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Mainzer Restaurator : Meister Hora und die Laterndluhr

Wertsache: Uhrmacher Dietmar Koester und der fast 200 Jahre alte Zeitmesser Bild: Marcus Kaufhold

Über Silvester erfreut sich der Mainzer Restaurator Dietmar Koester an einer besonderen Pendeluhr. Das alte Jahr verabschieden in seiner Werkstatt aber andere.

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          Der kleine Laden im Mainzer Lauterenviertel scheint aus der Zeit gefallen. Zwei vollgestellte Schaufenster – und an den Wänden dahinter dürften wohl mehr als 70 mechanische Uhren aus drei Jahrhunderten hängen. Alle verfügbaren Arbeitsflächen werden offensichtlich gebraucht, um unzähligen Zifferblättern, Rädchen, Zeigern, Ankern, Federn und Pendeln den ihnen gebührenden Platz im Raum zukommen zu lassen. Was nicht mehr auf die Tische passt, wartet in Schubladen oder zur Not in Zigarrenkisten auf den richtigen Moment und die passende Aufgabe. Denn im Reich von „Meister Hora“, der eigentlich Dietmar Koester heißt, ist kein noch so kleines Ersatzteil überflüssig.

          Markus Schug
          Korrespondent Rhein-Main-Süd.

          Schon am Donnerstag könnte der Uhrmacher und Restaurator ein neues Liebhaberstück in Händen halten, das, vom Alter gezeichnet, seiner Hilfe bedarf. Die 1830 gefertigte Wiener Laterndluhr aus der Manufaktur von Josef Lorenz ist eines von wohl nur sechs bis acht Exemplaren, die einst hergestellt wurden. Sie gehören zu den Frühwerken eines vor allem entlang der Donau im späten 19. Jahrhundert beliebten und entsprechend stark verbreiteten Typs von Pendeluhren, deren meist aufwendige Gestaltung von englischen Vorgängern beeinflusst wurde. Ein solches Prachtexemplar, das laut Koester lange in einem Vorort von Wien aufbewahrt worden ist und erst vor kurzem in den Besitz eines deutschen Sammlers gelangte, kam schon vor Monaten zur Reparatur nach Mainz – und wird dort, nachdem der aus drei Bauteilen bestehende Zeitmesser generalüberholt wurde, nun noch ein Weilchen hängen und weiterlaufen müssen, bis alle erforderlichen Tests beendet sind.

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          Konkret handelt es sich um einen Biedermeierregulator mit Gewichtsantrieb, der in einem dreiseitig verglasten und eineinhalb Meter hohen Gehäuse aus Pyramidenmahagoni mit typischem Dreiecksgiebel steckt. Geräte wie dieses bringen den Uhrendoktor, der als Jurist in früheren Jahren auf der ganzen Welt unterwegs war, zum Schwärmen: „Einmal aufgezogen, läuft die Pendeluhr drei Monate“, sagt Koester, der die inneren Werte des im Kunsthandel mir rund 60.000 Euro veranschlagten Zeitmessers gar nicht genug loben kann. Die an eine Laterne erinnernde Uhr verfüge über eine Schneidaufhängung und ein aus Messing- und Stahlelementen geformtes Kompensationspendel, das über Monate hinweg eine selten zu erlebende Ganggenauigkeit mit minimalsten Abweichungen im Sekundenbereich garantiere. Was das Modell zum „Vorläufer moderner Uhren“ machte.

          190 Jahre alte Uhr

          Als die Laterndluhr in die Werkstatt kam, um von dem 54 Jahre alten Uhrmacher zerlegt, gereinigt und wieder aufgebaut zu werden, waren sowohl das Gehäuse als auch die Uhrentechnik schwer geschädigt. Nun, da für die 190 Jahre alte Uhr der Sprung ins nächste Jahr bevorsteht, sind Stunden-, Minuten- und Sekundenzeiger aber wieder so gut in Schuss, dass sie kaum hörbar über das mit feuervergoldeter Umrandung verzierte Emaillezifferblatt jagen können.

          Im sonst so ruhigen Antik-Laden in der Mainzer Innenstadt, dessen aus einer Uhrmacherfamilie stammender Inhaber weniger von Laufkundschaft als vielmehr von seinem guten Ruf unter Sammlern lebt, dürfte an Silvester vermutlich ordentlich was los sein. Denn auch, wenn die Wiener Laterndluhr selbst kein Schlagwerk besitzt, werden es sich viele der anderen Tisch-, Wand-, Stand- und Pendeluhren in Koesters Werkstatt mit Sicherheit nicht nehmen lassen, das alte Jahr um Mitternacht mit jeweils zwölf Stundenschlägen gegen Glocken aus Bronze oder Messing, auf Tonfedern und Klangstäbe gebührend zu verabschieden – und 2021 zu begrüßen.

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