steinmeier hält sich wie seine Vorredner kurz, spricht von der Fassungslosigkeit, der Trauer und dem Zorn, der viele erfasst habe. Abermals ruft er zu einem bedachten Umgang mit Sprache auf, die nicht Gewalt und Ausgrenzung befördern dürfe. Er nennt die Partei nicht, aber die Zuhörer münzen es auf die AfD.

          Auch in Wiesbaden, Darmstadt und anderen Städten der Region finden an diesem Abend Mahnwachen statt. Eine große Veranstaltung gibt es in Frankfurt. Auf dem Paulsplatz treffen sich nach Polizeiangaben etwa 3500 Menschen, um der Opfer zu gedenken, der Deutsche Gewerkschaftsbund als Veranstalter spricht von 5000 Teilnehmern. Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) sagt: Die Angehörigen der Opfer wünschten sich nicht nur, dass man traurig sei. „Es ist auch richtig, wütend zu sein.“ Wütend auf diejenigen, die behauptet hätten, das sei „wieder ein Wirrer, ein Einzeltäter“ gewesen.

          Auch Vertreter anderer Parteien und Bündnisse halten Reden. Als der CDU-Fraktionsvorsitzende Nils Kößler spricht, gibt es einzelne Buhrufe. Die stellvertretende Frankfurter FDP-Vorsitzende Maria-Christina Nimmerfroh kommt erst kaum zu Wort. Erst als die Veranstalter um Mäßigung bitten, kann sie sprechen. Auf Twitter gibt die Polizei nach Ende der Mahnwache bekannt, eine Person festgenommen zu haben, die einen Hitlergruß gezeigt habe.

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