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Hessische Geburtskliniken : Mehr Kaiserschnitte als anderswo

Operativer Eingriff: Die Rate von Geburten per Kaiserschnitt in hessischen Unikliniken ist hoch. Bild: dapd

In Hessen wird ein besonders hoher Anteil von Kindern operativ zur Welt gebracht. Politiker und Verbände kritisieren die Praxis. Vor allem die kleine Kreisklinik Groß-Gerau fällt auf.

          Daniela Sommer erinnert sich gut an das Gespräch. In der Bürgersprechstunde der SPD-Landtagsabgeordneten im Kreis Waldeck-Frankenberg erschien eine hochschwangere Frau, die einen verzweifelten Eindruck machte. Sie berichtete, dass sie sich von der Geburtshilfe eines Universitätsklinikums ein Bild habe machen wollen, aber bei dieser Gelegenheit sofort einen festen Termin für einen Kaiserschnitt bekommen habe. Bis dahin blieb ihr genau eine Woche.

          Ewald Hetrodt

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Wiesbaden.

          Dem Hinweis, dass die Schwangerschaft ohne Komplikationen verlaufen sei und sie natürlich entbinden wolle, wurde ihr Alter entgegengehalten. Bei Frauen, die älter als 35 Jahre seien, gehe man von einer Risikoschwangerschaft aus; dann sei ein Kaiserschnitt ratsam. Über jeden Zweifel erhaben sei diese Sichtweise allerdings nicht, sagt Sommer, die gesundheitspolitische Sprecherin ihrer Fraktion ist. Sie nahm den Vorgang zum Anlass für eine Anfrage an den für Gesundheit zuständigen Sozialminister Kai Klose (Die Grünen).

          Die Weltgesundheitsorganisation WHO stellt fest, dass bei ungefähr 15 Prozent aller Geburten ein Kaiserschnitt nötig sei. In Deutschland lag die Rate im Jahr 2017 bei 30,5 Prozent, in Hessen sogar bei 32,3 Prozent. Sind alle diese Kaiserschnitte wirklich nötig, oder lässt sich mit ihnen mehr Geld verdienen? Die Antwort auf diese Frage kann sich der Sozialminister einfach machen, indem er die Erklärung zitiert, mit der die Bundesregierung sich im September vergangenen Jahres zum Thema geäußert hatte.

          Anreiz Abrechnungssystem?

          Danach basiert die Kalkulation von Kaiserschnitten und normalen Entbindungen auf den entstehenden Kosten. Den zum Teil höheren Vergütungen für Kaiserschnitte stehe ein größerer Aufwand gegenüber, erklärt die Bundesregierung. Beispielsweise müssten Operationssäle und Anästhesisten bereitgestellt werden. Trotzdem komme es immer auf den tatsächlichen Aufwand an. So werde eine komplizierte vaginale Entbindung mit 5500 Euro vergütet, ein einfacher Kaiserschnitt schlage nur mit rund 3900 Euro zu Buche.

          Gegen die Mutmaßung, dass das Abrechnungssystem Anreize für Kaiserschnitte biete, könnte auch die Tatsache sprechen, dass geplante Eingriffe etwa 550 Euro günstiger sind als ungeplante. Allerdings gelten die Zahlen offensichtlich nur für die gesetzlichen Krankenkassen. Daten zu den Privatpatienten liegen dem hessischen Sozialministerium nach eigenen Angaben nicht vor.

          Angst vor Fehlern

          Auch der Hebammenverband meint, dass die Kaiserschnittrate hierzulande zu hoch sei. Sie hänge damit zusammen, dass es in vielen Kreißsälen zu wenig Personal für natürliche Geburten gebe. Denn dafür sei schon vorher eine intensive Betreuung nötig. Außerdem fehle es an Standards zur Frage, wann ein operativer Eingriff geboten sei, moniert Susanne Steppat, die dem Präsidium des Verbandes angehört. Die Entscheidung des Arztes sei oft subjektiv und von der Angst vor Fehlern und Geburtsschäden bestimmt.

          Die können aber auch beim Kaiserschnitt auftreten. Er rette im äußersten Fall Leben, stellt Klose fest. „Er kann aber auch zu kurz- und langzeitigen Gesundheitsbeeinträchtigungen bei Mutter und Kind führen.“ Klose erwähnt „Hinweise darauf, dass Kinder, die per Kaiserschnitt zur Welt kamen, andersgeartete, physikalische, bakterielle Einwirkungen erfahren als Kinder, die vaginal geboren werden.“ Als kurzfristige Risiken werden in der Wissenschaft beispielsweise eine veränderte Entwicklung des Immunsystems und eine erhöhte Wahrscheinlichkeit von Allergien und Asthma genannt.

          Unklarer Schwangerschaftsverlauf

          Die Bundesregierung hält fest, dass die Unikliniken in der Regel eine höhere Kaiserschnittrate aufwiesen als andere Krankenhäuser. Weil man mit Risikoschwangerschaften lieber zu Spezialisten geht, erscheint es plausibel, dass die Kaiserschnittrate am Universitätsklinikum in Gießen bei 51 Prozent liegt.

          Auf dem zweiten Rang in Hessen steht mit 48 Prozent das Klinikum Darmstadt. Es wirbt im Internet für sein spezielles Angebot und präsentiert sich als „die beliebteste Geburtsklinik in Südhessen“. Den dritten Rang belegt ausgerechnet das kleine und hochdefizitäre Krankenhaus des Kreises Groß-Gerau. Es verzeichnete 2017 eine Rate von 47 Prozent.

          Wie extrem dieser Wert ist, zeigt der Vergleich mit der Durchschnittsrate der hessischen Krankenhäuser. Sie liegt bei gut 32 Prozent. Die Zahl zeige, dass Frauen „bei sogenannten Spontangeburten offenbar andere Krankenhäuser bevorzugt haben“, konstatiert die neue Geschäftsführerin der Groß-Gerauer Klinik, Erika Raab. Viele hätten sich bewusst für einen Kaiserschnitt entschieden. „Hinzu kommt, dass wir viele geflüchtete Frauen mit unklarem Schwangerschaftsverlauf zu betreuen hatten.“

          Doch die Zuwanderung fiel im Kreis Groß-Gerau nicht stärker aus als andernorts. Sowohl in Hessen als auch in ganz Deutschland hat sich der Zuzug von Flüchtlingen in dieser Hinsicht nicht bemerkbar gemacht. Im Durchschnitt lag die Kaiserschnittrate vor der Flüchtlingswelle höher als danach. Auch das Sozialministerium hatte auf die Frage, warum in Groß-Gerau so viele Kaiserschnitte vorgenommen wurden, keine rasche Antwort parat. Aber spätestens die nächste parlamentarische Anfrage wird dazu führen, sich den Fall genauer anzuschauen.

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