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Frankfurter Fachhochschule : Meditieren gegen Stress im Studium

Sammlung: Wer meditiert, klärt seinen Geist. So zu sitzen ist dabei nur eine Möglichkeit von vielen. Bild: plainpicture/ponton

An vielen Hochschulen können Studenten Meditationskurse belegen. Die Frankfurt University of Applied Sciences will sogar eine Bewusstseinsschulung anbieten. Ist das esoterischer Unsinn?

          Reiner Frey hat einiges vor. Der vormalige Kanzler der Frankfurt University of Applied Sciences will ein neues Programm für Studenten etablieren, mit dessen Hilfe sie mehr innere Klarheit gewinnen. Frey geht es nicht zuletzt angesichts der zunehmenden Fragmentierung von Studiengängen und anderen Lebensvollzügen darum, Studenten zu mehr Sicherheit zu verhelfen, dazu, ein „stabiles Bewusstsein zu schaffen“. Ein wichtiges Element sind Meditationen und Achtsamkeitsübungen - und deren eingehende Reflexion anhand von Tagebüchern, die Studenten anfertigen. Zudem werden korrespondierende Theorien aus Naturwissenschaften, Soziologie und Ethik vermittelt, und es soll eine eigene Forschung geben, zum Beispiel in den Feldern Persönlichkeitsentwicklung sowie Verständnis von Wissenschaft. Zwar habe das neue Programm im weitesten Sinn mit Spiritualität zu tun, „es ist aber ganz säkular“, sagt Frey, der selbst Buddhist mit einer mehr als 30 Jahre währenden Meditationspraxis ist.

          Stefan Toepfer

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Vom Sommersemester 2017 an soll es das fachbereichsübergreifende Angebot geben. Was ihn ermutigt, ist die Unterstützung des Hochschulpräsidenten Frank Dievernich. Frey geht von einem großen Zuspruch aus. „Das ist in Frankfurt nicht anders als anderswo“, sagt er und verweist auf Erfahrungen in München. An der Hochschule München und der Ludwig-Maximilians-Universität gibt es Meditations-Lehrveranstaltungen in neun Studiengängen, in fast allen als Wahlpflichtfach. Initiiert hat das „Münchner Modell“ Professor Andreas de Bruin im Jahr 2010. „Meine Erfahrung ist, dass heute viele Studierende Interesse an Meditation haben und gerne mehr darüber wissen wollen“, sagt er. Die Kurse an Hochschule und Universität vermittelten Sicherheit und Seriosität. „Außerdem bekommen die Studenten auch Creditpoints und Noten wie in anderen Studienfächern.“

          Studien belegen die Wirksamkeit der Meditation

          Wie de Bruin sagt, nehmen 150 Studenten je Semester an den Kursen teil. Angeboten werden sie vor allem in pädagogischen Studiengängen. „Meditation und Achtsamkeit führen dazu, dass man mehr über sich selbst erfährt. Sie können somit einen wichtigen Beitrag im pädagogischen Prozess leisten. Auch zeigt sich, dass Achtsamkeits- und Meditationsansätze gerade in den pädagogischen Berufsfeldern gut implementierbar und vielversprechend sind.“ De Bruin praktiziert seit 25 Jahren Meditation. Seit Ende der neunziger Jahre befasst er sich auch wissenschaftlich damit, weil damals „Neurowissenschaftler immer mehr belegen konnten, dass Meditation viele Vorteile bringt, wie verbesserte Konzentration, emotionale Stabilität, selektive Wahrnehmung und Stressreduzierung“.

          In Hessen gehört zu jenen Wissenschaftlern Ulrich Ott vom Bender Institute of Neuroimaging an der Universität Gießen. Er leitet dort die Arbeitsgruppe „Veränderte Bewusstseinszustände - Meditationsforschung“ und weiß von etlichen Studien, die positive Effekte von Meditation belegen, sogar Veränderungen von Hirnregionen, etwa jener, die für Gedächtnis und Selbstwahrnehmung verantwortlich sind. Wer Programme wie in München oder das geplante in Frankfurt also als esoterischen Unsinn abtun will, irrt. Wie präsent das Thema in der Forschung ist, zeigt eine wachsende Zahl von Untersuchungen und Veröffentlichungen. Zum vierten Mal seit 2010 findet Ende November in Berlin der Kongress „Meditation und Wissenschaft“ mit namhaften Wissenschaftlern statt.

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