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: Mainzer Schüler forschen über Hasenhaarschneider

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Die Felle stammten aus Sachsen und Thüringen, Böhmen, Polen und Rußland. Dort gab es zur damaligen Zeit ein scheinbar unbegrenztes Vorkommen von Feldhasen. So erlegten die Jäger allein im Großherzogtum Eisenach auf einer Fläche von 67 Quadratmeilen jährlich 30 000 Tiere. In ihren Herkunftsgebieten wurden die Felle zu großen Ballen gepreßt und in die Zentren der Hutindustrie, zu denen Frankfurt und Offenbach gehörten, verkauft. Aufgabe der Hasenhaarschneider war es, die stinkenden, steifen und von Ungeziefer befallenen Felle zu bearbeiten und die geschorenen Haare an die Fabriken zu liefern.

Zunächst mußten Blutverkrustungen, Dreck und Losungsrückstände aus den Fellen gewaschen werden. In Kelsterbach bot sich dafür eine Sandbank im Mainbogen an. Da für diese Arbeit keine besonderen Kenntnisse nötig waren, wurde sie von Frauen und Kindern verrichtet. Zum Trocknen spannten sie die Felle in einen Holzrahmen oder breiteten sie auf einer Wiese aus. Nachdem die Felle gewalkt und aufgerauht waren, wurden sie in einer Lösung aus Salpetersäure und Quecksilber gebeizt. Erst dadurch öffnete sich die Oberflächenstruktur der Haare, wie es für das spätere Verfilzen nötig war.

Von der Beizküche in der Kelsterbacher Schulstraße muß ein unerträglicher Gestank ausgegangen sein. In den Quellen stieß das Schülertrio auf Berichte von Zeitzeugen, die sich mit Grauen an den allgegenwärtigen Geruch von verwesenden Fellen, Blut, Fett und Chemikalien erinnern. Doch die üblen Ausdünstungen waren nicht das Schlimmste: Überall in den Arbeitsräumen schwebten die mit Scheren oder Rupfeisen abgetrennten Härchen und wurden von den Arbeitern eingeatmet. Die meisten litten unter chronischen Brust-, Lungen- und Kehlkopferkrankungen, klagten über verstärkten Speichelfluß und entzündete Augen. Die Härchen zersetzten die Lungenbläschen, was zu Atemnot, zur Vergrößerung der rechten Herzkammer und vielfach zum Tod durch Herzversagen führte. Das Gefährlichste aber war die schleichende Vergiftung durch Quecksilberdampf. Erst um das Jahr 1932 wurde eine quecksilberfreie Beize entwickelt - zu spät für die Kelsterbacher Hasenhaarschneider. Sie hatten sich seit Anfang des 20. Jahrhunderts anderen Berufen zugewandt. Mit den Glanzstoff-Fabriken und später auch mit dem Flughafen traten neue Arbeitgeber auf den Plan, die lukrativere und zumeist humanere Arbeitsbedingungen boten.

Den Titel "Das geschlossene Fenster" haben die Gymnasiasten gewählt, weil die Hasenhaarschneider das ganze Jahr über die Fenster geschlossen halten mußten. Jeder noch so leichte Windhauch hätte die nach unterschiedlichen Qualitäten sortierten Haare durcheinandergewirbelt. "Außerdem hatten wir auch bei unseren Recherchen manchmal das Gefühl, vor verschlossenen Fenstern zu stehen", sagt der sechzehnjährige Alexander. Ein ums andere Mal seien wichtige Dokumente angeblich oder tatsächlich verschwunden gewesen. Hinzu sei das Mißtrauen von Heimatforschern gekommen, die ihr gesammeltes Wissen vor fremdem Zugriff schützen wollten.

Für ihre trotz aller Widrigkeiten erfolgreiche Arbeit ernteten die Schüler nun das Lob der Preis-Jury. Hervorzuheben sei "die Verflechtung der lokalen Befunde mit der allgemeinen Wirtschaftsgeschichte und Demographie". Ein Geschichtsstudium streben die drei trotz der Auszeichnung nicht an: Noela will nach dem Abitur Musik, Julia Meeresbiologie und Alexander Sozialpädagogik studieren. Was auch immer daraus wird - eins steht für die Schüler fest: Besser als Hasenhaarschneiden wird es allemal sein. MATTHIAS TRAUTSCH

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