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Mehrgenerationenhäuser in Darmstadt : Eine Großfamilie mit 120 Mitgliedern

  • -Aktualisiert am

Alle gemeinsam: Küchendienst im Hof des Mehrgenerationenhauses in Darmstadt Bild: Marcus Kaufhold

Sie verstehen sich als basisdemokratische Hausgemeinschaften mit gegenseitiger Nachbarschaftshilfe. Und sie können ein Modell sein für das Leben im Alter. In Darmstadt gibt es zwei erfolgreiche Mehrgenerationenhäuser, ein drittes wird gegründet.

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          „Hallo Christoph“ ruft der kleine Moritz und tritt auf seinem Kinderfahrrad gleich wieder in die Pedale. Moritz gehört mit drei Jahren zu den jüngsten Bewohnern von „Wohnsinn“, und Christoph Jetter zählt mit 74 Jahren zu den Ältesten. Manchmal kann der Jurist und ehemalige Gewerkschaftssekretär, wenn er auf dem Gartenstuhl zwischen Rosenstöcken und Tomatenpflanzen sitzt, Moritz auf der Rutsche spielen sehen oder auf dem grünen Hügel. Der ragt im Innenhof des Mehrgenerationenhauses in die Höhe, in dem Jetter seit sechs Jahren mit seiner Frau lebt, und ist ein geschätzter Abenteuerspielplatz.

          Rainer Hein

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Darmstadt.

          Dort im Innenhof kommen und gehen die Kinder ständig, und die meisten grüßen die Nachbarn freundlich. Man kennt sich, was nicht verwundert, steht doch die „gegenseitige Nachbarschaftshilfe“ in der Satzung der Bau- und Wohngenossenschaft Wohnsinn, die 2003 im Neubaugebiet von Kranichstein das dreigeschossige Passivhaus eröffnet hat. Zum nachbarschaftlichen Miteinander zählt die Hilfe bei der Kinderbetreuung – für Moritz’ Mutter nicht unbedeutend. „Woanders haben Kinder von Alleinerziehenden manchmal Probleme, nach Hause zu kommen. Das ist bei uns nicht dem Zufall überlassen“, sagt Jetter.

          120 „Genossen“

          Über das Mehrgenerationenhaus, das mit dem Komplex Wohnsinn 2 mittlerweile auf 120 „Genossen“ angewachsen ist und im nächsten Jahr mit Wohnart 3 den nächsten Ableger bekommt, können sich die Darmstädter am 29. August beim ersten Seniorentag informieren. Der steht unter dem Motto „Leben und Wohnen im Alter“ und stellt neben den klassischen Pflege- und Heimeinrichtungen auch neue Gemeinschaftsprojekte vor. „Wie wollen wir eigentlich alt werden?“, war eine Frage, die sich Jetter und seine Frau in den neunziger Jahren stellten – zusammen mit einigen anderen Darmstädtern. Gemeinsam bildeten sie einen Förderverein, gründeten nach zahlreichen Exkursionen 1998 die Genossenschaft, planten mit dem Büro Faktor 10 das U-förmige Passivhaus, dessen 39 Wohnungen sie 2003 beziehen konnten.

          Nicht alle, die an der Elisabeth-Selbert-Straße eingezogen sind, sind Genossen, haben also ihr eigentumsähnliches Dauerwohnrecht durch den Erwerb von Anteilen erkauft. Bei einem Drittel der Wohnungen von Wohnsinn 1 und 2 handelt es sich um Sozialwohnungen. Diese soziale Mischung gehört ebenfalls zu den in der Satzung verankerten Zielen der Genossenschaft, in dessen Vorstand Jetter fünf Jahre lang mitgearbeitet hat. Ältere und Jüngere, Haushalte mit niedrigem und höheren Einkommen, Familien und Alleinerziehende, Ausländer und Behinderte – die Bewohner der zwischen 50 und 130 Quadratmeter großen Wohnungen bilden einen städtischen Mikrokosmos, der freilich nach festen Regeln funktioniert. So ist die Übernahme von Gemeinschaftsaufgaben verbindlich. „Wir machen in der Hausverwaltung von A bis Z fast alles alleine“, sagt Jetter. Ob es um die Pflege des grünen Hügels geht oder um die Außenanlagen, um Verwaltungs- oder Ausbesserungsarbeiten – das Prinzip lautet: Alle machen mit. „Das ist arbeitsreich, manchmal auch konfliktreich, aber es funktioniert bis heute unter Strich gut.“

          Vertrauenspersonen für Streitfälle

          Eine komplizierte Organisation brauche die Genossenschaft dazu nicht. Alle wichtigen Fragen werden im Plenum der Hausbewohner entschieden – „basisdemokratisch“. Für Konfliktsituation stehen gewählte Vertrauenspersonen bereit.

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