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Mainzer Start-up : Rucksäcke aus Plastikmüll

Umweltschonend hergestellt: Mandos präsentiert den schlichten aber funktionellen 23 Liter großen Rucksack von Gotbag. Bild: Frank Röth

Riesige Mengen an Plastikmüll bedrohen weltweit die Meere und Ozeane. Ein Mainzer Start-Up kämpft gegen die Bedrohung an und fischt nach den Kunststoffabfällen, um daraus umweltfreundliche Rucksäcke zu produzieren.

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          Der Strand sieht ein bisschen aus wie eine Müllhalde. Ein Fischer hat den mit Unrat bedeckten Strand hinter sich gelassen und wandert bis zu den Knien hinaus in das seichte Wasser des Java Meers. Kleine silberig schimmernde Fische kreisen um seine Füße, huschen an einer halbversunkenen Einkaufstüte vorbei und schwimmen in Richtung einiger ins offene Gewässer treibender Plastikflaschen. Der Fischer stapft noch einige Schritte weiter über die bunten Kunststoffverpackungen hinweg und bleibt schließlich auf einer weniger trüben Stelle stehen. Die Hoffnung ist nicht ganz verloren, dass seine Angel mehr als nur Abfall herausziehen wird.

          Denn davon ist in Indonesien mehr als reichlich vorhanden. Über drei Millionen Tonnen Plastikmüll erzeugt der Inselstaat laut einem Bericht der Nexus3 Foundation jährlich. Rund ein Drittel davon landet im Ozean. Die Plastikrückstände aber verunreinigen die Gewässer, vergiften Pflanzen, Tier und Mensch. Das Mainzer Start-up „Gotbag“ hat nun das ehrgeizige Ziel gefasst, die Verschmutzung der indonesischen Küste zumindest ein wenig einzudämmen – und mit dem Unrat etwas Sinnvolles anzustellen. Aus einem Teil des Mülls werden nämlich Rucksäcke gemacht. Dabei sind die Produkte des Unternehmens laut eigener Aussage die ersten weltweit, die fast vollständig aus Meeresplastik hergestellt werden.

          Schwarz mit schlichtem aber funktionellem Design präsentiert sich der 23 Liter große Rucksack von Gotbag als ebenso verlässlicher wie universell einsetzbarer Begleiter für Wanderungen, Fahrradtouren und als Reisetasche für längere Fahrten. Wasserdicht ist der Plastikranzen auch, vor allem aber umweltschonend hergestellt.

          Die Idee dafür kam Gründer Benjamin Mandos 2015 während einer Reise durch die Alpen. „Gemeinsam mit einem Freund hatte ich mir überlegt, was ist, wenn wir etwas Nachhaltiges, etwas Langlebiges machen könnten.“ Die Wahl fiel auf die Produktion eines Rucksacks aus recyceltem Plastik. „Wir wollten ein Alltagsprodukt schaffen, dass der Kunde möglichst vielseitig einsetzen kann.“

          Kein Stillstand: Das Sortiment wurde bereits um Laptoptaschen, Portemonnaies und Hüllen für Reisepässe erweitert.
          Kein Stillstand: Das Sortiment wurde bereits um Laptoptaschen, Portemonnaies und Hüllen für Reisepässe erweitert. : Bild: Frank Röth

          Als gelernter Kameramann kam Mandos immer wieder mit Projekten für Nachhaltigkeit in Berührung. Die Passion für den Segelsport brachte dem Zweiunddreißigjährigen schließlich den entscheidenden Impuls, ein Produkt zu entwickeln, dass dem Schutz der Gewässer zur Gute kommt. „Wir wussten, dass man aus Pet-Material Garn gewinnen kann und dass in Indonesien im Meer und den Flüssen viel davon herumschwimmt. Wer einmal diese Verseuchung gesehen hat, weiß, wie sehr sich der Anblick in die Netzhaut einbrennt.“

          In Indonesien baute der Geschäftsmann ein Netzwerk aus rund 1500 Fischern auf, welche vor Ort auf Plastikfang gehen. Bezahlt werden die einheimischen Helfer pro Kilogramm Kunststoff, den sie aus dem Meer holen. Da sich für viele die Fischerei nicht mehr auszahlt, ist der Plastikfang laut Mandos zu einer wichtigen finanziellen Stütze geworden.

