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: Mainzer Schüler forschen über Hasenhaarschneider

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Was ein "Hasenhaarschneider" ist, weiß heutzutage kaum noch jemand. Selbst im Internet sind keine brauchbaren Informationen zu finden. Eine gängige Suchmaschine vermutet gar einen Tippfehler und fragt ...

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          Was ein "Hasenhaarschneider" ist, weiß heutzutage kaum noch jemand. Selbst im Internet sind keine brauchbaren Informationen zu finden. Eine gängige Suchmaschine vermutet gar einen Tippfehler und fragt vorsichtshalber nach: "Meinten Sie: Nasenhaarschneider?" Auf ähnliche Unbedarftheit stießen Julia Dörr, Noela Müller und Alexander Voitmann, als sie vor rund einem Jahr mit den Recherchen für ihren Beitrag zum Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten begannen. Mit Unterstützung ihres Tutors Ferdinand Scherf erstellten die drei Schüler vom Mainzer Rabanus-Maurus-Gymnasium die Arbeit "Das geschlossene Fenster. Hasenhaarschneider in Kelsterbach". Aus der Hand von Bundespräsident Horst Köhler haben sie dafür am Mittwoch einen von bundesweit fünf ersten Preisen erhalten.

          Am Anfang der Untersuchung stand eine Umfrage auf dem Marktplatz in Kelsterbach, wo zwei der drei Neuntkläßler wohnen. Kaum einer der befragten Passanten konnte sich unter einem "Hasenhaarschneider" etwas vorstellen. "Vielleicht ist das ein Friseur für Angorakaninchen", lautete eine Vermutung. Nur einige Ältere kannten den Beruf, der Mitte des 19. Jahrhunderts fast die Hälfte der Einwohner von Kelsterbach ernährte. Noch bis in die zwanziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts war das Handwerk entlang des Untermains verbreitet. Die wichtigsten Standorte befanden sich in den heutigen Frankfurter Stadtteilen Ober- und Niederrad, Sossenheim und Fechenheim sowie in Neu-Isenburg, Rüsselsheim und Kelsterbach.

          Auf das Thema ihrer Untersuchung waren Julia, Noela und Alexander bei einer früheren Teilnahme am Geschichtswettbewerb gestoßen. Als Siebtkläßler hatten sie die Einwanderung französischer Glaubensflüchtlinge anhand einer Straße ihrer Heimatstadt untersucht und mit der Arbeit "La ville neuve de Kelsterbach" einen vierten Preis gewonnen. Dabei entdeckten sie das Thema ihres jüngsten Beitrags: "Im Museum, in Archiven und in Pfarrbüchern tauchte als Beruf immer wieder Hasenhaarschneider auf", erinnert sich die fünfzehn Jahre alte Noela.

          Zwei Jahre später lag es also nahe, sich näher mit diesem Handwerk zu beschäftigen. Beim Quellenstudium stieß das Schülertrio auf allerlei Anekdoten. Eine davon belegte, daß der Beruf selbst in Zeiten seiner größten Verbreitung bei Ortsfremden Verwirrung hervorrief. Als Niederrad 1866 preußisch geworden war, fing man dort mit der Aushebung der wehrpflichtigen Männer an. Bei der Musterung erkundigte sich der Stabsarzt nach dem Beruf. Als sich der zehnte Niederräder als "Haarschneider" vorstellte und dabei die "Hasen" stillschweigend voraussetzte, platzte es aus dem Arzt heraus: "Ja, zum Donnerwetter, wieviel Friseure gibt es denn eigentlich in Niederrad?"

          Den Recherchen des Schülertrios zufolge ist das Hasenhaarschneiden mit den Hugenotten ins heutige Rhein-Main-Gebiet gekommen. Die geschorenen Haare von Hasen- und Kaninchenfellen stellten den Rohstoff für die Produktion von Filzhüten dar. "Der Stoff war viel geschmeidiger als der in Deutschland übliche Wollfilz", sagt die sechzehnjährige Julia. Eine Kopfbedeckung aus diesem feinen Material sei ein kleines Vermögen wert gewesen und beim sonntäglichen Kirchgang mit Stolz getragen worden.

          Reich geworden sind die Kelsterbacher Filzproduzenten indes nicht. Für viele war es ein Ausweg aus der bedrückenden Armut, die Mitte des 19. Jahrhunderts im damaligen 1200-Seelen-Ort herrschte. Nachdem die Fayence-Fabrik ihren Betrieb eingestellt hatte, bot sich in der Bearbeitung von Hasenfellen eine neue Erwerbsquelle. Vermutlich brachten die zuvor in Niederrad oder Sossenheim als "Gastarbeiter" Beschäftigten nicht nur die neuen Kenntnisse, sondern auch den einen oder anderen Kollegen mit, der dann seinen Beruf in Kelsterbach ausübte und Ortsansässige anlernte.

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