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Medikamentenversuche : Auf der Spur von H 502

  • -Aktualisiert am

Ein Medizinhistoriker geht Hinweisen auf fragwürdige Medikamentenversuche in den fünfziger Jahren nach. Bild: dpa

Nach dem Zweiten Weltkrieg und in den fünfziger Jahren sollen fragwürdige Medikamententests in Gießen stattgefunden haben. Ein Medizinhistoriker der Uni geht den Hinweisen nach.

          Assistenzarzt Hans Heinze junior hatte in seinem Umfeld zwei Männer, die als ethische Vorbilder definitiv untauglich waren. Der eine war sein Vater. Hans Heinze senior gilt als einer der Haupttäter des „Euthanasie“-Programms der Nationalsozialisten, er war verantwortlich für den Tod vieler behinderter Kinder. Der andere, Julius Hallervorden, war ein Freund von Heinze senior. Hallervorden hat die Gehirne von „Euthanasie“-Opfern untersucht und nach neuen Erkenntnissen möglicherweise für ihn besonders interessante Patienten gezielt umbringen lassen.

          Sascha Zoske

          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          Es wäre „überraschend“, wenn Heinze junior keinen Kontakt mit Hallervorden gehabt hätte, meint Volker Roelcke. Er ist Direktor des Instituts für Geschichte der Medizin an der Liebig-Universität. Derzeit erforscht er, ob Heinze junior (1923 bis 2012) nach dem Zweiten Weltkrieg in Gießen fragwürdige Medikamententests vorgenommen hat. Der Psychiater war von 1957 bis 1961 als Assistenzarzt in der mittelhessischen Stadt tätig gewesen. Dann wechselte er als Oberarzt ins niedersächsische Wunstorf, wo sein Vater eine Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie leitete. Heinze senior hatte trotz seiner Verstrickung in das NS-Mordprogramm seine Karriere fortsetzen können - ebenso wie Hallervorden, der Direktor des Max-Planck-Instituts für Hirnforschung wurde und 1956 das Bundesverdienstkreuz bekam.

          Großteil der Unterlagen wurde vernichtet

          Anlass für Roelckes Recherchen gab ein Aufsatz der Pharmakologin Sylvia Wagner. Sie hatte herausgefunden, dass die Firma Merck im Jahr 1959 das noch nicht marktreife Präparat H 502, ein Mittel gegen Kreislaufschwäche, an Heinze senior geliefert hatte. Der Chefarzt habe zudem darum gebeten, das Medikament auch an seinen Sohn nach Gießen zu schicken. Nicht nur wegen der Familiengeschichte der Heinzes, auch wegen der damals noch lockeren Regeln für Medikamententests durch Pharmafirmen steht der Verdacht im Raum, der Arzt könne Patienten - womöglich Kindern - das Arzneimittel verabreicht haben, ohne die nötige Erlaubnis einzuholen.

          Derzeit sucht Roelcke in Patientenakten nach Hinweisen auf solche Versuche, wobei die Nachforschungen dadurch erschwert sind, dass ein Großteil der Unterlagen vernichtet wurde. Der Medizinhistoriker ist inzwischen auch auf eine Publikation von Heinze junior aus dem Jahr 1962 gestoßen, in der er über eine Medikamentenstudie an der Gießener Nervenklinik berichtete. Bei den 109 Versuchspersonen habe es sich vorwiegend um ältere Menschen gehandelt, von denen manche dement oder hirnverletzt gewesen seien. Roelcke geht zudem Hinweisen nach, dass ein Gießener Kinder- und Jugendheim mit der Nervenklinik zusammengearbeitet habe. Da nicht feststehe, dass an den Kindern dort Tests vorgenommen worden seien, will der Professor den Namen der Einrichtung vorerst nicht öffentlich nennen.

          Auch wenn in den Akten die Gabe bestimmter Medikamente vermerkt ist, könnte offen bleiben, ob die Patienten oder ihre Angehörigen über die Verabreichung informiert worden sind. Denn mit der Dokumentation von „Heilversuchen“ hätten es die Ärzte auch in der Nachkriegszeit nicht immer genau genommen, sagt Roelcke. Dabei habe es schon seit 1931 eine ministerielle Richtlinie gegeben, nach der die Versuchspersonen oder ihre gesetzlichen Vertreter solchen Experimenten hätten zustimmen müssen. Diese Vorschrift habe sogar während der NS-Zeit gegolten - in den rechtsfreien Räumen der Konzentrationslager und Tötungsanstalten habe sich aber kaum jemand darum geschert.

          Angst der Mediziner vor Imageschäden ist größer

          Letztlich wird Roelcke also wohl auf Aussagen von Zeitzeugen angewiesen sein, wenn er die Frage beantworten will, ob Ende der fünfziger Jahre in Gießen Menschen für möglicherweise schmerzhafte und gefährliche Experimente missbraucht worden sind. Dass es solche Versuche an Heimkindern andernorts gegeben hat, ist durch die Recherchen von Wagner und anderen Forschern sowie Berichte von Opfern belegt. Nach Auswertung der Akten könnte man Roelcke zufolge versuchen, mit möglichen Betroffenen Kontakt aufzunehmen. Von allein habe sich bisher niemand bei ihm gemeldet, sagt der Wissenschaftler.

          Dass sich die Gießener Universität um Aufklärung in dieser Sache bemüht, verbindet sie in positiver Hinsicht mit dem Frankfurter Max-Planck-Institut für Hirnforschung: Auch dort hat man begonnen, sich intensiv mit Ethikverstößen auseinanderzusetzen. Roelcke hat von einer Kommission unter Leitung des früheren Max-Planck-Direktors Heinz Wässle den Auftrag bekommen, die Herkunft aller Gehirnschnitte in den Archiven der Forschungsgesellschaft zu dokumentieren.

          Nicht alle Max-Planck-Vertreter sind nach Roelckes Einschätzung so sehr an der Erhellung dunkler Wissenschafts-Kapitel interessiert wie Wässle. Hindernisse errichte dabei nicht das Frankfurter Institut, sondern die Generalverwaltung in München. „Der Archivzugang ist leider wieder beschränkt worden“, klagt der Gießener Professor. Gerechtfertigt worden sei das mit dem Datenschutz. Grundsätzlich sei die Bereitschaft von Forschungseinrichtungen und Funktionären, sich mit historischem Fehlverhalten in ihren Institutionen auseinanderzusetzen, heutzutage schon deutlich größer als noch vor fünf bis zehn Jahren. Trotzdem seien die Verantwortlichen oft nur zu „Teileingeständnissen“ zu bewegen, stellt Roelcke fest. „Die Angst der Mediziner vor Imageschäden ist größer als der Aufklärungswille.“

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