          Das Team: Mandos (ganz rechts) und seine 20 Mitarbeiter wollen die Welt ein wenig besser machen.
          Das Team: Mandos (ganz rechts) und seine 20 Mitarbeiter wollen die Welt ein wenig besser machen. : Bild: Frank Röth

          Zwar kann Mandos für seine Produktion nur Pet nutzen, eine Selektion auf den Booten will er aber dennoch nicht. Der für ihn unbrauchbare Anteil des Kunststoffabfalls soll nicht weiter im Meer bleiben. Erst an Land wird das Plastik nach Pet sortiert, welches aufwendig gereinigt und dann zu Flocken verarbeitet wird. Aus diesen entstehen dann kleine Kügelchen, die schließlich zum wertvollen Garn verarbeitet werden. Den Rest des Abfalls gibt Mandos an Abnehmer im Bereich der Energieversorgung oder zum Downcycling weiter: „Uns ist es wichtig, dass alle Plastiksorten in Strukturen einfließen und nicht irgendwann auf einer Mülldeponie landen, um beim nächsten Regen wieder im Gewässer zu landen.“

          Über 70 Tonnen Plastikmüll wurden bereits verarbeitet

          Etwa 3,5 Kilogramm Plastik werden für die Herstellung eines Rucksacks benötigt. Über 70 Tonnen konnte das Unternehmen seit der Gründung 2018 bereits verarbeiten. „Natürlich ist es ein Tropfen auf den heißen Stein“, sagt Mandos. „Denn alles, was wir täglich aus dem Meer an Müll rausholen, wird tausendfach wieder reingeworfen. Wir sprechen von einem Land mit über 260 Millionen Einwohnern, wo es kein Abfallmanagment gibt, keine Müllabfuhr.“ Neben dem eigenen Abfall komme außerdem erschwerend hinzu, dass Indonesien Geld mit dem Import von ausländischem Müll verdiene, welches die Umwelt des Landes zusätzlich massiv belaste.

          Deswegen will Mandos mit seinen Produkten nicht nur zu einem Umdenken in Deutschland anregen, sondern auch in Indonesien selbst: „Wir organisieren eigene Workshops. Es gibt Kooperationen mit Schulungsprojekten. Denn es fehlt auch das Bewusstsein für die Verschmutzung im eigenen Land.“

          Bei aller Nachhaltigkeit kommt Mandos nicht umher zuzugeben, dass der Rucksack selbst erst in einer Fabrik in China zu seiner finalen Form zusammengesetzt wird. Denn noch mangele es in Indonesien an der notwendigen Infrastruktur für alle Produktionsprozesse. Umso sorgfältiger ist Mandos bei der Wahl der Partner. So sind alle Unternehmen, mit denen Gotbag zusammenarbeitet, durch Sedex zertifiziert, einer Datenplattform für Transparenz im Nachhaltigkeitsengagement. „Wir sind bei der Produktion sicherlich noch nicht perfekt, was die Klimabilanz angeht“, sagt Mandos. „Wir versuchen uns da jetzt aber selbst herauszufordern, wo man sich optimieren kann.“ Dafür laufe derzeit bei der TU Berlin ein Projektantrag.

          Stillstand ist für Mandos und seine mittlerweile 20 Mitarbeiter keine Option. So wurde das Sortiment von Gotbag neben Rucksäcken nun auch um Laptoptaschen, Portemonnaies und Hüllen für Reisepässe erweitert. Die nächste große Änderung ist auch schon in Sicht. Künftig sollen die Produkte in bunteren Varianten erhältlich sein. Damit der Kunde kein schlechtes Gewissen bei der Auswahl hat, verspricht Mandos, das die Färbung dann ebenfalls umweltschonend durchgeführt wird – ganz im Sinne der Unternehmensphilosophie, die Welt ein wenig besser zu machen.

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