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Medizin : Reformator der Psychiatrie

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Heinrich Kunze Bild: Karola Müller

Heinrich Kunze glaubt, daß Patienten besser und kostengünstiger versorgt werden können. Als Ärztlicher Direktor einer psychiatrischen Klinik hat er bewiesen, daß es geht.

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          Heinrich Kunze ist ein Reformator. Mit Leidenschaft und aus Überzeugung hinterfragt der Sohn eines evangelischen Gemeindepfarrers aus Kreuztal bei Siegen jene Strukturen, die er als schädlich vorzufinden scheint. Kunze ist kein Einzelkämpfer, er erreicht die Erfolge gemeinsam mit anderen und parteiübergreifend. Er ist stellvertretender Vorsitzender der Aktion psychisch Kranke, die 1971 der CDU-Bundestagsabgeordnete Walter Picard und der Psychiater Caspar Kulenkampff gegründet hatten.

          Nach dem Abitur im hessischen Biedenkopf 1959 studierte Kunze Medizin. Das evangelische Studienwerk Villigst ermöglichte ihm mit seiner Hochbegabtenförderung eine Orientierung über das Medizinstudium hinaus. Kunze wandte sich der Soziologie zu, wurde Psychiater, wechselte ans Max-Planck-Institut in München und ging nach Denver und London. Aus Amerika und England zurückgekehrt, stellte er das deutsche System der zentralen Unterbringung von psychisch Kranken in Landeskrankenhäusern in Frage. Dort lebten noch bis in die siebziger Jahre hinein bis zu 25 Patienten in Anstaltskleidung ohne eigenen Nachtschrank Bett an Bett. Sie wurden eher verwahrt als behandelt.

          „Wir haben nicht mehr Betten, aber wir leisten mehr“

          Mit seiner Habilitation an der Universität Heidelberg bewies Kunze, daß das „dezentrale Heim“ - die gemeindenahe Psychiatrie - möglich war. Deren Strukturen waren menschenwürdiger, medizinisch effizienter und deshalb auch ökonomisch überlegen. Kunze wechselte zum Landeswohlfahrtsverband Hessen in dessen Kasseler Zentrale und leitet seit 1984 als Ärztlicher Direktor die Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Merxhausen bei Kassel. Der Verband war ein Promotor der Psychiatriereform in Deutschland, Ärzte und Pfleger änderten ihre Sichtweise. Der Patient, der „Kunde“ statt der Institution „Krankenhaus“ rückte in den Mittelpunkt, der einzelne wurde zum Maßstab, nicht mehr die eingeübte Prozedur auf der Krankenstation bestimmte den Rhythmus. Es zählte mehr und mehr der patientenzentrierte Prozeß, nicht der Selbsterhalt der Subsysteme.

          Das hat nicht nur die Welt der Kranken verwandelt. Wer früher psychisch krank war, mied die Irrenanstalt, solange es möglich war, denn am Ende seiner Krankenkarriere wurde er dort unter erbärmlichen Bedingungen ein Leben lang weggeschlossen. Heute beträgt die Verweildauer in Merxhausen im Durchschnitt 20 Tage, zahlreiche Patienten bleiben aber nur drei. Derselbe Arzt, den der Patient seit Jahren durch alle Rückschläge und Erholungsphasen kennt, begleitet den Kranken in der Klinik, in der teilstationären und der ambulanten Versorgung und bald vielleicht auch in der Rehabilitation, denn Merxhausen hat die Grenzen von ambulanter und stationärer Versorgung faktisch aufgelöst. Das steigert die Effizienz.

          „In den siebziger Jahren hatten wir 700 Patientenaufnahmen jährlich, heute haben wir 5000. Und weil die Budgets 1995 gedeckelt wurden, haben wir nicht mehr Betten oder Geld, aber wir leisten mehr“, sagt Kunze, der systematisch die Innovationsprozesse in Industrieunternehmen studiert: „Gute Unternehmen erfinden sich eben immer wieder von neuem.“ Allein von 1995 bis 2001 sank in Deutschland bei nahezu unverändertem Budget die Zahl der Pflegetage in der Psychiatrie um 12,2 Prozent auf knapp 18 Millionen und die Verweildauer der Patienten in den Kliniken um 47,4 Prozent auf 27,1 Tage. Die Zahl der Fälle stieg derweil um gut ein Drittel auf knapp 660.000.

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